SCHWEINFURT

SPD: Verspätet nach Schweinfurt

Schrammstraße 10: Hier hatte die SPD nach dem Verbot in der Nazizeit 1946 ihre ersten Büros.
Schrammstraße 10: Hier hatte die SPD nach dem Verbot in der Nazizeit 1946 ihre ersten Büros. Foto: SPD

Die deutschen Sozialdemokraten haben 1988 ihr 125-jähriges Bestehen gefeiert. 22 Jahre später blicken die Schweinfurter Genossen auf die Gründung ihres ersten Ortsvereins vor gut 120 Jahren zurück. Konnte die SPD ausgerechnet in der Industriestadt am Main erst mit reichlich Verspätung Fuß fassen?

Der frühere Oberbürgermeister Kurt Petzold bejaht dies uneingeschränkt. In einem Aufsatz ist er den Wurzeln der SPD in Schweinfurt nachgegangen und betont, dass die industrielle Entwicklung 1863, als Ferdinand Lasalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, in Schweinfurt noch in den Kinderschuhen steckte. Es gab einige kleine Betriebe aus der chemischen und der Lebensmittelindustrie, Farben- und Zuckerfabriken- oder auch die Gelatinefabrik. Die Metallverarbeitung kam erst sehr viel später.

Die Verhältnisse in diesen Fabriken waren elend, wie Petzold beschreibt. Und so gründete sich bereits 1849 im März- und Arbeiterverein, der jedoch bereits ein Jahr später verboten wurde. 20 Jahre sollte es dauern, bis erneut ein Vorstoß unternommen wurde, eine Arbeiterorganisation ins Leben zu rufen. 300 bis 400 Schweinfurter kamen im „Goldenen Löwen“ zusammen, 60 traten spontan dem „Socialdemokratischen Arbeiterverein“ bei. Der freilich schwächelte bald. Der deutsch-französische Krieg und die Gründung des Deutschen Reiches ließen einen „Hurrapatriotismus“ Schweinfurt erfassen, wie Petzold schreibt. „Der Verein zerbröckelte.“ Unter dem Eindruck der Sozialistengesetze blieb die Bewegung schwach, in Schweinfurt kam die Sozialdemokratie bei den Wahlen 1878 auf gerade einmal zwölf Stimmen, 1884 waren es immerhin 104.

„Dem gedrückten, hilfesuchenden Arbeiter zur Seite stehen“

Satzung von 1889

Einen neuen organisatorischen Anlauf gab es erst wieder 1889, vor nunmehr gut 120 Jahren. Am 27. Juli fand im „Goldenen Stern“ in der Oberen Straße eine gut besuchte Versammlung statt. Es wurde ein Ausschuss zur Gründung eines Wahlvereins gebildet. Die Verantwortlichen mit Josef Rätzer an der Spitze schrieben dem „Wahlverein zur Erzielung volksthümlicher Wahlen für Reichstag, Landtag und Gemeinden für den Reichstagswahlkreis Schweinfurt Hassfurt Ebern“ Folgendes in die Satzung: „Der Verein hat seinen Sitz in Schweinfurt und stellt sich zur Aufgabe, Mitglieder zu gewinnen, die dahin mitwirken, bei Reichstags-, Landtags- sowie bei Gemeindewahlen Männer (das Frauenwahlrecht war noch in weiter Ferne, Anm. des Autors) in die betreffenden gesetzgebenden und Vertretungskörper zu wählen, welche Sparsamkeit bei dem Haushaltsetat zu erzielen suchen, sowie das Wohl des gesamten Volkes im Auge behalten und dem gedrückten, hilfesuchenden Arbeiter-, Handwerker- und Bauernstand kräftig zur Seite zu stehen.“

Schon ein Jahr später standen Reichstagswahlen an. Der sozialdemokratische Bewerber erhielt in Schweinfurt 338 Stimmen.

Finanziell und organisatorisch war die Basis immer noch schwach, schreibt Petzold. Es erscheine wie ein kleines Wunder und zeuge von guter Arbeit, „dass die Partei jedenfalls bei Reichstagswahlen ständig besser abschnitt“. 1912 wurden die Sozialdemokraten mit 35 Prozent der Stimmen und 27 Prozent der Sitze erstmals die stärkste Fraktion im Reichstag. In Schweinfurt fuhren sie die Hälfte aller Stimmen ein – ein Rekordergebnis.

Schwieriger war es bei den Landtagswahlen. Hier galt noch das Dreiklassenwahlrecht – wer mehr Steuern zahlte, dessen Stimme hatte mehr Gewicht. 1893 entsandten die Sozialdemokraten gerade einmal fünf Abgeordnete in den Landtag.

Am schwersten aber war es, bei den Stadtratswahlen Erfolge zu erzielen. Wählen durfte nur, wer das Bürgerrecht hatte. Und das zu erwerben, kostete unter anderem Geld. So dauerte es bis 1908, bis erstmals drei Sozialdemokraten in das Schweinfurter Rathaus einzogen.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die geplante 25-Jahr-Feier wurde abgesagt, mehr als die Hälfte der Genossen stand an der Front, zahlte keine Beiträge mehr. Schlimmer seien jedoch die politischen Folgen gewesen, stellt Petzold fest. Zwar habe das Parteiblatt der Fränkische Volksfreund noch am Tag der Mobilmachung geschrieben „Unser Herz ist erfüllt mit tiefer Abscheu vor dem Krieg“. Die Realität sei jedoch eine andere gewesen. Unter den Massen, die auch in Schweinfurt auf dem Marktplatz patriotische Lieder sangen und die in den Krieg ziehenden Truppen voller Begeisterung zum Bahnhof begleiteten, seien nicht wenige Sozialdemokraten gewesen.

Der Krieg spaltete die Partei. Der Vorsitzende des Gewerkschaftskartells, Fritz Soldmann, schloss sich den Unabhängigen Sozialdemokraten an. Er sollte noch viel von sich reden machen, wurde Landessekretär der USPD, zweimal in den Reichstag gewählt, von den Nazis schikaniert und wiederholt eingesperrt. 1945 starb er, erst 67-jährig, kurz nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald.

Schließlich kam es zur Revolution. Kurt Eisner rief am 7. November 1918 den „Freien Volksstaat Bayern“ aus. In Schweinfurt bildete sich ein 35-köpfiger Arbeiter- und Soldatenrat mit Soldmann an der Spitze. Am 7. April rief er die Räterepublik aus. Drei Wochen später aber schickte die Regierung Hoffmann Soldaten nach Schweinfurt. Es gab zwei Tote und mehrere Verletzte. Der Arbeiter- und Soldatenrat löste sich auf.

Eingemeindung Oberndorfs

Im bayerischen Landtag vertrat Josef Säckler seit 1907 die Region und war entscheidender Motor für die Eingemeindung Oberndorfs mit dem Hauptbahnhof und den großen Fabriken zum 1. Dezember 1919. Die folgende Gemeinderatswahl brachte die Ernüchterung. Es gab ein Patt zwischen Bürgerlicher Liste auf der einen und SPD und USPD auf der anderen Seite. Damit wurde die Wahl des Oberbürgermeisters spannend. Die Genossen traten mit Dr. Benno Merkle aus München an. Am 10. März 1920 wurde er mit 87 Stimmen Mehrheit knapp gewählt.

Er kam in einer schwierigen Zeit ins Amt. Es gab eine Welle von Streiks und Aussperrungen. Pragmatisch habe sich Merkle um Vermittlung bemüht, stellt Petzold fest. Er sei immer bemüht gewesen, Menschen zusammenzuführen, statt sie zu trennen.

Erfolgsstory

Merkles Tätigkeit in diesen schweren 13 Jahren könne man getrost eine Erfolgsstory nennen. Ein Schwerpunkt lag im sozialen Bereich, von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bis hin zu Wärmestuben und freiem Mittagessen für Bedürftige während der Weltwirtschaftskrise. 4000 neue Wohnungen wurden ebenso wie neue Schulen gebaut. Die Berufsschule galt bei ihrer Fertigstellung 1927 als eine der fortschrittlichsten in ganz Bayern. Das Krankenhaus, Straßen, Kanalisation – Schweinfurt blühte in schwerer Zeit auf. Erfolgreich bemüht war Benno Merkle um gute Kontakte zu Industrie und Banken. Er schaffte es, Betriebe in Schweinfurt zu halten, deren Schließung oder Verlagerung bereits beschlossene Sache war.

Und dann kam das Jahr 1933. Vergebens hatten Sozialdemokraten und Gewerkschaften gegen die heraufziehende Nazidiktatur gekämpft, auch in Schweinfurt. Nach der Reichstagswahl von 1933 wurden sämtliche Landes- und Kommunalparlamente „gleichgeschaltet“, wie man das nannte. Die Nazis erhöhten sich einfach per Gesetz die Zahl ihrer Stadträte in Schweinfurt von zwei auf neun. Fünf der 13 SPD-Stadträte wurden einfach aus dem Rathaus geworfen. Von den Verbliebenen war die Hälfte bereits in „Schutzhaft“. Schon zwei Monate später gab der vom Stadtrat neu gewählte Nazi-OB Pösl bekannt, dass sieben SPD-Stadträte ihren Austritt erklärt hätten – nicht aus ihrer Partei, sondern aus dem Stadtrat. Man kann sich unschwer vorstellen, wie es dazu gekommen war. Dem achten, Georg Groha, konnte man die vorgefertigte Verzichtserklärung nicht mehr zustellen – er war aus gutem Grund untergetaucht und flüchtete nach Frankreich. Oberbürgermeister Merkle wurde am 10. März 1933 verhaftet und ein Jahr später von der bayerischen Regierung aus seinem Amt entlassen.

Kurt Petzolds Aufsatz setzt 1946 wieder an. Damals hatte die Partei in Schweinfurt bereits 800 Mitglieder. Detailliert geht er auf die Entwicklung der Stadt ein, die bis 1992 wesentlich von Sozialdemokraten geprägt war.

Vor 120 Jahren wurde die SPD auch in Schweinfurt gegründet. Der frühere Oberbürgermeister Kurt Petzold hat ihre Geschichte niedergeschrieben und der Kreisvorsitzenden Kathi Petersen vor dem Gebäude Schrammstraße 10, wo die Partei nach dem Zweiten Weltkrieg ihr erstes Domizil hatte, überreicht.
Vor 120 Jahren wurde die SPD auch in Schweinfurt gegründet. Der frühere Oberbürgermeister Kurt Petzold hat ihre Geschichte niedergeschrieben und der Kreisvorsitzenden Kathi Petersen vor dem Gebäude Schrammstraße 10, wo die Partei nach dem Zweiten Weltkrieg ihr erstes Domizil hatte, überreicht. Foto: Laszlo Ruppert

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!