SCHWEINFURT

Professor Klaus Buchner: Tetra wird auf Dauer nicht funktionieren

KlausBuchner

Was weiß man über die Macht elektrischer Wellen, auf der immerhin das menschliche Denken basiert? Altmeister Nikola Tesla, „Erfinder“ des Wechselstroms, soll einmal drahtlos 200 Glühlampen in 26 Meilen Entfernung zum Leuchten gebracht haben. Die unsichtbare Elektro-Geisterwelt ist manchen unheimlich: So auch Edo Günther und Erich Waldherr vom Schweinfurter Bund Naturschutz, der zur Info-Veranstaltung zum Aufbau des Behördenfunks Tetra eingeladen hatte.

Dass die moderne Technikwelt ihre Tücken hat, bewies Referent Jörn Gutbier: Der Diplom-Ingenieur und Kommunalpolitiker der Grünen blieb auf dem Weg von Baden-Württemberg her im Stau stecken: Gutbier gehört zum Vorstand der Umweltschutzorganisation „Diagnose Funk“, die ein Tetra-Moratorium fordert. Professor Klaus Buchner übernahm beide Vorträge. Der Münchner Kern- und Strahlungsphysiker sowie langjährige Bundesvorsitzende der ÖDP rechnet scharf mit Tetra ab: „Terrestrial Trunked Radio“ (erdgestützter Bündelfunk) sei mit mindestens 10 Milliarden Euro Kosten zu teuer, inkompatibel mit anderen Funkstandards, etwa der Bundeswehr, gesundheitsgefährdend, energieaufwendig, umständlich im Betrieb, leicht zu knacken und störanfällig. Er werde schon aufgrund geringer Datenübertragungsrate durch ein effektives System ersetzt werden müssen: „Tetra wird nicht funktionieren – auf Dauer.“ Zudem sei der französisch-amerikanische Anbieter, der Konzern Alcatel-Lucent, durch Bestechungsskandale aufgefallen. In der Branche gebe es eine rigorose Lobbyarbeit bis in die Gutachten hinein. Buchner plädiert bei behördlichen Funktelefonen für modernere Systeme wie Tetra 2000.

Im Sommer hatte der BN mit einem offenen Brief die Landkreis-Gemeinden vor einem Probebetrieb des BOS-Digitalfunks, für „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben“, gewarnt: Die Kommunen bekämen schleichend Millionen-Kosten aufgehalst und wären bei Zustimmung haftbar, falls es zu Klageverfahren wegen Gesundheitsschäden käme. „Suchkreismittelpunktsgemeinden“ im Landkreis Schweinfurt wären Dingolshausen, Dittelbrunn, Gernach, Schonungen, Schwemmelsbach, Stettbach und Schweinfurt, so Erich Waldherr gegenüber der Zeitung. Die genauen Maststandorte würden den Gemeinden nicht mitgeteilt, kritisiert der Energiereferent des Kreis-BN die Informationspolitik.

Eher Unverständnis herrscht bei den Bürgermeistern: Friedel Heckenlauer traut den gewählten Politikern die nötige Fachkompetenz zu, um den Testbetrieb zu verantworten. „Es werden Ängste geschürt, die meines Erachtens nicht begründet sind“, findet der Stadtlauringer Rathauschef. Bislang sei Funk zwischen Behörden, über Kreisgrenzen hinweg, nicht möglich, der neue Standard diene der Sicherheit, vor allem in Sachen Feuerwehr. Richard Köth (Schwanfeld) hält, trotz Rücksicht auf Bürgersorgen, eine schnelle rettungsdienstliche Alarmierung für enorm wichtig in ländlichen Gemeinden: „Der Analog-Betrieb hat seine Tücken.“ Die gesundheitlichen Risiken von Mikrowellen seien keinesfalls eingebildet, hält Professor Buchner dagegen: Anders als der herkömmliche, vernachlässigte Analog-Funk solle Tetra rund um die Uhr mit voller Stärke strahlen, bis in Tiefgaragen hinein. Gepulst werde auf gleicher Wellenlänge wie das menschliche Gehirn, möglicherweise mit Folgen für den Puls von Schwerverletzten. Schädigungen an Tieren seien rund um Mobilfunkmasten nachweisbar: Vom Kopfweh bei oberbayerischen Kühen bis hin zu Missbildungen von Kälbern. Beim Menschen störten die Sender den Hormonhaushalt, was zu Depressionen, Parkinson, Schlafstörungen oder Stress führen könne. Weitere Auswirkungen, in der Schwangerschaft, beim Krebsrisiko oder auf die Blut-Hirn-Schranke seien zu befürchten. Die Belastung lasse sich durch Stoffe in Blut und Urin nachweisen, sei es nun durch Mobilfunk, funklose Haustechnik wie WLAN oder Richtfunk wie LTE, der zum Tetra-Nachfolger werden könnte. Foto: Eichler

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