GRAFENRHEINFELD

Scheuring nimmt Abschied vom Atomkraftwerk

Reinhold Scheuring leitete 20 Jahre das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Den Wegweiser mit seinem Namen bekam er zum 60. Geburtstag. Foto: Anand Anders

Ich brauche das Brummen der Turbinen und Generatoren“, sagt Roland Scheuring ziemlich wehmütig an seinem vorvorletzten Arbeitstag als Leiter des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld. Deswegen wäre für ihn zum Beispiel nie ein Job in der Zentrale in Hannover in Frage gekommen.

Deswegen hat er wohl auch sein ganzes Berufsleben in der Grafenrheinfelder Anlage verbracht. Er hat hier seine Ausbildung begonnen, ist schnell aufgestiegen, war knapp 20 Jahre Kraftwerksleiter.

Stark mit dem Kraftwerk identifiziert

Und deswegen gibt er die Leitung auch ab. Zum 1. April übernimmt Bernd Kaiser. Den Rückbau der Anlage hat Scheuring (61) auf den Weg gebracht. Zu verfolgen, wie die Anlage zurückgebaut wird, das ist nicht sein Ding. Er hat sich über all die Jahre stark mit dem Kraftwerk identifiziert, die Belegschaft, das Team ist schon so etwas wie eine Familie, das spürt man im Gespräch.

„Ich habe die Sturm-und Drang-Zeit, die Blüte und den Niedergang der Atomkraft erlebt“, sagt Scheuring. „Kernenergie war neu, Kernenergie war prickelnd“, das war für ihn der Grund, nicht in die Großindustrie zu gehen nach seinem Studium, sondern zum Bayernwerk, dem damaligen Betreiber.

Aussstieg: Das war nicht einfach

Scheuring erinnert sich daran, als Atomkraft politisch gewollt war, Atomstrom als die Alternative zu Öl galt. Er hat aber auch die Kehrtwende erlebt, den Ausstieg. „Das war nicht einfach“.

Atomkraft war und ist für viele Menschen in der Region nichts, was sie mit Sympathie verbinden. Es gab Proteste, Aktionen. Es gab Zeiten, in denen man die Beziehung zwischen Atomgegnern und Atomindustrie eine unversöhnliche Gegnerschaft hätte nennen können.

Persönlich angegriffen hat sich Scheuring allerdings nie gefühlt, erzählt er in seinem Büro, in dem ein Luftbefeuchter in Kühlturmform für das richtige Klima sorgt. Auseinandersetzung, Gegnerschaft ist kein Problem für ihn. Er hat sich geärgert, auch über Zeitungsberichte, das sagt er ganz offen. „War aber unterm Strich fair“, hat er bei seinem Abschied beim Kraftwerksgespräch vergangene Woche gesagt. Und manchmal hätte er sich gewünscht, es wäre mehr um Fakten gegangen in den Diskussionen.

Stolz auf die geleistete Arbeit

2015 ist die Grafenrheinfelder Anlage vom Netz gegangen. Darauf hat Scheuring sein Führungsteam und seine Mitarbeiter intensiv vorbereitet. „Das war für mich nicht einfach“. Es gab Beratungsangebote, psychologische Hilfe. „Die Leute sind voll motiviert, wollen motiviert zurückbauen“, sagt er. „Wir können stolz sein, was wir hier erreicht haben“. 35 Jahre habe die Mannschaft sicher und zuverlässig gearbeitet. „Wir sind verantwortungsvoll mit der Technik umgegangen“.

Ein Danke von der Politik für die geleistete Arbeit würde sich Scheuring, der sich als Chef gern ein der Rolle des Spielführers gesehen hat, für die Kraftwerks-Mitarbeiter wünschen. „Das war immer eine Mannschaftsleistung“. Viele Mitarbeiter waren wie er fast ihr ganzes Berufsleben hier in Grafenrheinfeld. Am Ende zählt, wie hat man sich gefühlt, sagt er. Und wenn jemand beim Abschied sagt, es war eine Superzeit, freut ihn das.

Aktiv gegen Windkraft

Scheuring hat sich in seiner Heimat in den Haßbergen in einer Bürgerinitiative gegen Windkraft engagiert. Das hat für ihn mehrere Beweggründe: Ohne konventionelle Kraftwerke lässt sich in seinen Augen ein Industrieland wie Deutschland nicht versorgen. Volatil und unzuverlässig seien erneuerbare Energien, außerdem fehle noch immer die Speichermöglichkeit. Außerdem fehlt ihm eines in Sachen Energiewende: Ein Masterplan. „Den habe ich noch nicht gesehen.“

Weiter als Berater tätig

„Ich freue mich darauf, mehr Zeit zu haben“, sagt Scheuring. Er ist zwar noch als Berater für Preussen-Elektra tätig, sitzt im Nuclear Safety Council, berät Kraftwerksbetreiber in anderen Teilen der Welt. Aber er kann sich jetzt was leisten, was früher nicht ging: „Das Gefühl, ich muss heute nicht fertig werden.“

Deswegen ist die Chronik, die er über seinen Heimatort Kleinmünster schreiben will, eher noch ein Gedankenspiel als ein ausgereiftes Projekt.

Rückblick

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  5. Brandschutz im AKW Grafenrheinfeld: Ehrenamtliche gefordert
  6. AKW: Kritik am Abbau der Werksfeuerwehr
  7. KKG Grafenrheinfeld: Zwischenlager ist jetzt in Bundeshand
  8. Aus für AKW-Andachten
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  10. Jahresrückblick: Rückbau des AKW hat begonnen
  11. Schleierhaftes Plädoyer für die Atomkraft
  12. Mauerbau am Zwischenlager in Grafenrheinfeld
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  18. Rückbau im KKG: Was dieses Jahr konkret geplant ist
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  24. Der Fall der Kühltürme weckt wenig Emotionen
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  35. Scheuring nimmt Abschied vom Atomkraftwerk
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  40. Firma KL: Für und Wider des Atomausstiegs
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