Schonungen

Schneeschippen auf dem Rathausdach

Wie fleißige Ameisen kämpften sich die Ehrenamtlichen der DLRG durch die Schneemassen auf den Dächern im Landkreis Traunstein. Foto: DLRG Landesverband Bayern

Eigentlich vermutet man sie eher an Flüssen, Seen und Meeren oder bei der Rettung Ertrinkender. Aber die DLRG (Deutsche-Lebens-Rettungs-Gesellschaft) kann mehr. Und so schrillte bei René Wagenhäuser dem Einsatzleiter Technik des Ortsverbandes Schonungen unlängst das Telefon. Der Landkreis Traunstein hatte wegen der großen Schneemassen an den Alpenden Katastrophenalarm ausgelöst. Das Land rief einen offiziellen Katastropheneinsatz aus und forderte unter anderem die DLRG an. Der Wasserrettungszug des Bezirks Unterfranken wurde gebraucht und machte sich in der Nacht zum Sonntag mit sieben Fahrzeugen auf den Weg.

Um zwei Uhr starteten 37 DLRGler mit sieben Fahrzeugen. Sie kamen aus Bad Kissingen, Gerbrunn, Gochsheim, Ebern, Schonungen, Werneck und Würzburg. Bei Tagesanbruch wollten sie in ihrem Einsatzort in Schleching ankommen. Der Nachbarort wurde vor wenigen Tagen wegen Lawinengefahr evakuiert.

Gebäude, die die Infrastruktur aufrechterhalten, haben Vorrang

Im Einsatzort war der Krisenstab bereits mit Sachverständigen durchs Dorf gegangen und hatte festgelegt in welcher Reihenfolge die Dächer von den Schneemassen befreit werden müssen. "Gebäude der Infrastruktur haben immer Vorrang", erzählt Wagenhäuser und so landete der Wasserrettungszug Unterfranken auf dem Dach des Rathauses. Andere Ersthelfer räumten die Dächer von Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten.

Eine Stunde investierten die Schonunger in das, was sie in stark strömenden Gewässern gelernt haben, das Anseilen und Absichern. "Es waren ja nicht unmittelbar Menschenleben in Gefahr, also hat die Sicherheit oberste Priorität", erklärt Wagenhäuser, der als Zugführer eingesetzt war.

Regen macht den Schnee so richtig schwer

Dann begann die eigentliche Arbeit. Der ehemals 2,20 Meter hohe Schnee war durch den Regen um einen Meter zusammengeschmolzen und entsprechend schwer. Schaufel für Schaufel musste er nun vom Dach geworfen werden. Die Dächer sind nicht sehr steil, erklärt Wagenhäuser, und ein Architekt habe ihnen auch verraten warum. Der Schnee wurde früher als zusätzliche Isolation genutzt. Alle zwei Stunden wechselten sich die Lebensretter, die zu Dachrettern wurden ab, und arbeiteten sich langsam von unten nach oben durch die weiße Pracht. "Der nasse Schnee war echt eine Herausforderung", erinnert sich Georg Kolbe. Ein bisschen neidisch schauten sie auf andere Trupps, die den Schnee nur auf Folien schaufelten und ihn darauf vom Dach rutschen ließen. "Aber dafür war unser Dach auch zu flach", bedauert Wagenhäuser.

Erschöpft und dann nur noch schlafen

Die einzigen, die eine Schonzeit genießen durften, waren die Fahrer. Sie hatten ja schon über vier Stunden Nachtfahrt hinter sich und sollten die Gruppe nach Einbruch der Dunkelheit auch wieder sicher nach Hause bringen. Und dazu mussten sie fit sein, denn Unterhaltung hatten sie bei der Heimfahrt nicht mehr. Die erschöpften Helfer haben schnell tief und fest geschlafen.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit wurde weiter geschaufelt. Foto: DLRG landesverband Bayern

Wagenhäuser genießt bei solchen Einsätzen "die große Einheit". Nicht nur das Miteinander der unterfränkischen Rettungskräfte, auch mit der österreichischen ÖLRG hat die Zusammenhalt gepasst, alle zogen an einem Strang. Jeder sei gleich, nie gebe es Kompetenzgerangel. Auch wenn sich die Familien der DLRGler das Wochenende vielleicht anders vorgestellt hatten, "die sind froh, wenn wir wieder heil heimkommen", meint Kolbe. Für ihn steht außer Frage, "wer in so einen Verein geht, der muss auch helfen." Schließlich wisse man ja nicht, ob man nicht selbst auch mal Hilfe brauche. Für Wagenhäuser kommt noch etwas Zweites dazu. Jahrelang hat er viel Energie und Zeit in seine Ausbildung gesteckt. Allein für die Qualifikation zum Zugführer, brauchte es viele Wochen. "Da ist es doch schön, wenn man zeigen kann, dass es sich gelohnt hat", meint er. Dazu komme das Gefühl gebraucht zu werden, was ja immer auch eine Genugtuung sei.

Die Freundlichkeit der Leute vor Ort war überwältigend

Und gebraucht wurden die Schonunger, die übrigens am Montag noch ein zweites Mal mit einem Wasserrettungszug nach Schleching fuhren. "Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Leute vor Ort war überwältigend", erzählt Kolbe. Die Bürger hätten Biertischgarnituren aufgestellt und heiße Getränke gebracht. Der örtliche Gasthof hat 200 Mittagessen ausgegeben, 120 waren bestellt. "Also verhungern tut mer bei so einem Einsatz net, eher das Gegenteil", meint Wagenhäuser lachend.

Aber nicht nur die Bevölkerung stehe hinter den Rettungskräften, Wagenhäuser verbucht auch eine steigende Akzeptanz bei den Arbeitgebern, die ihre Leute für solche Einsätze ja immer freistellen müssen. Inzwischen gebe es sogar mehr und mehr Firmen, die auf die Verrechnung der ausgefallenen Arbeitsstunden verzichteten, und so ihren Beitrag leisten.

Wasserrettung in Zahlen

Bayernweit hat die DLRG 14 und die Wasserwacht fünf Wasserrettungszüge. Im Bezirk Unterfranken gibt es davon allein schon drei, einen von der Wasserwacht und zwei von der DLRG. Im Landkreis Traunstein waren vom 11. bis 17. Januar 750 DLRGler im Einsatz. 317 davon allein an dem Sonntag, an dem auch die Schonunger in Schleching waren.

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