Gochsheim

Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner

Reporter in Betrieb: Vom Lageristen bis zum Mechaniker – Ein erlebnisreicher Tag bei Reifen Müller in Gochsheim
Zehn Muttern, volle Konzentration: Per Luftdruckschrauber wird der Lkw-Reifen wieder befestigt. Foto: Anand Anders

Ein Donnerstag Ende Juli, 8 Uhr morgens. Der Lastwagen mit großem Hänger steht schon auf dem Hof, die Mitarbeiter von Reifen Müller sind bereits mit Abladen beschäftigt. Filialleiter Hermann Korell erwartet mich. Der Blaumann liegt bereit, schnell angezogen, Polo-Shirt, Kappe auf den Kopf, los geht mein Tag als Reporter in Betrieb in der Reifenwerkstatt im Gochsheimer Industriebetrieb.

Rumms, der Lkw-Fahrer schmeißt die Reifen mit gekonntem Schwung vom Stapel auf die Ladefläche. Flapp, flapp, flapp, beim Rollen nach vorne hört man den Aufkleber auf den Reifen – fangen, hochheben, dem Kollegen geben, auf der Palette stapeln. Reifen für Reifen für Reifen, rund 200 an diesem Morgen. Eine kleine Lieferung, im Übrigen, die Reifen-Müller-Jungs haben auch schon 1500 Reifen auf einmal ausgeladen und dann in ihren Lagern verteilt.

Aber ehrlich gesagt, mir reichen die 200. Die Reifen sind nicht besonders schwer und als Häuslebauer, der mit seiner Frau mehrere tausend Stunden auf dem Bau verbracht hat, bin ich ein bisschen was gewohnt. Anstrengend ist es trotzdem, denn man muss richtig hinlangen, wenn ein Reifen auf einen zurollt. Und der Lkw-Fahrer hat's eilig, es rollt und rollt und rollt.

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Stapeln im Lager

Nach einer guten halben Stunde ist alles abgeladen, fein säuberlich nach Größen und Marken gestapelt, gezählt, der Lieferschein abgezeichnet. Werkstattleiter Ben Hill und seine Mitarbeiter Nickolas Valdivia sowie Seljat Jusufi weisen mir den Weg ins Allerheiligste, das Lager. Hier wird quasi ständig aufgeräumt, zart besaitete Gemüter würden sisyphoshafte Züge an diesen Arbeiten erkennen – kaum ist die Saison für Sommerreifen vorbei, beginnt die Saison für Winterreifen. Kaum sind von der einen Sorte fast alle verkauft, müssen die anderen schon wieder nach Größen, Profilen und Herstellern eingelagert werden. In jeder freien Minute sind die Mitarbeiter von Reifen Müller damit beschäftigt, in der Filiale aufzuräumen. „Wir verdienen unser Geld“, sagt Seljat lachend. Vor allem im Sommer, wenn das Arbeiten unter dem Blechdach der Halle bei 30 Grad Außentemperatur saunahafte Züge annimmt.

Wie kommt der Reifen von der Felge? Robert Susnjic (links) weist Oliver Schikora ein.

Und vor allem, weil hier nicht nur Autoreifen fein säuberlich gestapelt werden, sondern die Gochsheimer Filiale von Reifen Müller – ein Familienbetrieb aus Westheim bei Hammelburg mit 48 Filialen in Süddeutschland und Thüringen – Experte für Lkw-Reifen ist und für die großen Transportunternehmen aus der Region erster Anlaufpunkt. Und 50, 60 Kilogramm schwere Lkw-Reifen muss man erst mal herumwuchten. Welch ein Segen so ein Stapler doch ist.

Auf das Team kommt es an

Hermann Korell kommt vorbei, sein Telefon klingelt quasi ununterbrochen, trotz des Stresses ist er gut gelaunt und freundlich-jovial – im Kundengespräch, aber vor allem mit seinen Mitarbeitern. Die Stimmung im Team ist, das merkt man schon nach kurzer Zeit, gut. Wir duzen uns alle, man neckt sich, es gibt auch mal einen Spruch, Männer unter sich, aber man respektiert sich. Und bei der Karten-Runde in der Mittagspause mit Hermann, Avni Zaferi und Konstantin Meier bin ich sofort ein selbstverständliches Mitglied. So schlecht habe ich mich beim Mau-Mau nicht angestellt, auch wenn Kartenspiele bei mir zu Hause ehrlich gesagt nicht ganz oben auf der Agenda stehen. Spaß gemacht hat's trotzdem.

Hermann Korell erzählt, dass ihn an seinem Job, den er schon seit drei Jahrzehnten macht, eigentlich nichts wirklich nervt. Er ist abwechslungsreich, jeden Tag eine andere Herausforderung. Aber eines stört ihn doch: Dass Kunden manchmal glauben, gerade in der Hauptsaison im Oktober und November beim Winterreifen-Wechsel und im Frühjahr, wenn die Sommerreifen wieder drauf kommen, „ihr könnt doch mal schnell die Reifen umstecken.“ Mal schnell. In der Hochsaison arbeiten die Reifen-Müller-Jungs schon richtig schnell, bei bis zu 90 Fahrzeugen werden dann pro Tag Reifen gewechselt – manchmal muss nur umgesteckt werden, oft aber auch noch neue Reifen auf die Felgen gezogen werden. Das ist kein Job, der nur Minuten dauert, Sorgfalt ist oberstes Gebot.

Von wegen Formel-1-Geschwindigkeit

Nach eineinhalb Stunden Reifen sortieren, spüre ich meine Oberarme. Aber nicht verzagen, die nächste Herausforderung wagen. Als Rennsport-Narr freue ich mich heimlich seit Wochen auf diesen Reporter-Einsatz, denn jetzt kann Oli, der Mechaniker, mal beweisen, wie schnell er mit so einem Luftdruckschrauber Reifen wechseln kann. Boxenstopp in Sekundenschnelle, eine Kleinigkeit. Ähem, nun ja.

Ein kleiner Lastwagen kommt in die Halle, an einem der äußeren Zwillingsreifen an der Hinterachse ist ein großer Riss, ein Stein, eine Bordsteinkante, der Reifen jedenfalls platt und kaputt. Robert Susnjic nimmt sich meiner an. Auf die Felge hat er schnell einen neuen Reifen aufgezogen. Ich versuche, ihn wieder anzuschrauben.

Beim Wuchten müssen auch Gewichte dran.

Zehn Muttern braucht, es, um das Rad zu befestigen. Für die Profis bei Reifen Müller ist das ein kleines Lkw-Rad, für mich Möchtegern-Mechaniker aber kaum zu bewegen. Mit großer Mühe bringe ich es zur Achse, doch der Laster ist ja aufgebockt, wie soll ich das jetzt anheben. Mit langer Metallstange in der rechten Hand und dem linken Fuß als Stütze auf der anderen Seite, ruckeln und drücken, dann sitzt es. Robert grinst, aber er weiß, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.

Was man auch beim Anziehen der Schrauben merkt. Ich traue mich nämlich nicht richtig, den Luftdruckschrauber bis zu drei Sekunden laufen zu lassen, auch wenn das Geräusch des Schraubens dem von der Formel 1 gewohnten ähnelt. Immerhin, das war's aber mit den Ähnlichkeiten, vor allem in Sachen Schnelligkeit. Die ist sowieso nicht der Punkt, sondern Sorgfalt und Verkehrssicherheit.

Ich ziehe alle zehn Muttern an, dann kommt der Drehmoment-Schlüssel, damit es auch wirklich fest ist. Und natürlich überprüft Robert noch mal, dass auch alles in Ordnung ist.

Den Reifen von der Felge bringen

Puh, neue Reifen ausgeladen, gelagert, Lkw-Reifen gewechselt, es ist kurz vor 11 Uhr und ich habe mich noch nie so auf eine Mittagspause gefreut wie heute. Aber bei Reifen Müller ist immer was los. Während die Kollegen für einen Industrie-Stapler neue Reifen aufziehen und ich staunend daneben stehe, wie man mit diesen Ungetümen zurecht kommt, ruft mich Robert an die Pkw-Montagemaschine.

Erste Versuche an der Abdrückschaufel.

In der Ecke liegen alte Räder, die Reifen müssen von der Felge. Zuerst Luft rauslassen, dann kommt die Abdrückschaufel zum Einsatz, damit wird der Reifen von der Felge gedrückt. Mit Trick 17, dem Spülmittel aus der Sprühflasche, bekommt man es geschmeidiger. Dann wird die Felge mit dem losen Reifen oben auf die Plattform gelegt, mit dem Felgenspanner fixiert, der Montagearm herangefahren, immer darauf achten, dass das Ventil auf ein Uhr steht. Mit dem Montageeisen den Reifen erst oben und dann unten anheben und während sich die eingespannte Felge auf der Maschine dreht, lösen.

Die richtigen Pedale zu treffen, damit die Maschine läuft, ist gar nicht so einfach, doch beim vierten Rad ist's dann zumindest so, dass mich Robert alleine werkeln lassen kann.

Einer der größten deutschen Runderneuerer

Am Nachmittag geht's ruhiger zu, aus dem Staunen komme ich trotzdem nicht heraus. Hermann Korell muss Reifen ins Hauptlager nach Westheim bringen, andere zurück nach Gochsheim und nutzt die Gelegenheit, mir das große Werk für runderneuerte Lastwagen-Reifen der Firma Müller zu zeigen. 50 Mitarbeiter arbeiten im Runderneuerungswerk, in dem bis zu 75 000 Lkw-Reifen aller Größen und Profile jährlich für einen weiteren Lebenszyklus vorbereitet werden. Ökologisch ist das vorbildlich, pro Reifen wird bei runderneuerten Pneus 30 bis 40 Liter weniger Rohöl gebraucht als bei neuen Reifen. Die Qualität ist top, die Reifen halten genauso lange wie neue. Reifen Müller ist mit seinem Angebot im übrigen einer der drei größten deutschen Hersteller.

Tagblatt-Serie Reporter in Betrieb

Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir Zeitungsleute über den Tellerrand schauen. Wir wollen wissen, wie geht es in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu? Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser des Schweinfurter Tagblatts etwas davon haben, übernehmen wir Ihre Arbeit. Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie Ihren Vorschlag, wen wir wo ersetzen sollen, an das Schweinfurter Tagblatt. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de

Die Redakteure Nike Bodenbach, Katja Glatzer, Julia Haug, Josef Schäfer, Oliver Schikora und Susanne Wiedemann wählen die Angebote aus und wir krempeln die Ärmel hoch. Wie es uns ergangen ist, lesen Sie nach den Arbeitseinsätzen in unseren Samstagsausgaben.

Rückblick

  1. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  2. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  3. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  4. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  5. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  6. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  7. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  8. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  9. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  10. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  11. Ein Knochenjob
  12. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  13. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  14. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  15. Zwischen Stall und Teller
  16. Brotzeit mit Herz
  17. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  18. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  19. Adlerauge für den Datenhighway
  20. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  21. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  22. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  23. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  24. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  25. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  26. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  27. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
  28. Serie „Reporter in Betrieb“: Die Arbeit mit der Kunst
  29. Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld
  30. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
  31. Neue Serie: Reporter in Betrieb

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