SCHLITZ/GRAFENRHEINFELD

Pausewang: "Grafenrheinfeld ist nur der Anfang vom Anfang"

Gudrun Pausewang
Gudrun Pausewang, Autorin von «Die Wolke», in Bergrheinfeld in der Nähe des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld auf einer Anti-Atom-Kundgebung. Pausewang kritisiert die heutige Generation für ihre Gleichgültigkeit. Foto: David Ebener (dpa)

Die Schriftstellerin Gudrun Pausewang kritisiert die heutige Generation für ihre Gleichgültigkeit. Sie würde sich viel zu wenig für die Umwelt- und Klimaprobleme dieser Zeit interessieren und für eine Verbesserung einsetzen, sagte die 87-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Man kann nur staunen, wie wenig Widerstand da geleistet wird. Es geht doch vor allem um das Wohl unserer Nachkommen», sagte die ehemalige Lehrerin mit Blick auf unerfüllte Klimaversprechen und atomare Unfälle wie 2011 im japanischen Fukushima.

Frage: Sie haben einige ihrer Bücher als Warnung vor den Gefahren der Atomkraft geschrieben? Ist das Ihrer Meinung nach angekommen?

Pausewang: Etwas schon. Denn das Buch «Die Wolke» ist seit 1987 auf dem Markt. Ich glaube, die Lehrer, die es als Klassenlektüre eingesetzt haben, machten die Jugendlichen neugierig und hatten auch Erfolg. Andere Lehrer haben Bücher bevorzugt, in denen die Welt heil war, die Guten belohnt und die Bösen bestraft wurden und sich zum Schluss alle Probleme in einem Happy End auflösen. Bei dieser Sorte von Büchern darf man seine Erwartungen nicht zu hoch ansetzen.

Sie haben sich sowohl schriftstellerisch als auch privat gegen Krieg und für mehr Umweltschutz stark gemacht. Hat es sich gelohnt, so viel Kraft reinzustecken?

Es geht gar nicht darum, ob es sich gelohnt hat, sondern um die Verantwortung unseren Nachkommen gegenüber. Die Schäden einer Reaktorkatastrophe beeinflussen die Zukunft unserer Nachkommen noch eine unendlich lange Zeit negativ. Darunter haben auch viele jener Kinder zu leiden, die erst lange nach einer atomaren Katastrophe wie in Tschernobyl oder Fukushima geboren werden und trotzdem missgebildet sind oder an Leukämie leiden. Ich habe mich ja auch längst nicht allein gegen die Atomindustrie gewehrt. Es gibt eine Menge von Atomgegnern. Gerade beim Abschaltfest Grafenrheinfeld Ende Mai in Schweinfurt hat man das wieder gemerkt. Allerdings war der Widerstand in den 70er- und 80er-Jahren noch viel größer. Ich brauche nur an Wackersdorf und die vielen Anti-Atom-Demos zu denken. Ein großer Teil des Widerstands ist heute eingeschlafen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, viele denken, dass Widerstand ja doch keinen Zweck hat. Anderen ist Widerstand zu anstrengend. Wieder andere sind der Meinung: Es wird schon nichts passieren. Auch Angst wird heutzutage geradezu verteufelt. Damals - in der Zeit von Wackersdorf und Tschernobyl - empfand man sie ganz anders. Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, wurde uns von der Natur mitgegeben. Sie soll uns vor Gefahren warnen und hat das Ziel, uns Menschen überleben zu lassen. Wenn wir Menschen nicht fähig wären, Angst zu empfinden, gäbe es uns schon längst nicht mehr.

Macht der Widerstand gegen die Angst die heutige Generation gleichgültiger?

Möglicherweise mag sie sich nicht mit Unangenehmem beschäftigen. Am bequemsten ist die Einstellung: «Na, es wird schon alles gut gehen!». Aber wir dürfen nicht alle negativen Entwicklungen, zum Beispiel auch die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, auf die kommenden Generationen abwälzen. Seit dem Kyoto-Protokoll 1997 gab es beispielsweise nur noch verschwommene Absichtserklärungen der einzelnen Staaten der Erde, aber keine konkreten Verpflichtungen mehr. Auch die Katastrophe von Fukushima hätte eine viel stärkere Wirkung haben und eine große Anti-Atom-Bewegung auslösen müssen. Man kann nur staunen, wie wenig Widerstand da geleistet wird. Es geht doch nicht um irgendetwas Nebensächliches. Es geht doch um das Wohl unserer Nachkommen.

Was sollte sich ändern, damit das wieder besser wird?

Vor allem muss das Verantwortungsbewusstsein zunehmen. Heutzutage ist vom Verantwortungsbewusstsein für die zukünftigen Generationen nicht viel zu spüren.

Ist das Abschalten des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld für Sie der erleichternde Anfang vom Ende?

Nein. Es ist nur der Anfang vom Anfang. Es ist ein ganz kleiner Schritt, der sich auch nur auf Deutschland bezieht.

Würden Sie das Buch «Die Wolke» heute so noch einmal schreiben?

Ich würde es genau so wieder schreiben. Nur die Endlager- und Zwischenlager-Thematik würde ich noch einfügen. Wir haben ja auf der ganzen Welt noch kein Endlager gefunden.


Die Jugendbuch-Autorin Gudrun Pausewang ist unter anderem bekanntgeworden mit dem Buch «Die Wolke». Das fiktive Szenario beschreibt den GAU eines Atomkraftwerks aus der Sicht einer 14-Jährigen. Vorlage dafür war das KKW Grafenrheinfeld. Pausewang lebt in Osthessen und fährt mit ihren 87 Jahren noch immer gern Auto. Allerdings nur in ihrem Wohnort, wo sie sich auch auskennt. Obwohl sie bereits 100 Bücher geschrieben hat, schreibt sie jeden Tag weiter. Hier geht es zu einem ausführlichen Porträt der Autorin.

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