Schweinfurt

Raubkunst: Ein Jude entdeckt einen "Gruß des Urgroßvaters"

Ein emotionaler Moment: Eytan Tel-Tsur sieht als 71-Jähriger erstmals ein Erinnerungsstück seines Urgroßvaters. Eine tragische Familiengeschichte steht dahinter.
Ein großer Augenblick: Eytan Tel-Tsur betrachtet den Fuß eines Hawdala-Leuchters, den sein Urgroßvater Max Eisenheimer einst der jüdischen Gemeinde in Schweinfurt gestiftet hat. Er ist Teil der Ausstellung 'Sieben Kisten mit jüdischem Material' im Museum für Franken in Würzburg.
Ein großer Augenblick: Eytan Tel-Tsur betrachtet den Fuß eines Hawdala-Leuchters, den sein Urgroßvater Max Eisenheimer einst der jüdischen Gemeinde in Schweinfurt gestiftet hat. Er ist Teil der Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Museum für Franken in Würzburg. Foto: Anand Anders

Für einen kurzen Moment scheint dem 71-Jährigen der Atem zu stocken. Er steht vor der hohen Glasvitrine und sieht einen "Gruß meines Urgroßvaters". Es ist ein emotionaler Moment für Eytan Tel-Tsur. Er ist aus Israel angereist, um die Ausstellung"Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Museum für Franken in Würzburg zu besuchen. Dort steht in einer Vitrine der Fuß eines Hawdala-Leuchters, den der Schweinfurter Eisenwarenhändler Max Eisenheimer einst der jüdischen Kultusgemeinde in seinem Heimatort in Erinnerung an seine Mutter gestiftet hat. "Zum ehrenden Gedenken an Frau Helene Eisenheimer" steht in Hebräisch und Deutsch auf dem Sockel. Vom Leuchter selbst ist nichts mehr übrig geblieben. Die Nazis plünderten während des Novemberpogroms 1938 die Synagogen auch im Landkreis Schweinfurt und brachten die Wertsachen ins Museum nach Würzburg. Beim Bombenangriff auf die Stadt wurde dann vieles zerstört, so auch der Leuchter.

Eytan Tel-Tsur ist der erste und bislang einzige Nachkomme eines der jüdischen Stifter der ausgestellten Ritualgegenstände, der ins Museum nach Würzburg gekommen ist. So ist es auch für Museumsleiterin Claudia Lichte ein bewegender Moment, als sie den 71-Jährigen zu der Vitrine mit der Raubkunst aus der Schweinfurter Synagoge ganz am Ende des Ausstellungsraums führt. Eytan Tel-Tsur will auf dem Weg dorthin viel wissen – über das Museum, über die Sammlung, über die Zerstörung Würzburgs. Immer wieder bleibt er stehen, stellt Fragen. Fast möchte man meinen, er will den großen Augenblick noch etwas hinauszögern. "Ich gehe zurück in die Geschichte meiner Familie", beschreibt er im Nachhinein seine Gefühle beim Anblick des Leuchterfragments.

Am Fuß des Leuchters ist eine Gedenkschrift in Deutsch und Hebräisch eingraviert.
Am Fuß des Leuchters ist eine Gedenkschrift in Deutsch und Hebräisch eingraviert. Foto: Anand Anders

Die Ausstellung in Würzburg entstand in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum München. Dort war sie bis 1. Mai zu sehen. Von dort hatte Eytan Tel-Tsur auch ein Foto von dem Ausstellungsstück aus seiner Familie zugesandt bekommen. Von dem silbernen Kerzenhalter ist nur der runde, profilierte Fuß und der quadratische Unterbau erhalten geblieben. Die Deformierungen entstanden vermutlich bei der Bombardierung Würzburgs, bei der das ehemals in der Stadt angesiedelte Museum komplett zerstört wurde. Und mit ihm viele kulturhistorische Schätze. Als der 71-Jährige den Leuchterfuß  vor sich sieht, ist er doch überrascht, "dass er so klein ist". Der ursprüngliche Leuchter war freilich größer. Denn an der Oberseite des quadratischen Unterbaus saß noch ein rundes Gehäuse, in dem eine Schublade für Gewürze eingelassen war. Darüber waren vier Rundstäbe im Quadrat angeordnet, an denen wiederum eine Tülle als Halterung für die geflochtene Hawdala-Kerze befestigt war. 

Eytan Tel-Tsur ist nicht religiös aufgewachsen

Hawdala ist ein mehr als zweieinhalb Jahrtausend altes religiöses Ritual im Judentum, das am Samstagabend bei Nachteinbruch das Ende des Schabbat und den Beginn der neuen Woche kennzeichnet. Bei der Zeremonie werden alle Sinne angesprochen, so auch der Geruchssinn, deshalb die Schublade mit den Gewürzen. Eytan Tel-Tsur kennt den Brauch, hat ihn als Kind bei Freunden im Kibbutz Hasorea gesehen, wo er aufgewachsen ist. Seine Familie war nicht religiös. "Wir haben Speck und Schweinefleisch gegessen", sagt Tel-Tsur schmunzelnd. Erst viel später hat er sich für das Judentum interessiert. Zwei seiner drei Brüder haben sich dem orthodoxen Glauben zugewandt.  

Eytan Tel-Tsur mit Ehefrau Sara (links) und Museumsleiterin Claudia Lichte (rechts) vor der Vitrine mit der Raubkunst aus der Schweinfuter Synagoge.
Eytan Tel-Tsur mit Ehefrau Sara (links) und Museumsleiterin Claudia Lichte (rechts) vor der Vitrine mit der Raubkunst aus der Schweinfuter Synagoge. Foto: Anand Anders

Eytan Tel-Tsur ist zum dritten Mal in Deutschland, um nach Spuren seiner Vorfahren zu suchen. Diesmal hat er seine Ehefrau Sara dabei, die nach dem College aus Amerika als Freiwillige nach Israel kam, wo sie Eytan Tel-Tsur kennenlernte und heiratete. Gemeinsam machten sie viele Reisen in Europa, verbrachten auch zweieinhalb Jahre in den USA und leben seit 1976 wieder in Israel, in Kfar -Saba, 80 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv nahe der Grenze zum Westjordanland.

Der Vater ist schon mit 16 Jahren nach Palästina ausgewandert

Tel-Tsur arbeitet in Israel als Reiseleiter, spricht mehrere Sprachen, auch fließend Deutsch, und ist an fremden Kulturen interessiert. Das hat er von seinem Vater Ernst (Martin) Schelzer, der aus der ehemaligen Schweinfurter Eisenwarenhandlung "Eisenheimer" in der Spitalstraße stammte und 1934 im Alter von 16 Jahren nach Palästina auswanderte. Rechtzeitig, wie sich später herausstellen sollte. Warum der Vater in so jungen Jahren ausgewandert ist, weiß auch Eytan Tel-Tsur nicht. "Er hat nicht viel aus dieser Zeit erzählt." Der 71-Jährige hat sich deshalb selbst auf den Weg in die Heimat seines Vaters gemacht, um mit Unterstützung von Elisabeth Böhrer aus Sondheim, die seit Jahrzehnten die Schicksale hiesiger Juden während des Nationalsozialismus erforscht, seine Familiengeschichte aufzuspüren. 

Eytan Tel-Tsur und Ehefrau Sara vor dem Haus in der Spitalstraße 14 in Schweinfurt, in dem einst die Eisenwarenhandlung des Großvaters war.
Eytan Tel-Tsur und Ehefrau Sara vor dem Haus in der Spitalstraße 14 in Schweinfurt, in dem einst die Eisenwarenhandlung des Großvaters war. Foto: Anand Anders
Die Kundenbestellungen trafen mit Postkarten ein.
Die Kundenbestellungen trafen mit Postkarten ein. Foto: Anand Anders

Es ist eine tragische Geschichte. Sie führt zurück ins Jahr 1869, als Urgroßvater Max Eisenheimer in der Spitalstraße 14, dem heutigen Wöhrl-Kaufhaus, eine Eisenwarenhandlung eröffnet. Gegründet hat die Firma 1846 Nagelschmiedemeister Isaak Eisenheimer, der Ur-Ur-Großvater von Eytan Tel-Tsur, in Gochsheim. Der Umzug nach Schweinfurt ließ das Geschäft aufblühen. Elisabeth Böhrer hat einen ganzen Stapel Postkarten mit Bestellungen von Kunden aufgespürt, sie kamen aus ganz Deutschland. Nach dem Tod von Max Eisenheimer übernahm dessen Tochter Sabine, Eytans Oma, mit ihrem Ehemann Alfred Schelzer das Geschäft. Sie hatten drei Kinder: Hertha, Herbert und Ernst, der Vater von Eytan.

"Ich gehe zurück in die Geschichte meiner Familie."
Eytan Tel-Tsur, Nachkomme der Familie Eisenheimer

Die Tragödie beginnt 1933. Hertha legt in diesem Jahr das Abitur ab. Weil sie als Jüdin nicht an der Abiturfeier teilnehmen und studieren darf, nimmt sie sich das Leben. Die beiden Brüder, 16- und 17-jährig, kehren danach ihrer Heimatstadt den Rücken und reisen 1934 bzw. 1935 nach Palästina aus. Auch die Eltern Sabine und Alfred, Eytans Großeltern, verlassen Schweinfurt, flüchten 1937 nach Berlin, in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt zu überleben. Wegen der Angst vor Verhaftung und Deportation nimmt sich Eytans Großmutter 1938 dort das Leben. Ihrem Ehemann Alfred gelingt 1944 die Flucht nach Israel zu den beiden Söhnen. Doch das Familienglück währt nicht lange. Der Älteste (Herbert) begeht am 8. Januar 1945 im Kibuz Suizid. 1949 setzt auch der Vater seinem Leben ein Ende. In Deutschland zurückgeblieben war nur die Großmutter Klara, Eytans Urgroßmutter. Sie überlebt die Nazizeit ebenfalls nicht, wird am 6. Oktober 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Als Einziger aus der Familie ist Eytans Vater Ernst übrig geblieben. Er hat mit diesem schweren Schicksal gelebt, änderte seinen Namen in Mordechai Tel-Tsur und heiratete 1942 die aus Berlin emigrierte Eva Rosenzweig, mit der er vier Söhne hatte. Eytan ist der Zweitgeborene. Der Vater starb 1983 durch ein Krebsleiden.

Am Grab von Urgroßvater Max und der so jung gestorbenen Tante Hertha auf dem Schweinfurter Friedhof sucht Eytan Tel-Tsur in Gedanken nach Antworten, wie das alles geschehen konnte. "Ich werde sie nicht finden", das weiß der 71-Jährige. Aber er findet Spuren, wie die Postkarte mit der Unterschrift seines Vaters, als dieser sieben Jahre alt war und von einem Ferienaufenthalt Grüße nach Schweinfurt schickte. Oder den Hawdala-Leuchter in der Ausstellung im Würzburger Museum, den sein Urgroßvater einst in der Hand gehalten hat.

Sieben Kisten mit jüdischem Material
Die Ausstellungskooperation zwischen dem Jüdischen Museum München und dem Museum für Franken zeigt rund 150 Ritualgeräte, die aus unterfränkischen Synagogen stammen und von einem regen jüdischen Leben künden, das mit der Schoa ausgelöscht wurde. Die präsentierten Objekte wurden bei Inventarisierungsarbeiten 2016 im Depot des Museum wiederentdeckt. Sie stammen unter anderem aus den Synagogen in Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim, Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg. Dort waren sie im Zuge des Novemberpogroms 1938 von den Nationalsozialisten geraubt worden. Wie sie ins damalige Mainfränkische Museum gelangten, ist nicht vollständig geklärt. Ihr teilweise fragmentierter Zustand weist darauf hin, dass sie schon vor der Zerstörung des alten Museumsgebäudes 1945 dorthin kamen. 1947 sollte das Museum das Raubgut dem Offenbach Archival Depot übergeben, in dem die US-Army beschlagnahmten jüdischen Besitz sammelte. Einige Kisten, in denen die Wertgegenstände lagerten, blieben aber im Würzburger Museumsdepot zurück. Die wiederentdeckten Objekte werden bis 20. Oktober im Museum auf der Festung Marienberg ausgestellt. Danach werden sie treuhänderisch an die israelitische Kultusgemeinde Würzburg-Unterfranken übergeben, die weitere Möglichkeiten zu Ausstellungen einräumen will.

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