Schweinfurt

Pflegeeltern mal drei: Zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Sie halten zusammen, stützen einander: Eine Schweinfurter Pflegefamilie erzählt aus ihrem Alltag, was ihn ausmacht und von dem anderer Familien vielleicht unterscheidet. Foto: Katja Beringer

Sie sind eine Bilderbuchfamilie: Mama, Papa, drei Kinder zwischen vier und zehn Jahren, schönes Haus, geordnetes Leben. Die Eltern warmherzig und offen. Die Kinder so, wie Kinder in ihrem Alter nun mal sind. Die Zehnjährige schon eine kleine Dame, naja, manchmal; ihre jüngere Schwester ein Fan von rosa Spielsachen; der kleine Junge ein kleines Auto in der Hand. Doch so unbeschwert, wie sie beim ersten Kennenlernen wirken, sind die drei nicht. Sie haben einiges im Gepäck, schlechte Erfahrungen, prägende Kindheitserinnerungen, einen schweren Start ins Leben.

Die drei sind Pflegekinder. Und das ist auch der Grund, warum wir den Namen dieser Familie nicht nennen. Dass sie Pflegeeltern sind, ihre Kinder Pflegekinder – damit haben die beiden Schweinfurter kein Problem. Auch ihre Kinder wissen, dass Mama und Papa nicht ihre biologischen Eltern sind. Viele kennen die Geschichte dieser Familie, doch die breite Öffentlichkeit muss und soll es nicht erfahren. Denn schließlich sind die Fünf vor allem eines: "Eine ganz normale Familie."

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Aber auch eine, die sich manchmal besonderen Herausforderungen stellen muss. Frühförderung, Jugendpsychiatrie – was die Kinder in ihren Herkunftsfamilien erlebt haben, müssen sie verarbeiten. Viele Stellen helfen dabei, auch der Pflegekinderfachdienst. Er begleitet die Familie, eine von 65 Pflegefamilien der Stadt Schweinfurt. Die Hilfsbereitschaft, die sie erleben, sei groß, sagen die Pflegeeltern. Vor allem der Zuspruch ist beiden oft wichtig. Ein "es ist gut, wie Sie das machen" – auch das helfe in manchen Situationen. Und der Zusammenhalt der Pflegeeltern, die sich regelmäßig treffen. Freundschaften hätten sich entwickelt, man hilft sich weiter, kann den anderen anrufen, weiß, dass auch er so etwas schon einmal erlebt hat.

Die Treffen mit den leiblichen Eltern: nicht immer einfach

Zum Beispiel den regelmäßigen Umgang mit den biologischen Eltern. Er ist schwierig, nicht immer, aber oft. Die beiden Schweinfurter haben beide Extreme erlebt: Die junge Mutter, die ihnen ihr Kind anvertraute, gleich nach der Geburt, weil das Kind "es besser haben" sollte, und sich inzwischen zurückgezogen, den Pflegeeltern die Vormundschaft übertragen hat. Die Mutter, die das Treffen mit ihrem Kind oft ganz einfach kurzfristig absagt. Oder das Elternteil, das sein Kind zurückhaben wollte, vor Gericht ging. Ein Jahr hat es gedauert, bis die Rückführung abgelehnt worden ist. Ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen. Belastend für die Pflegeeltern – und das Kind. In diesen Momenten wird allen bewusst, dass diese Familie eine besondere ist. Eine, bei der ganz offiziell das Wohl der Kinder im Mittelpunkt steht. Der Gedanke an das, was sie erlebt hätten, mache traurig und wütend, sagt die Pflegemutter. Lerne man die Eltern kennen, ihre Lebensgeschichte, bleibe oft auch Mitgefühl. Über diese Menschen zu urteilen, sagt sie, "steht uns nicht zu".

"Diese Liebe trägt durch alles durch, da werden große Probleme ganz klein."
Kann man ein fremdes Kind lieben? Von den Pflegeeltern gibt es dazu ein klares Ja. 

Hätte man den Beiden vor zehn Jahren gesagt, wie ihr Leben heute aussehen würde, sie hätten es nicht geglaubt. Damals war klar: Beide wollen Kinder, eine Familie. Dann der Schock: sie können keine Kinder bekommen. Den medizinischen Weg wollten beide nicht gehen. Adoption? Eine Möglichkeit. Die Beiden gingen zum Jugendamt, das ihnen wenig Hoffnungen machte. Aber könnten sie nicht Pflegeeltern werden? Es gäbe so viele Kinder, die eine Familie bräuchten. Die Frage war irgendwie ein Schock, geben beide zu. Lange haben sie sich damit beschäftigt, sind zu einem Treffen der Pflegefamilien der Stadt Schweinfurt gegangen, haben gesehen, wie die Kinder ganz normal auf dem Schoß von Mama und Papa saßen, haben weiter diskutiert, gegrübelt – und sind dann langsam Schritt für Schritt den Weg gegangen. Füllten Fragebögen aus, legten "alles offen", führten viele Gespräche.  Immer die Frage im Nacken: Trauen wir uns das zu?

April 2011: Aus einer Partnerschaft wird eine kleine Familie

Sie trauten sich. Im April 2011 zog ihre erste Tochter ein. Noch gut können sich die beiden an die Euphorie erinnern, weil alles so glatt lief. Bei Pflegekindern ist das oft so. Doch nach einer Phase der "Überanpassung", wie Experten es nennen, beginnt oft eine nicht einfache Zeit. Die Kinder testen die neuen Eltern aus, stehen sie wirklich zu ihnen? Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis das Mädchen mit ihnen kuscheln wollte; beim kleinen Sohn waren es zwei Jahre. Er wurde von Polizisten gebracht, rannte die erste Zeit wie wild durch die Wohnung, wollte niemanden an sich ranlassen. Eine Zeit, in der die Pflegeeltern das ganz nötig brauchten, was in ihren Augen mit das wichtigste ist: Geduld haben, dem Kind die Zeit geben, verstehen, dass es Angst hat, die Situation, den Bruch in seinem Leben verarbeiten muss. Der Moment, als sich der Kleine dann auf ihren Schoß gesetzt hat, die Pflegemutter wird ihn nicht vergessen. 

Kann man ein fremdes Kind lieben? Das haben sich die Pflegeeltern vor zehn Jahren selbst gefragt. Und? "Man kann!" Auf ihre drei Kinder seien sie "unendlich stolz" und darauf, "mit ihnen schon so viel geschafft zu haben". Dass sie ein Kind verlieren könnten durch eine Rückführung in die Herkunftsfamilie (was selten vorkommt), dessen seien sie sich bewusst. Doch ein Kind zu verlieren, das wäre auch bei leiblichen Kindern möglich. Nur die meisten, sagt die Pflegemutter, blenden das aus. Dass viele Angst hätten davor, Pflegeeltern zu werden – die beiden können das verstehen, machen anderen aber Mut: "Angst haben muss man nicht." Denn: Was man bekomme, sei Liebe – "und diese Liebe trägt durch alles durch, da werden große Probleme ganz klein".

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