SCHÖNAICH

Orkan sorgt für Tod und Verwüstung

An diesem Haus am Ortseingang von Schönaich wurde das Dach zu einem Drittel weggerissen. Foto: Klaus Vogt

Der Deutsche Wetterdienst hatte bereits am Samstag für den Sonntagabend vor möglichen Orkanböen am südlichen Rand der Kaltfront „Fabienne“ gewarnt. Am Wetterradar konnte man am Sonntag dann gut verfolgen, wie sich aus Nordwest eine lang gezogene Sturmlinie näherte. In der Region Main-Rhön traf es gegen 17.15 Uhr zuerst den Landkreis Bad Kissingen, wo die Feuerwehren zu umgestürzten Bäumen und Schlammlawinen ausrücken mussten. Gegen 17.40 Uhr erreichte die Front den westlichen Teil des Landkreis Schweinfurt. Gegen 18 Uhr traf sie im Raum Gerolzhofen ein. Das Unwetter dauerte nur wenige Minuten. Peitschender Wind jagte Starkregen wie Gischt über die Landschaft. Danach war der Spuk schon wieder vorbei und es regnete nur noch leicht weiter.

Hunderte Notrufe

Infolge des Unwetters hatten die Einsatzzentralen der Polizei und der Rettungsdienste alle Hände voll zu tun. Bei der Polizei-Einsatzzentrale gingen 359 Notrufe ein, teilt Pressesprecher Andy Laacke mit. Innerhalb von drei Stunden mussten die Streifen 297 Einsätze abarbeiten, die mit dem Sturmtief „Fabienne“ zu tun hatten. Bei der Integrierten Leitstelle (ILS) in Schweinfurt, die die Rettungs- und Feuerwehrdienste für Main-Rhön steuert, wurden während des Sturms rund 300 Notrufe abgearbeitet, teilt Schichtführer Frank Weitz mit. 132 Unwetter-Einsätzen der Feuerwehren sind bislang eingebucht, allerdings wurden zahlreiche Einsatzstellen von den Bürgern direkt vor Ort der Feuerwehr gemeldet. Diese sind in der Statistik der ILS noch nicht erfasst. Die Zahl der tatsächlichen Einsätze dürfte sich also noch deutlich erhöhen.

 

 

 

Im Landkreis Schweinfurt waren nach Mitteilung der ILS folgende Wehren im Einsatz: Alitzheim, Hundelshausen, Breitbach-Kammerforst, Eßleben, Ettleben, Euerbach, Gernach, Gerolzhofen, Gochsheim, Hambach, Heidenfeld, Hergolshausen, Hirschfeld, Lindach, Madenhausen, Marktsteinach, Mühlhausen, Oberschwarzach, Poppenhausen, Schallfeld, Schonungen, Schönaich, Schraudenbach, Schwanfeld, Schwebheim, Schweinfurt, Siegendorf, Sömmersdorf, Theilheim, Waigolshausen und Werneck. Hinzu kamen die Einheiten des Technischen Hilfswerks aus Gerolzhofen und Schweinfurt.

Kirchturmspitze ist weg

Die gravierendsten Schäden traten in den Ortschaften entlang der B 22 auf: in Stadelschwarzach, in Schönaich und im Raum Ebrach. In Stadelschwarzach brach der komplette Dachstuhl des Kirchturms ab und stürzte in die Tiefe. Dort steht jetzt nur noch der gemauerte Turmstumpf. Ein tragischer Vorfall ereignete sich in Ebrach. Auf einem Campingplatz stürzte gegen 18.20 Uhr ein Baum um und begrub eine Spaziergängerin unter sich. Die 78-jährige Frau erlitt dabei nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberfranken schwerste Verletzungen und starb noch an der Unglücksstelle.

Offenbar Windhose in Schönaich

Hart getroffen wurde der Oberschwarzacher Gemeindeteil Schönaich. Die massiven Schäden an den Häusern, Scheunen und an den Bäumen deuten darauf hin, dass hier mutmaßlich eine Windhose durchgezogen ist. Schwere Zerstörungen entstanden an einem frei stehenden Wohnhaus, links am Ortseingang von Breitbach kommend. Dort hat der Sturm nicht nur eine massiv gemauerte Bruchsteinmauer zum Einsturz gebracht und zahlreichen Obstbäumen die Kronen abgebrochen, sondern das komplette Dach des Hauses abgedeckt und dann sogar zu einem guten Drittel weggerissen.

Erhebliche Schäden auch am Anwesen gegenüber: Dort hat der von Westen heranrauschende Orkan das massive Blechdach eines Anbaus abgerissen, die Teile hoch in die Luft gewirbelt und auf die Hauptstraße und in Nachbargärten geschleudert. Im Garten des Hauses stürzte ein großer Kirschbaum um und begrub zwei parkende Autos unter sich. Am Ortsausgang in Richtung Ebersbrunn gab eine komplette Scheune unter dem Druck des Sturms nach. Wo früher die Scheune stand, sieht man nun nur noch einen Berg aus Steinen, Balken und Ziegeln. Rund 20 Gebäude in Schönaich wurden mehr oder weniger stark beschädigt. Der Schaden lässt sich noch nicht beziffern, liegt aber sicher im hohen sechsstelligen Bereich.

Großeinsatz der Helfer

Kurz nach dem Sturm eilten mehrere Feuerwehren, sofern sie nicht in ihren eigenen Gemeinden gebraucht wurden, zur Hilfe nach Schönaich. „Wir haben versucht, die Dächer so gut wie möglich abzudichten“, berichtet Martin Dürrfuß, der Kommandant der örtlichen Wehr. Zum Einsatz kamen auch die Drehleitern der Feuerwehren aus Gerolzhofen und Gochsheim. „Gegen 1 Uhr am Morgen waren die Dächer dann grob gesichert“, sagt Kreisbrandrat Holger Strunk. Der nächtliche Einsatz wurde dann aus Sicherheitsgründen abgebrochen, insbesondere das Freischneiden der durch Bäume komplett unpassierbar gewordenen Verbindung im Wald Richtung Ebersbrunn. „Wichtig ist, dass den Bewohnern und den Rettungskräften nichts passiert ist“, so Strunk.

Dies betonte auch Innenstaatssekretär Gerhard Eck, der am Sonntagabend gemeinsam mit der CSU-Landtagskandidatin Barbara Becker in Schönaich war. Ebenfalls noch am Sonntagabend machte sich Landrat Florian Töpper ein Bild der Lage. Am Montagfrüh war Töpper noch einmal zusammen mit Kreisbrandrat Holger Strunk und der zuständigen Abteilungsleiterin für öffentliche Sicherheit und Ordnung am Landratsamt, Sonja Weidinger, in Schönaich. „Wenn man die zum Teil immensen Schäden an den Häusern und die großen umgeknickten Bäume sieht, können wir wirklich sagen, dass wir Glück im Unglück hatten. Wir sind froh und erleichtert, dass in unserem Landkreis kein Mensch verletzt oder gar zu Tode gekommen ist“, sagte Töpper. Besonders angetan war der Landrat von der großen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. „Ich konnte miterleben, wie jeder jedem geholfen hat. Diese Hilfsbereitschaft war und ist wirklich beeindruckend.“

Am Montagmorgen um 7 Uhr ging die Arbeit der Feuerwehr und des Oberschwarzacher Gemeindebauhofs in Schönaich aber schon weiter. Der Versuch, die Straße nach Ebersbrunn freizubekommen, wurde abgebrochen. Dort ist schweres Gerät vonnöten. Die Ortsverbindung bleibt erst einmal gesperrt. Auch andere Wehren in der Region waren am Montagfrüh wieder im Einsatz, so zum Beispiel die Gerolzhöfer Drehleiter zunächst in Unterspiesheim und danach in der kleinen Ortschaft Untersteinach bei Ebrach, die der Sturm ebenfalls sehr schwer getroffen hat. Dort gibt es noch größere Schäden als in Schönaich.

Zahlreiche Stromausfälle

Der schwere Sturm hat auch im Leitungsnetz der Unterfränkischen Überlandzentrale Mainfranken (ÜZ Lülsfeld) erhebliche Schäden hinterlassen. Am Sonntag waren ab 17.39 Uhr mehrere Ortschaften ohne Strom, wie Elmar Tell, der Bereichsleiter Netze bei der ÜZ, berichtet. Zunächst sorgte ein in eine 20 000-Volt-Freileitung gestürzter Baum für eine Versorgungsunterbrechung im Raum Schwanfeld. Kurz darauf gab es bei Stadelschwarzach massive Schäden an der überregionalen 380 000-Volt-Freileitung des Übertragungsnetzbetreibers TenneT, als im Orkan mehrere große Masten teilweise abknickten. Dabei herabfallende Leiterseile zerstörten eine 20 000-Volt-Leitung der ÜZ und legten damit die Stromnetze in Stadelschwarzach, Laub und Reupelsdorf lahm. Weitere umstürzende Bäume führten dann in Järkendorf, Neuses, Brünnau und Prichsenstadt zu einer automatischen Abschaltung des Stromnetzes. Schließlich waren auch die Ortschaften Schönaich, Hof, Ebersbrunn, Wiebelsberg, Düttingsfeld, Oberschwarzach, Mutzenroth, Kammerforst, Handthal und Breitbach ohne Strom. Betroffen waren im ÜZ-Versorgungsgebiet insgesamt 2400 Haushalte.

Den ausgerückten Servicetechnikern der ÜZ gelang es gemeinsam mit dem Schaltmeister in der ÜZ-Netzleitstelle kurz vor 19 Uhr nahezu alle Kunden wieder mit Strom versorgt. Schwierig war die Situation noch in Hof und Ebersbrunn. Dort sind die Leitungen im Waldgebiet massiv zerstört. Die Versorgung erfolgt die nächsten Tage über drei Notstrom-Aggregate.

Massive Stromausfälle durch in Leitungen gestürzte Bäume gab es nach dem Sturm auch im Raum Rauhenebrach über Ebrach bis hinüber nach Burgebrach.

An diesem Haus am Ortseingang von Schönaich wurde das Dach zu einem Drittel weggerissen. Foto: Klaus Vogt
Bei vielen Bäumen in Schönaich sind die Kronen in einer Höhe von rund fünf Metern abgebrochen. Dieses Schadensbild deutet auf den Durchzug einer Windhose hin. Foto: Klaus Vogt
Noch am späten Abend begannen die Feuerwehren, abgedeckte Dächer in Schönaich notdürftig abzudichten.

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