SCHWEINFURT

Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei

Allein unter Büchern: Für unsere Volontärin Lena Köster ein Traum.
Allein unter Büchern: Für unsere Volontärin Lena Köster ein Traum. Foto: Anand Anders

Riesige Massivholzbalken ragen neben mir in die Höhe, über unseren Köpfen scheint sanft das Tageslicht durch die Oberlichter des Vorplatzes und vor meinen Augen erstrecken sich endlose Reihen von Büchern. Ich stehe im Untergeschoss der Schweinfurter Stadtbücherei, neben mir Anita Kaltenbach. Einen Tag lang darf ich hier den Beruf des Bibliothekars kennenlernen. Gemeinsam wandern wir durch die verschiedenen Abteilungen, vorbei an 60 000 Büchern, Zeitschriften, Spielen, Hörbüchern und DVDs.

Bei den Romanen im ersten Stock angekommen, geht es für mich auch schon an die Arbeit. Anita Kaltenbach stellt mir Anne-Cey Hölling vor. Seit Oktober 2016 arbeitet die Bibliothekarin aus Schleswig-Holstein in der Stadtbücherei. Kaltenbach erzählt, dass ihre Mitarbeiterin in Dänemark studiert hat und neben Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch, die Liste der Fremdsprachen im Haus um perfektes Dänisch erweitert.

Schnell schaue ich noch einmal auf meinen ausgedruckten Ablaufplan. „10 bis 11 Uhr: Bücher einräumen“, steht darauf. Das kann ich – da bin ich mir sicher – schließlich habe ich fast sechs Jahre lang sämtliche Wälzer aus der Würzburger Uni-Bibliothek herausgesucht und nach Hause geschleppt. Hölling erklärt mir das Ordnungssystem: Neuerscheinungen, Romane, Bauernromane, Krimis und Lyrik, alle mit unterschiedlichen Kürzeln versehen – „Zda“, „Zy“, „Zc“. Für mich besonders wichtig: „Zba“ und „Ro“, die Romane, denn von denen liegen am meisten auf dem Bücherwagen und warten darauf wieder an ihren Platz gestellt zu werden.

Dann bin ich mir schon selbst überlassen. Schnell merke ich, dass meine Uni-Erfahrung nicht hilft – hier hat die Signatur nach dem Buchstabenkürzel keine Ziffer, sondern die Anfangsbuchstaben der jeweiligen Autoren. Immer wieder hole ich mir Bücher vom Wagen und bahne mir meinen Weg durch die vielen Bücherregale. „Q, r, s, t“, „K, l, m, n“, nach wenigen Minuten glüht mein Kopf – aufsteigende Zahlen zu suchen geht einem dann doch leichter von der Hand.

Aber: Übung macht den Meister und so weiß ich schon nach kurzer Zeit, in welchem Regal welcher Buchstabe steht.

Sobald ich mich an das System gewöhnt habe, arbeite ich still vor mich hin und genieße die Ruhe der Bibliothek. Jetzt gibt es nur noch mich und die Bücher! Zwischen all den Werken fühle ich mich pudelwohl. Kein Wunder, dass ich mich dabei erwische, wie ich Titel um Titel im Vorbeigehen lese und das ein oder andere Buch aus dem Regal ziehe.

Seit 2007 im Ebracher Hof

In der Sachbuchabteilung im Untergeschoss erzählt Anita Kaltenbach über das Haus und seine Gäste. Schon seit 2007 befindet sich die Bücherei im Ebracher Hof. An den Umbau erinnert sich die gelernte Buchhändlerin und studierte Bibliothekarin noch gut. Über Jahre hinweg hat sie das Projekt geplant und begleitet. In der langen Zeit als Leiterin der Stadtbücherei hat sie vieles erlebt.

Täglich kommen Menschen, die Rat suchen. „Wir sehen uns als Informationsspezialisten“, erklärt Kaltenbach und erzählt von einem älteren Herren, der ein Dokument suchte, das es nur im Internet gab. „Das haben wir ihm dann natürlich ausgedruckt“, endet die Geschichte und mein Bild vom Beruf des Bibliothekars gerät ins Wanken. Morgens war ich noch davon ausgegangen, dass es hier nur um Bücher geht. Doch ein moderner Bibliothekar kann mit allen Medien umgehen.

Schnitzeljagd zwischen Büchern

An meiner nächsten Station in der Kinderbibliothek wartet Monika Oehlgardt schon auf meine Hilfe. Eigentlich soll ich hier etwas über die Abteilung lernen, doch das muss warten. Gerade ist nämlich eine Hortgruppe „eingefallen“. Fleißig haben die Ferienkinder ihre Laufzettel für die Schnitzeljagd ausgefüllt und warten nun auf ihre Preise. Kurzerhand überreicht Oehlgardt mir die Kiste mit den kleinen kuscheligen Raupen, den Maskottchen der Bücherei, und den Karton mit den Überraschungen. Während sie die Antworten kontrolliert, strecke ich unzähligen Kinderhänden die beiden Kästen entgegen.

Als dann alle glücklich sind, folgt meine erste Aufgabe: Ich sortiere die Spieleabteilung nach Altersempfehlung und versehe einzelne Kartons mit neuen Gummis. Gerade als ich fertig bin und alle Kisten fein säuberlich genau auf die Kante und an den linken Rand der Regale platziert habe, erscheint ein kleiner Bücherei-Gast und macht meine Arbeit zunichte. „Das passiert hier öfter“, sagt Monika Oehlgardt. Auch in dieser Abteilung gibt es ein Ordnungs-System. Es unterscheidet sich von dem im ersten Stock – Zahlen statt Buchstaben.

4.1 steht für das erste Halbjahr der vierten Klasse, 5.2 entspricht dem Lesealter des zweiten Halbjahres der fünften Jahrgangsstufe. Auch hier mache ich mich ans Einräumen, die Bücher immer mit dem Rücken nach oben, dass meine Arbeit im Anschluss kontrolliert werden kann. Und prompt unterläuft mir ein Fehler: Ich stelle „Pr“ vor „Pa“, weil ich den Anfang des Regals übersehe.

Die Zeit vergeht wie im Flug und schon muss ich zurück in den ersten Stock. Hier wird es technisch: Michael Maier erklärt mir am Computer, wie ich Medien zurücknehmen und verleihen kann. Mit dem Handscanner übe ich das Einlesen, bis eine ältere Dame unsere kleine Lehrstunde unterbricht. Sie ist auf der Suche nach einem Spiegelbestseller von Florian Meierott, eine Empfehlung ihrer Schwester – via WhatsApp. In Windeseile hat Maier den Roman entdeckt. Mit einem „Danke, Sie sind ja ein Goldstück“, verabschiedet sich die Dame glücklich. Erneut merke ich, dass es in einer Bücherei um weit mehr geht, als um das Buch an sich.

Station bei der Buchpflegerin

Meine nächste Station befindet sich in den Büroräumen der Bücherei. Hier treffe ich Jennette Cook. Die gelernte Kinderpflegerin hat sich vor langer Zeit auf die Stelle als „Buchpflegerin“ beworben. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört das Folieren der neuen Exemplare. Bevor ich es selbst probieren darf, zeigt sie mir, wie es geht. In Windeseile klebt sie Signatur und literarische Gattung auf den Buchrücken, schneidet ein Stück selbstklebende Folie zurecht und packt das Buch darin ein. Das ganze geschieht so schnell, dass ich mit dem Schauen gar nicht hinterher komme.

Dann bin ich dran: Mit der Pinzette suche ich unter den vorgedruckten Aufklebern meine passende Signatur und klebe sie vorsichtig auf das Buch – schön gerade, dann festdrücken. Jetzt kommt die Folie. Was bei Jennette Cook gerade so einfach aussah, gestaltet sich schwerer als gedacht: Die große Schere will nicht so, wie ich will und das obwohl sie schon seit 30 Jahren im Einsatz ist. Doch ich gebe nicht auf und finde den richtigen Winkel, um die klebrige Folie zu durchschneiden. Mit einem Lappen streiche ich die Folie Stück für Stück glatt, vermeide lästige Luftblasen.

Konzentriert bei der Ausleihe

Nächste Station: Foyer. Dort empfängt mich Bryan Miller. Gerade hat er seine Ausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei beendet. In der nächsten Stunde wird er mir bei jedem Handgriff zur Seite stehen. Jetzt heißt es „Showtime!“, schließlich soll Michael Maiers Lehrstunde nicht umsonst gewesen sein. Schon erscheint ein Kunde, der einige Bücher zurückbringt. Schritt für Schritt gehe ich die Rückgabe durch. Geschafft!

Nach ein paar Kunden, habe ich mir alle Klicks im System gemerkt. Ein Herr fordert mich jedoch besonders: Er bringt 29 Lustige Taschenbücher zurück. Darunter befinden sich Sonderausgaben mit Landkarten. Jetzt muss ich aufpassen und konzentriert kontrollieren. Erst wenn ich von Hand bestätigt habe, dass alles vorhanden ist, lässt mich das System weiterarbeiten. Gerade als ich fertig bin, erscheint der Sohn des Kunden, im Schlepptau hat er zwei Tragetaschen und seine Oma. Er wuchtet 40 weitere Lustige Taschenbücher auf den Tresen.

Hausherrin Anita Kaltenbach.
Hausherrin Anita Kaltenbach.
Diese Schere ist extrem wichtig.
Diese Schere ist extrem wichtig.
Beeindruckende Architektur.
Beeindruckende Architektur.
Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft       -  Ob der kleine Probier-Schluck aus dem Whisky-Fass mich inspiriert hat? Irgendwie kommt mir Goethes Faust in den Sinn, wenn ich über den Tag in der Whiskybrennerei von Rainer Mößlein nachdenke: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein.“ Jahrelange Geduld, um genau zu sein: Ob meine Mitarbeit an der Whiskyherstellung das Produkt wirklich zu einem edlen Tropfen entwickelt hat, erfahre ich erst in fünf Jahren. So lange schlummert das von uns gebraute „Wisge Beatha“, das „Wasser des Lebens“, wie Whisky auf Gälisch genannt wird, im Eichenfass. Erst im November 2022 wird es frühestens probiert.  Immerhin, Rainer Mößlein scheint mir zufrieden zu sein, als wir nach dem zweiten Destillieren am Nachmittag Bilanz ziehen: „Die Ausbeute ist gut, mit der Maische war alles in Ordnung.“ Seit 21 Jahren hat sich die Winzerfamilie Mößlein im Winter dem Whisky verschrieben – dem fränkischen, darauf legen sie wert. Gebrannt wird nur in der kalten Jahreszeit, das war schon zu Rainer Mößleins Vater Ernst Zeiten so, der in seiner Brennerei ab 1970 Obstbrände herstellte. Opa Ernst ist auch die Inspiration für den „Ernest 25“, den Single Malt, der zwölf Jahre im fränkischen Eichenfass reifte, bevor er abgefüllt wurde.  Die Mößleins sind Brenner und Winzer mit Leidenschaft. Und umtriebig als Eigenvermarkter, vor allem Rainer Mößleins Sohn Martin, der als Winzermeister den Betrieb übernommen hat – Planwagenfahrten durch die Weinberge, Whiskybrenntage, Weinproben, Seminare. Und immer neue Ideen, wie man den Whisky noch besser machen kann. Kürzlich lagerten die Mößleins fünf Fässer in einem Salzbergwerk bei Kassel ein. Mal schauen, welchen Einfluss die Umgebung auf den Whisky hat.  Whiskybrennen ist eine Mischung aus anstrengendem Handwerk und geduldigem Probieren. Wir waren zwar schon oft in Schottland und Irland bei Führungen in Destillerien, aber den Herstellungs-Prozess wirklich verstehen tut man tatsächlich erst durchs Selbermachen. Beim Einmaischen ist Anpacken gefragt. Weizenschrot aus Getreide vom eigenen Acker, spezielles Gerstenmalz, Wasser – 300 Liter im wahrlich großen Bottich, erhitzen, Enzyme und später Hefe dazugeben zur Gärung. Zum Glück gibt es heute automatisches Rührwerkzeug, früher war da Handarbeit gefragt. Pünktlich zu sein, ist übrigens auch wichtig beim Brennen: Da Vater Staat über die Alkoholsteuer mitverdient, muss man für die Zollbeamten penibel Buch führen. Und die wollen wissen, wann es losgeht, nicht dass heimlich mehr gebrannt wird als erlaubt. Rainer Mößlein ist bei diesen Dingen wie sein Vater ein Pedant – das Brennbuch ist akkurat geführt.  Die am Vormittag hergestellte Maische muss vier Tage gären. Zum Brennen wenden wir uns also dem anderen Bottich zu, in dem vor vier Tagen eingemaischt wurde. Deckel auf und gleich gibt's eine Nase voll Alkoholgeruch, die Hefebakterien haben ganze Arbeit geleistet. Wir pumpen die ersten 150 Liter in die kupferne Brennblase. Dort wird das Gemisch erhitzt. Da Alkohol einen niedrigeren Siedepunkt als Wasser hat, nämlich 78 Grad Celsius, steigt der Alkohol beim Erhitzen als Dampf auf. Die Destillation trennt den Alkohol sowie den Großteil der Geruchs- und Geschmacksstoffe vom Wasser und konzentriert sie. Der Feinbrand wird vom Brennmeister in Vor-, Mittel- und Nachlauf getrennt. Was wir haben wollen, ist der Mittellauf, da ist der reine Alkohol mit 82 Volumenprozent ohne die Fußelöle aus dem Vorlauf.   Erfahrung ist gefragt, stetig fließt der Alkohol am Ende der Destillation in den Eimer, Rainer Mößlein probiert immer wieder mit einer fast schon Robert-Lemke-haften typischen Handbewegung, einem kurzen Wischen mit dem Zeigefinger durch die Flüssigkeit.  Es dauert eine ganze Weile, bis unser Eimer voll ist. Am Ende zwischen neun und zehn Liter Alkohol. Ehrfürchtig hebe ich den Eimer, hinter mir steht ein Eichenfass, in dem die Mößleins vorher zwei Mal ihren eigenen Domina-Rotwein abgefüllt hatten. Vorsichtig schütte ich das Ergebnis unseres vormittäglichen Brennens ins Fass, ein letztes Schnuppern, Korken drauf, wir schmecken uns in fünf Jahren. Der kristallklare Alkohol reift nun zum Whisky heran, bei der Abfüllung gemischt mit klarem Quellwasser auf rund 42 Prozent Alkohol-Gehalt eingestellt – das Fass gibt dem Whisky erst die typische goldgelbe Farbe und vor allem den Geschmack.  Weiter geht's zum Abfüllen und Verpacken. Was nutzt der beste Whisky im Fass, wenn er nicht zum Kunden kommt? Wir sitzen in der großen Lagerhalle, arbeiten erst die Bestellungen ab. Fein säuberlich gestapelt liegen die verschiedenen Verpackungen im Regal, die Bestellscheine und Rechnungen sind schon ausgedruckt. Wir suchen die Flaschen im Lager, vor allem Wein, Whisky, Liköre. Das Einpacken ist eine Wissenschaft für sich, ich brauche die Hilfe des Auszubildenden beim Falten der Kartons, doch am Ende stehen über zehn Kartons auf dem Wagen zur Abholung bereit.  Wenden wir uns also dem Abfüllen zu: Das Beste vom Besten steht heute an, „Ernest 25“ muss vom Fass in die Flasche. Ich darf abfüllen, Rainer Mößlein schraubt die Deckel drauf, danach geht's in die Ettiketiermaschine – 72 Flaschen war die Ausbeute, die Auslieferung des edlen Tropfens für die Feiertage ist gesichert. Und wir wandern an den Ort, auf den Fotograf und Redakteur den ganzen Tag schon gespannt sind: das Fasslager, „das First-Class-Hotel für meinen Whisky“, wie es Rainer Mößlein schmunzelnd nennt. Den „Anteil der Engel“ – pro Jahr verdunsten etwa ein Prozent des Inhaltes der Holzfässer durch die Poren – kann man riechen. Für jedes Fass hat sich Mößlein aufgeschrieben, wann er es womit befüllt hat, was vorher darin war, ob es umgefüllt wurde. Ein kleines Schlücklein muss sein, zum krönenden Abschluss auch vom „Ernest 25“. Mein Gaumen signalisiert mit, dass Johann Wolfgang von Goethe ein schlauer Mann war: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein.“  Denken Sie nicht auch manchmal, wie schön es wäre, einfach mal einen freien Tag zu haben. Kein Problem: Mieten Sie sich einen Redakteur. Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir Zeitungsleute auch mal selbst über den Tellerrand schauen – nicht immer nur Stadtratssitzung und Jahreshauptversammlung, das Leben ruft. Wir wollen wissen, wie geht es denn in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu? Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie Ihren Vorschlag, wen wir wo ersetzen sollen, an das Schweinfurter Tagblatt. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de Die Redakteure Katja Beringer, Helmut Glauch, Josef Schäfer, Oliver Schikora, Irene Spiegel und Susanne Wiedemann wählen die Angebote aus und wir krempeln dann die Ärmel hoch. Wie es uns ergangen ist, lesen Sie nach den Arbeitseinsätzen dann in unseren Samstagsausgaben.
Ob der kleine Probier-Schluck aus dem Whisky-Fass mich inspiriert hat? Irgendwie kommt mir Goethes Faust in den Sinn, wenn ich über den Tag in der Whiskybrennerei von Rainer Mößlein nachdenke: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein.“ Jahrelange Geduld, um genau zu sein: Ob meine Mitarbeit an der Whiskyherstellung das Produkt wirklich zu einem edlen Tropfen entwickelt hat, erfahre ich erst in fünf Jahren. So lange schlummert das von uns gebraute „Wisge Beatha“, das „Wasser des Lebens“, wie Whisky auf Gälisch genannt wird, im Eichenfass. Erst im November 2022 wird es frühestens probiert. Immerhin, Rainer Mößlein scheint mir zufrieden zu sein, als wir nach dem zweiten Destillieren am Nachmittag Bilanz ziehen: „Die Ausbeute ist gut, mit der Maische war alles in Ordnung.“ Seit 21 Jahren hat sich die Winzerfamilie Mößlein im Winter dem Whisky verschrieben – dem fränkischen, darauf legen sie wert. Gebrannt wird nur in der kalten Jahreszeit, das war schon zu Rainer Mößleins Vater Ernst Zeiten so, der in seiner Brennerei ab 1970 Obstbrände herstellte. Opa Ernst ist auch die Inspiration für den „Ernest 25“, den Single Malt, der zwölf Jahre im fränkischen Eichenfass reifte, bevor er abgefüllt wurde. Die Mößleins sind Brenner und Winzer mit Leidenschaft. Und umtriebig als Eigenvermarkter, vor allem Rainer Mößleins Sohn Martin, der als Winzermeister den Betrieb übernommen hat – Planwagenfahrten durch die Weinberge, Whiskybrenntage, Weinproben, Seminare. Und immer neue Ideen, wie man den Whisky noch besser machen kann. Kürzlich lagerten die Mößleins fünf Fässer in einem Salzbergwerk bei Kassel ein. Mal schauen, welchen Einfluss die Umgebung auf den Whisky hat. Whiskybrennen ist eine Mischung aus anstrengendem Handwerk und geduldigem Probieren. Wir waren zwar schon oft in Schottland und Irland bei Führungen in Destillerien, aber den Herstellungs-Prozess wirklich verstehen tut man tatsächlich erst durchs Selbermachen. Beim Einmaischen ist Anpacken gefragt. Weizenschrot aus Getreide vom eigenen Acker, spezielles Gerstenmalz, Wasser – 300 Liter im wahrlich großen Bottich, erhitzen, Enzyme und später Hefe dazugeben zur Gärung. Zum Glück gibt es heute automatisches Rührwerkzeug, früher war da Handarbeit gefragt. Pünktlich zu sein, ist übrigens auch wichtig beim Brennen: Da Vater Staat über die Alkoholsteuer mitverdient, muss man für die Zollbeamten penibel Buch führen. Und die wollen wissen, wann es losgeht, nicht dass heimlich mehr gebrannt wird als erlaubt. Rainer Mößlein ist bei diesen Dingen wie sein Vater ein Pedant – das Brennbuch ist akkurat geführt. Die am Vormittag hergestellte Maische muss vier Tage gären. Zum Brennen wenden wir uns also dem anderen Bottich zu, in dem vor vier Tagen eingemaischt wurde. Deckel auf und gleich gibt's eine Nase voll Alkoholgeruch, die Hefebakterien haben ganze Arbeit geleistet. Wir pumpen die ersten 150 Liter in die kupferne Brennblase. Dort wird das Gemisch erhitzt. Da Alkohol einen niedrigeren Siedepunkt als Wasser hat, nämlich 78 Grad Celsius, steigt der Alkohol beim Erhitzen als Dampf auf. Die Destillation trennt den Alkohol sowie den Großteil der Geruchs- und Geschmacksstoffe vom Wasser und konzentriert sie. Der Feinbrand wird vom Brennmeister in Vor-, Mittel- und Nachlauf getrennt. Was wir haben wollen, ist der Mittellauf, da ist der reine Alkohol mit 82 Volumenprozent ohne die Fußelöle aus dem Vorlauf. Erfahrung ist gefragt, stetig fließt der Alkohol am Ende der Destillation in den Eimer, Rainer Mößlein probiert immer wieder mit einer fast schon Robert-Lemke-haften typischen Handbewegung, einem kurzen Wischen mit dem Zeigefinger durch die Flüssigkeit. Es dauert eine ganze Weile, bis unser Eimer voll ist. Am Ende zwischen neun und zehn Liter Alkohol. Ehrfürchtig hebe ich den Eimer, hinter mir steht ein Eichenfass, in dem die Mößleins vorher zwei Mal ihren eigenen Domina-Rotwein abgefüllt hatten. Vorsichtig schütte ich das Ergebnis unseres vormittäglichen Brennens ins Fass, ein letztes Schnuppern, Korken drauf, wir schmecken uns in fünf Jahren. Der kristallklare Alkohol reift nun zum Whisky heran, bei der Abfüllung gemischt mit klarem Quellwasser auf rund 42 Prozent Alkohol-Gehalt eingestellt – das Fass gibt dem Whisky erst die typische goldgelbe Farbe und vor allem den Geschmack. Weiter geht's zum Abfüllen und Verpacken. Was nutzt der beste Whisky im Fass, wenn er nicht zum Kunden kommt? Wir sitzen in der großen Lagerhalle, arbeiten erst die Bestellungen ab. Fein säuberlich gestapelt liegen die verschiedenen Verpackungen im Regal, die Bestellscheine und Rechnungen sind schon ausgedruckt. Wir suchen die Flaschen im Lager, vor allem Wein, Whisky, Liköre. Das Einpacken ist eine Wissenschaft für sich, ich brauche die Hilfe des Auszubildenden beim Falten der Kartons, doch am Ende stehen über zehn Kartons auf dem Wagen zur Abholung bereit. Wenden wir uns also dem Abfüllen zu: Das Beste vom Besten steht heute an, „Ernest 25“ muss vom Fass in die Flasche. Ich darf abfüllen, Rainer Mößlein schraubt die Deckel drauf, danach geht's in die Ettiketiermaschine – 72 Flaschen war die Ausbeute, die Auslieferung des edlen Tropfens für die Feiertage ist gesichert. Und wir wandern an den Ort, auf den Fotograf und Redakteur den ganzen Tag schon gespannt sind: das Fasslager, „das First-Class-Hotel für meinen Whisky“, wie es Rainer Mößlein schmunzelnd nennt. Den „Anteil der Engel“ – pro Jahr verdunsten etwa ein Prozent des Inhaltes der Holzfässer durch die Poren – kann man riechen. Für jedes Fass hat sich Mößlein aufgeschrieben, wann er es womit befüllt hat, was vorher darin war, ob es umgefüllt wurde. Ein kleines Schlücklein muss sein, zum krönenden Abschluss auch vom „Ernest 25“. Mein Gaumen signalisiert mit, dass Johann Wolfgang von Goethe ein schlauer Mann war: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein.“ Denken Sie nicht auch manchmal, wie schön es wäre, einfach mal einen freien Tag zu haben. Kein Problem: Mieten Sie sich einen Redakteur. Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir Zeitungsleute auch mal selbst über den Tellerrand schauen – nicht immer nur Stadtratssitzung und Jahreshauptversammlung, das Leben ruft. Wir wollen wissen, wie geht es denn in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu? Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie Ihren Vorschlag, wen wir wo ersetzen sollen, an das Schweinfurter Tagblatt. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de Die Redakteure Katja Beringer, Helmut Glauch, Josef Schäfer, Oliver Schikora, Irene Spiegel und Susanne Wiedemann wählen die Angebote aus und wir krempeln dann die Ärmel hoch. Wie es uns ergangen ist, lesen Sie nach den Arbeitseinsätzen dann in unseren Samstagsausgaben.

Rückblick

  1. Tag im Grünen: Arbeitseinsatz bei der Solidarischen Landwirtschaft
  2. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  3. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  4. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  6. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  8. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  11. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  12. Ein Knochenjob
  13. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  14. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  16. Zwischen Stall und Teller
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  18. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  19. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  20. Adlerauge für den Datenhighway
  21. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  22. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  23. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  24. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  25. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  26. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  27. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  28. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
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  31. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
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