SCHWEINFURT

Petition gegen zu viel Licht: Damit die Nacht dunkel bleibt

Damit die Sternwarte weiter benutzt werden kann: Die Hobbyastronomen Michael Sessler (links) und Florian Köhler machen sich gegen Lichtverschmutzung stark.
Damit die Sternwarte weiter benutzt werden kann: Die Hobbyastronomen Michael Sessler (links) und Florian Köhler machen sich gegen Lichtverschmutzung stark. Foto: Nicolas Bettinger

„Viele junge Menschen haben die Milchstraße noch nie gesehen“, sagt Michael Sessler bedauernd während er in der Schweinfurter Sternwarte steht. Hier, in der Walther-Rathenau-Schule, zu der die Sternwarte gehört, machte der 36-Jährige einst Abitur und entdeckte seine Leidenschaft für die Astronomie. Diese sieht er seit vielen Jahren gefährdet, da die Beleuchtung in Städten und Straßen die Sicht auf einen klaren Sternenhimmel beeinträchtigt. „Es wird immer heller in der Nacht, die Sicht nach oben immer schlechter“, so Sessler.

Der Berater für Internetanwendungen ist mit seiner Sorge nicht alleine. Über die Dächer von Schweinfurt blickt mit ihm an diesem Tag Florian Köhler. Er ist ebenfalls ein ehemaliger Schüler und gehört zum Verein „Freunde des Walther-Rathenau-Gymnasiums und der Walther-Rathenau-Realschule der Stadt Schweinfurt e. V.“. Er führt dort regelmäßig Sternwartenführungen durch und bemerkt, dass die Warte immer schlechter nutzbar wird. „Es liegt nicht am fehlenden Interesse, die Lichtverhältnisse lassen eine gute Sicht einfach of nicht mehr zu“, so Köhler. Der Diplomingenieur beschäftigt sich auch beruflich mit städtischer Beleuchtung und kennt die Problematik. „Viele Lichtquellen strahlen in alle Richtungen, obwohl sie eigentlich nur nach unten leuchten müssten“, so der 31-Jährige.

Köhler weist aber daraufhin, dass die Stadt Schweinfurt die richtigen Schlüsse teilweise daraus ziehen würde. „Die Europa-Allee hat nun beispielsweise Lampen, deren Lichtkegel nur nach unten auf die Straße gerichtet sind“, erklärt Köhler. Dadurch würde kein unnötiges Licht in den Nachthimmel strahlen und damit den Sternenhimmel verblassen lassen. Für Michael Sessler ist das allerdings nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. „Wenn man sich die Reklamebeleuchtung anschaut, dann fragt man sich schon, warum das gemacht wird“, so Sessler. Demnach würden die meisten Menschen nachts schlafen und sähen hell erleuchtete Werbung ohnehin nicht. Auch für bei Nacht beleuchtete Einkaufsgeschäfte zeigt er kein Verständnis. „Hier spricht man zwar von Sicherheit, allerdings leuchtet man möglichen Einbrechern auch ihren Weg“, sagt Sessler.

Gefahr für Tier und Mensch?

Dass viele Sterne für Astronomen nicht mehr richtig sichtbar sind, weil viele Lichtquellen von der Erde nach oben strahlen, mag ärgerlich sein. Neben der Sicht auf den Nachthimmel sieht Sessler allerdings mehr Probleme. „Es wird immer vom Insektensterben geredet, aber dass viele Tiere durch übermäßige Beleuchtung verenden, darüber spricht niemand“, so Sessler. Demnach würden Insekten so lange um Laternen kreisen, bis sie vor Erschöpfung sterben. Auch für Zugvögel und andere Tiere hätte die Lichtverschmutzung negative Folgen. Florian Köhler betont sogar die Gefahr für den Menschen. „Die nächtliche Beleuchtung beeinträchtigt den Tag-Nacht-Rhythmus der Menschen“, so Köhler. Farbtöne, die dem Menschen eigentlich beim Wachwerden helfen sollen, würden den Schlaf bei Nacht stören. Nicht zuletzt sei die übermäßige Beleuchtung auch eine vermeidbare Energieverschwendung.

Regeln wie beim Lärmschutz

Aus diesen Gründen entschloss sich Michael Sessler vor einigen Monaten, eine Petition zu starten, mit der er Unterschriften sammelt. „Ich möchte mich mit einem Schreiben an die Umweltministerin Svenja Schulze wenden“, sagt Sessler hoffnungsvoll. Dafür sollten es aber schon über 10 000 Unterschiften werden, meint der Hobbyastronom. Bisher unterschrieben über 2200 Menschen, die über die Petitionsplattform Compact mitgemacht haben. „In erster Linie geht es darum, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren“, so Sessler. Sollte er sich aber tatsächlich an die Berliner Regierung wenden, will er klare Regellungen für den Umgang mit Licht fordern. „Für Lärm gibt es Regeln, ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Warum kann man nicht auch für Licht Richtlinien aufstellen?“, fragt sich Sessler.

Röthlein als Paradebeispiel

Dass er bei Politikern auf offene Ohren stoßen kann, hat Michael Sessler bereits in seinem Heimatort Röthlein erfahren. Auf seine Anregung an den dortigen Gemeinderat hin wurde beschlossen, dass im Industriegebiet Etzberg bei Austausch oder Anschaffung neuer Leuchten Modelle gewählt werden, die nicht nach oben strahlen. Dies geht aus einem Beschluss des Gemeinderats hervor. „Das zeigt, dass man die Menschen auf die Problematik hinweisen muss“, so Sessler. Dies mache ihm Hoffnung, auch von der Umweltministerin verstanden zu werden.

Sessler selbst ist davon überzeugt, dass neben der Politik auch jede Privatperson einen Beitrag leisten könne. Bewegungsmelder und schwächere Leuchtstärken seien Beispiele für die Minderung von Lichtverschmutzung. „Ein Lux (Einheit der Beleuchtungsstärke) entspricht der Helligkeit bei Vollmond. Das reicht für das normale menschliche Auge bei Nacht, um genug zu sehen“, sagt Sessler und fügt hinzu: „In den Städten haben wir oft über 100 Lux, das ist nicht notwendig.“ Michael Sessler und Florian Köhler wissen, dass in Zeiten von günstigen LED-Leuchten das Bewusstsein für Lichteinsparung gering ausfällt. Dennoch finden sie es wichtig, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Als die beiden die Sternwarte am Abend wieder verlassen, liegt Michael Sessler noch ein Satz auf dem Herzen:„Es geht nicht darum, die ganze Gemeinde in Dunkelheit zu hüllen.“

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