WEIPOLTSHAUSEN

Pure Not trieb viele in die Emigration

Georg und Elisabeth Heß wanderten 1859 mit ihren vier Kindern in die USA aus.
Georg und Elisabeth Heß wanderten 1859 mit ihren vier Kindern in die USA aus. Foto: Ursula Lux

Mitte des 19. Jahrhunderts: Es herrscht große Not in Deutschland. Die stetig wachsende Bevölkerung, häufige Missernten und die sich daraus ergebenden Hungersnöte bedrohen die Existenz vieler Menschen. Ihr einziger Ausweg ist die Auswanderung nach Amerika.

Auch Adam Heß in Weipoltshausen trieb es in die Emigration. 1843 richtet er noch ein Gesuch um Unterstützung an den „Armen-Pflegschafts-Ausschuss“. In drastischen Worten schildert er die Situation seiner achtköpfigen Familie nach einer Missernte und bittet um Unterstützung „zur Ankaufung benöthigter Speise und Samengetreide“. Trotz Unterstützung, die er aufgrund seines „sittlichen Lebenswandels“ bekam, verdoppelten sich seine Schulden bis1859, sodass die Familie auswanderte, um ihr Glück in Amerika su suchen.

Historische Zeugnisse gesammelt

Wie so oft war es auch in Weipoltshausen das vielbesungene „Dorfschulmeisterlein“, das sich schon vor vielen Jahren um die Geschichte des Ortes kümmerte. Horst Schuhmann war bis zur Auflösung der Schule 1968 Lehrer in dem kleinen Dorf im Zeller Grund und begann schon früh, historische Zeugnisse, Texte und Bilder zu sammeln.

Schnell versammelte er auch Gleichgesinnte um sich und ein heimatgeschichtlicher Arbeitskreis nahm seine Arbeit auf.

Schuhmann war außerdem noch 24 Jahre lang im Gemeinderat, hat dort die Gebietsreform miterlebt und sich in seiner Freizeit durch die Archive gewühlt. 2001 gab er den ersten „Weipoltshäuser Heimatbogen“ heraus. Inzwischen sind es sieben, die sein Nachfolger, geistiger Erbe und ehemaliger Schüler Erich Baumann verwaltet. Kistenweise Lichtbildaufnahmen hat der ehemalige Lehrer Baumann zum Digitalisieren gegeben. „Arbeit für lange Winterabende“, meint dieser lachend.

Jeder Heimatbogen greift ein besonderes Weipoltshäuser Thema auf. Im ersten ging es um die Quellen und die Wasserversorgung, auf die die Bewohner noch heute stolz sind. Denn: „Wir haben eher Wasserleitungen gehabt als die Zeller.“ Und was für welche. Erich Baumann erinnert sich, dass er die ausrangierten Holzrohre, durch die das erste Wasser floss, als Kind noch gesehen hat.

61 Männer und 63 Frauen wanderten in die USA aus

Einer der Heimatbogen beschäftigt sich mit einem einschneidenden Ereignis der Weipoltshäuser Geschichte. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderte quasi das halbe Dorf in die USA aus: 61 Männer und 63 Frauen. Der hohe Anteil weiblicher Auswanderer ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Frauen, die keinen Mann fanden, ihr Dasein mühsam als Magd frönen mussten. „Eine Folge davon“, schreibt Schuhmann, „war auch die beträchtliche Anzahl nichtehelicher Kinder“, für die es keine Alimente gab.

Es war also die pure Not, die die Menschen in die Emigration trieb. So wie Adam Heß. Auch bei seinem Ortsnachbarn Kosmann Leibert herrscht „Mangel an Nahrungsmittel für Mensch und Vieh“. Er kann seine Frau und die zehn Kinder nicht mehr ernähren. Für ihn wie für viele andere in Weipoltshausen war es der letzte Ausweg, den Besitz zu versteigern und auszuwandern.

Dabei musste so eine Auswanderung wohl bedacht werden. Die Polizei warnte „vor Bauernfängern, Taschendieben und solchen Personen, die sich ihnen auf der Straße, in fremden Wirtschaften zum Geldwechseln oder zum Ankauf von Schiffskarten aufdrängen“.

Mit Segel- oder Damfschiff über den Atlantik

Auch das Amtsblatt des Königlichen Bezirksamtes Schweinfurt warnte vor kostenlosen Schiffspassagen mit dem Versprechen von 100 Dollar bei Ankunft und drei Jahren Arbeit. Der wahre Zweck sei, die Auswanderer „bei Ankunft in Amerika für die Armeen der Vereinigten Staaten anzuwerben, ja was noch unverzeihlicher ist, sei gleichsam zu verkaufen“.

Dass auch in Amerika nicht alles Gold ist, was glänzt, wussten die Auswanderer sehr wohl. So schrieb einer der Emigranten in die Heimat: „Aus Amerika wird nun kein Deutschland, so lange es auch währet.“

Wie die Weipoltshäuser nach Hamburg oder Bremen gekommen sind, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Von der über 6000 Kilometer langen Atlantiküberquerung per Segel- oder Dampfschiff aber gibt es schriftliche Zeugnisse.

„Durch das Schwanken des Schiffes wurde ich so seekrank, dass ich vier Tage keinen Bissen gegessen und keinen Tropfen getrunken habe“, schrieb einer der Passagiere an seine Eltern. Auch danach aß der junge Mann nichts vom Salzfleisch und von den Heringen. Seine einzige Nahrung war das Bier. „Aber es war sehr teuer, eine Flasche kostet 75 Pfennige.“

57 Tage dauerte die Überfahrt

Von den Nachfahren der aus Weipoltshausen stammenden Auswanderern haben einige wieder Kontakt in die Gemeinde geknüpft. Von ihnen erfuhr Schuhmann auch die Geschichte der Margaretta Derleder, die mit Mann und sechs Kindern 1854 in die USA auswanderte.

57 Tage dauerte die Überfahrt. Die Familie erwarb in Wisconsin Land. Sie hielt es aber in der Prärielandschaft nicht lange aus und zog, wie so viele andere Deutsche auch, kurze Zeit später nach Illinois, „da die dortige Landschaft mehr der heimatlichen Gegend in Deutschland glich“.

Margaretta Derleder genoss hohes Ansehen in ihrer Gemeinschaft, denn „als vornehme Dame, die sie war, traf man es nie an, dass sie sich beschwerte, sondern sie arbeitete hart und fleißig“.

Wohl informiert machten sich die Auswanderer auf die Reise in die USA. Dieses Buch für Amerika-Auswanderer half
dabei.
Wohl informiert machten sich die Auswanderer auf die Reise in die USA. Dieses Buch für Amerika-Auswanderer half dabei. Foto: Urusla Lux

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