SCHWEBHEIM

Pionier der Wirtschaftspädagogik

Ein Gelehrter: Abraham Adler im Alter von 70 Jahren.
Ein Gelehrter: Abraham Adler im Alter von 70 Jahren. Foto: Sammlung Steffen Held

Vor 165 Jahren erblickte Abraham Adler in Schwebheim das Licht der Welt. In Leipzig startete er seine wissenschaftliche Karriere und gilt heute als Pionier der Handelswissenschaften, der wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre und der Wirtschaftspädagogik.

Am 11. Juni 1850 wurde dem jüdischen Ehepaar Adler in Schwebheim ein Sohn geboren. Sie gaben ihrem Kind den Vornamen Abraham. Der Vater, Simson Adler, verdiente als Händler und gemeinsam mit seiner Frau Hanna als Garkoch koscherer Speisen den Lebensunterhalt.

Schon früh zeigte sich bei Abraham Adler die Neigung, neben einer Vertiefung religiösen Wissens auch eine breite Allgemeinbildung und praktische Kenntnisse zu erwerben. Die Eltern, die über wenig Geld verfügten, förderten ihren Sohn nach Kräften. Nach dem Besuch der Dorfschule ermöglichten sie ihm Privatunterricht zur Vorbereitung auf eine pädagogische Ausbildung.

Unterstützung erhielt er von dem für Schwebheim zuständigen Distriktsrabbiner Mayer Lebrecht, der seit 1840 in Niederwerrn amtierte und im Gegensatz zur Mehrheit seiner Rabbinerkollegen in Unterfranken gemäßigte religiös-liberale Reformen im Judentum befürwortete. In der Synagoge in Niederwerrn erhielt Abraham Adler im Jahre 1863 wohl auch die Bar Mizwa, denn erst mit der Gründung der Jüdischen Kultusgemeinde Schweinfurt im Jahr darauf, wurde der Sitz des Distriktsrabbinats dorthin verlegt.

Abraham Adler besuchte das Lehrerseminar in Würzburg und wechselte anschließend an die Polytechnische Schule (die spätere Technische Hochschule) in München. Im Oktober 1870 bestand er die Staatsprüfung für das Handelslehramt und fand eine Anstellung als Lehrer der Handelswissenschaften an der Gewerbeschule in Aschaffenburg.

1873, im Alter von 22 Jahren, verließ Adler seine unterfränkische Heimat, um eine Stelle als Lehrer für Nationalökonomie und Handelswissenschaften an der Öffentlichen Handelslehranstalt (ÖHLA) im Leipzig, der sächsischen Großstadt und Handelsmetropole, anzutreten. Noch im selben Jahr wurde er mit einem nationalökonomischen Thema zur Grundrente an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig promoviert.

Bereits nach zwei Jahren an der ÖHLA übernahm Adler das Amt des Vizedirektors. Und obwohl seine Lehrtätigkeit im Kollegenkreis und unter den Studenten hoch geschätzt war, schloss er eine Rückkehr nach Bayern nicht aus. Es sollten fast zehn Jahre vergehen, bevor er sich in Leipzig tatsächlich heimisch fühlte.

Im Januar 1883 stellte Adler einen Antrag auf Erteilung des Bürgerrechts der Stadt Leipzig und Zuerkennung der sächsischen Staatsangehörigkeit. Erstaunlicherweise wurde ihm beides schon nach wenigen Tagen von den zuständigen Behörden gewährt. Jetzt war es an der Zeit, eine eigene Familie zu gründen. Seine Braut hatte er sich aus Unterfranken ausgewählt: die drei Jahre jüngere Henriette Adler aus Aschaffenburg, Tochter des Gerbermeisters Süß Adler. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, die Töchter Johanna (geboren 1884) und Emilie (geboren 1887).

Adler gehört zum Kreis der Initiatoren der 1898 in Leipzig gegründeten ersten deutschen Handelshochschule. 1899 wurde ihm der Professorentitel verliehen und seit 1900 war er neben seiner Tätigkeit in der ÖHLA auch als stellvertretenden Studiendirektor an der Handelshochschule tätig. Schließlich schied er aus der ÖHLA aus, um uneingeschränkt an der Handelshochschule wirken zu können. 1912 übernahm er das Amt des Studiendirektors.

Als Jude war Abraham Adler ein Vertreter der religiös-liberalen Richtung. Als 1915 der Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde unerwartet starb, übernahm Adler zunächst im Interim dieses Ehrenamt und leitete den Verwaltungszweig „Religionsschule“. Die nächsten Wahlen zur Gemeindevertretung 1917 bestätigten ihn in seinem Amt, das er dann bis zu seinem Tod ausübte.

Am 23. April 1922 starb Abraham Adler. Sein Grab ist auf dem Alten jüdischen Friedhof in Leipzig, neben seiner Frau, die schon 1901, im 48. Lebensjahr, gestorben war.

Die Tochter Johanna Lehmann arbeitete einige Jahre als Verwaltungsangestellte an der Handelshochschule. Im NS-Staat wurde sie 1933 entlassen. Am 21. Januar 1942 wurde sie nach Riga deportiert, später in Auschwitz ermordet. Die Tochter Emilie Deuel emigrierte 1933 in die Schweiz.

Schwebheim würdigt seinen bedeuteten Sohn durch eine Straßenbenennung. Seit 20 Jahren gibt es die in der Nähe des Etzbergrings verlaufende Abraham-Adler-Straße. So ist sein Name öffentlich sichtbar im kulturellen Gedächtnis der Gemeinde verankert. Darüber hinaus wird auch an die „jüdischen Mitbürger erinnert“, die von „1650 bis 1942 im Dorf“ lebten.

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