SENNFELD

Querdenken für die regionale Wertschöpfung

Christian Hiß sagt es gleich vorneweg: Sein Geschäftsmodell zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft bringt erst mal keinen monetären Gewinn. Die Rendite ist der ökologische, soziale und regionale Mehrwert. „Wer das nicht versteht, braucht es gar nicht zu machen“ – Punkt.

Das sorgt schon ein bisschen für Irritation bei den knapp 30 Interessierten, die auf Einladung von Jimmy Weber und Gustav Tietze in die Sennfelder Sportheim-Gaststätte gekommen sind, um sich den Vortrag des schwäbischen Querdenkers über seine 2006 in Freiburg gegründete Regionalwert AG anzuhören, die regionale Biolandwirte und Ökohändler finanziert.

Eine ethische Geldanlage mit unklaren Gewinnaussichten, funktioniert das? Es funktioniert. Und wie es funktioniert, zeigt Hiß in seinem knapp einstündigen Vortrag auf.

In Kurzform funktioniert es so: Die Aktiengesellschaft sammelt Geld bei Bürgern, investiert es in Ökobetriebe aus der Region und schüttet die Gewinne aus Pachteinnahmen und Beratertätigkeiten als Dividenden an die Aktionäre aus. Bis jetzt hat das Modell Regionalwert AG zwar noch keine Gewinne abgeworfen, aber – wie gesagt – das ist auch nicht das vordergründige Ziel.

Dass die Idee des gelernten Gärtners aus dem Breisgau ankommt, zeigt ein Blick auf die Landkarte. Inzwischen gibt es drei weitere Regionalwert AGs in Deutschland, und drei weitere befinden sich laut Hiß in der Gründung. „Sennfeld ist da auch schon dabei.“

Wertschöpfung in der Region lassen

Das geht Jimmy Weber dann doch etwas schnell, auch wenn sich unter den Anwesenden eine junge Frau befindet, die zur Eröffnung eines Bioladens die Unterstützung einer Regionalwert AG gebrauchen könnte. Dass dieses Geschäftsmodell für die hiesige Region taugen könnte, davon ist Weber überzeugt. Denn immer mehr Verbraucher legen Wert auf regional erzeugte und vermarktete Produkte. „Sie wollen mit ihrem Geld nicht große Agrarkonzerne, sondern Betriebe unterstützen, die regional und auf Grundlage von sozialen und ökologischen Werten produzieren, verkaufen oder weiterverarbeiten.“ Mit Hilfe einer solchen Bürgeraktiengesellschaft könne es gelingen, den Menschen in der Region eine sinnvolle Geldanlage zu bieten und die Wertschöpfung in der Region zu halten. Davon ist Weber überzeugt.

Die Diskussionsrunde zeigt, dass aber noch viele Fragen offen sind. Vor allem die des erforderlichen Kapitals. „Zur Gründung der Regionalwert AG braucht man mindestens 150 000 Euro“, sagt Hiß und stellt gleich klar: „Das ist reines Risikokapital.“ Denn wenn das Unternehmen floppt, ist das Geld weg. „Wer soll denn dieses Geld zur Verfügung stellen?“, fragen die Anwesenden. „Finden Sie drei Personen, die mit jeweils 50 000 Euro einsteigen“, das sei eine überschaubare Summe, meint Hiß. Jimmy Weber ist optimistisch, diese Summe zusammenbringen zu können. Im Blick hat er die Generation der 50- bis 60-Jährigen, die in der Regionalwert AG Erspartes wertschöpfend anlegen könnten.

Ein Arbeitsplatz kostet 400 000 Euro

Die Bürgeraktiengesellschaft ist auch ein Modell, um landwirtschaftliche Höfe zu erhalten. Hiß präsentiert schockierende Zahlen: Waren 1947 noch 33 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, sind es heute nur noch ein Prozent. Oft fehle auf dem Hof ein Nachfolger, oft aber auch das Geld für Investitionen. Nach Hiß' Berechnung muss ein Landwirt für einen Arbeitsplatz pro Jahr 400 000 Euro investieren, um 80 000 Euro Umsatz zu erwirtschaften.

Ganz anders im Handel: Dort werden mit 45 000 Euro Investition für einen Arbeitsplatz 350 000 Euro Umsatz gemacht.

„Die Zukunft der Landwirtschaft ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und darf nicht allein den Bauern überlassen werden“, wirbt Hiß für sein sozio-ökonomisches Strukturmodell, das Unternehmer und Bürger der Wertschöpfungskette zusammenbringt. Die Freiburger Regionalwert AG hat bereits 714 Aktionäre, eine Aktie kostet 500 Euro. Laut Hiß liegt das Grundkapital bei knapp 3,5 Millionen Euro. Die Regionalwert AG vergibt allerdings keine Kredite, sondern investiert ihr Kapital selbst in die Betriebe und ist damit an Gewinn und Verlust beteiligt.

Drei Jahre Zeit für Gründung der Bürgeraktiengesellschaft

„In Sennfeld gibt es einige Höfe ohne Nachfolger“, weiß Rita Weber, die in puncto Gründungskosten nochmal nachbohrt. 5000 Euro verlangt Hiß für sein Informationspaket, mit dem die Gründung der Regionalwert AG vorbereitet werden kann. Drei Jahre hätten die Sennfelder dann Zeit, die Bürgeraktiengesellschaft aus der Taufe zu heben. Danach sind jährlich weitere 5000 Euro für Beratung und Betreuung fällig.

Die lebhafte Diskussion auch nach Ende der Veranstaltung zeigt, dass die Organisatoren des Abends mit dem Thema ins Schwarze getroffen haben. Und dass die Gründung einer Regionalwert AG ernsthaft erwägt wird, belegt die Unterschriftenliste, auf die sich die Anwesenden für das nächste Treffen bereits in vier Wochen eingetragen haben. „Die 5000 Euro zum Loslegen bringen wird zusammen“, da ist sich Jimmy Weber sicher.

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