SCHWEINFURT

Renaud Capuçon und die Bamberger Symphoniker

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Hätten Mozart und Bruckner den Buchtitel des deutschen Philosophen und Publizisten Richard David Precht gekannt, vielleicht hätten sie sich diese Frage auch gestellt. Zumindest bei den Werken dieses Abends wurde die Vielgestaltigkeit und Farbigkeit zu einem Wesensmerkmal.

Werke, die sich schwerlich einordnen lassen, die eine Unmenge von musikalischen Gedanken in sich tragen, dabei bisweilen diese Gedanken nur ansprechen und dann an einer ganz anderen Idee weiterspinnen. Doch hören wir genauer hin. Markus Poschner hatte für sein Gastdirigat bei den Bamberger Symphonikern das dritte Violinkonzert G-Dur KV 216 von Wolfgang Amadeus Mozart und die Symphonie Nr. 3 d-Moll von Anton Bruckner in der Originalfassung von 1873 mitgebracht.

Violinsolist Renaud Capuçon lauschte mit geschlossenen Augen, nahm das Orchestervorspiel in sich auf, ehe er sein Instrument zwischen Schulter und Kinn nahm und halb versonnen auf das Orchestertutti antwortete. Im langsamen zweiten Satz erhob sich die Geigenstimme wie auf Flügelschwingen über einem warmen Aufwind, war an Zartheit kaum zu überbieten. Capuçon ließ seine „Panette“ in den Kadenzen singen, phrasierte klug und stellte sich ganz in den Dienst deren Klangschönheit.

Die Zuhörer erlebten eine sehr innige Interpretation von Capuçon, immer getragen von der Zwiesprache mit seinem Instrument einerseits und dem Orchester andererseits. Überhaupt war der heimliche Star des Konzertes die Violine von Guarneri del Gesu „Panette“, entstanden im Jahr 1737, fast fünfzig Jahre älter als Mozarts Violinkonzert. Bespielt seit fast dreihundert Jahren sang sie ihren Part mit der Reife und Grandezza einer selbstbewussten Dame, mit der Frische und Unbekümmertheit eines Naturkinds. Mit Körper im Klang, samten und warm. Eine Kantilene aus Glucks Oper Orpheus als Zugabe betörte. Kein Huster störte die Andacht.

Aus ganz anderem Holz war Bruckners so genannte Wagner-Symphonie geschnitzt. Dem gewaltigen Werk stellten sich die Bamberger mit entwaffnender Kompromisslosigkeit und nahmen es mit dessen oftmals brachialer Komplexität auf. Poschner führte die Bamberger mit leidenschaftlicher Beherztheit und genauer Kenntnis des Werks durch dessen monumentalen Klangdschungel. Der Dirigent aus der Brucknerstadt Linz hatte mit der Originalfassung der Dritten das Schatzkästlein geöffnet. Er legte das so spezifische Bruckner-Blech frei und ließ der ungestümen Kraft des Werks ihren Raum.

Die Akustik des Schweinfurter Theaters geriet dabei jedoch an ihre Grenzen, die Bamberger in Wagnerorchestergröße fluteten den Saal. Gleichermaßen schuf Poschner aber auch Regenerationsphasen, nutzte Pausen zum Atemholen, schälte aus so entstandenen stillen Momenten die Holzbläser heraus. Es gelang ihm, die Kanten des Werks zu schleifen und den Werkstoff zum Funkeln zu bringen.

Eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage erübrigte sich ob des Reichtums an musikalischen Einfällen. Derart üppig beschenkt konnten die Zuhörer gar nicht genug bekommen. Erna Rauscher

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