Obbach

Schnitt für Schnitt auf dem Weg zum Baumversteher

Sie wollen den Wert der Streuobstwiesen würdigen. 100 Teilnehmer haben inzwischen mindestens einen der "Wertschätzungskurse" der Öko-Modellregion Oberes Werntal besucht.
Diskussionen um jeden Ast gab es bei der Prüfungsvorbereitung zum Landschaftsobstbaumpfleger. Bei Obbach coachte Baumexperte Josef Weimer (Zweiter von rechts) die Kursteilnehmer. Foto: Silvia Eidel

Sie wollen "Baumversteher" werden, wollen wissen, wie und warum der Obstbaum so und nicht anders wächst und warum er so und nicht anders geschnitten werden muss. Und sie wollen den Wert der Streuobstwiesen würdigen und weitertragen, wollen Saft erzeugen oder das Obst zum Verbrauchen und Verkaufen wieder ernten. 100 Teilnehmer haben mindestens einen der "Wertschätzungskurse heimischer Streuobstbestände" besucht, die die Öko-Modellregion Oberes Werntal seit 2016 anbietet.

Wertschätzung für die Vielfalt der Streuobstwiesen 

Äpfel, die am Straßenrand oder auf der Wiese verfaulen und die keiner mehr holt, und Bäume, die keiner mehr pflegt: Auf dieser Wahrnehmung von Bürgern und Bürgermeistern in der Allianz Oberes Werntal fußte das allererste Projekt, dem sich 2016 die damals neu gekürte Öko-Modellregion widmete. Um die Wertschätzung von Streuobst und das Wissen darüber wieder in Erinnerung zu rufen oder neu zu vermitteln, organisierte deren Managerin Anna-Katharina Paar das erste Modul eines Obstbau-Seminars mit dem Gartenbaulehrer und Baumexperten Josef Weimer.

Auf Schloss Gut Obbach kamen seither immer wieder Interessierte zu verschiedenen Grund- und Aufbaukursen zusammen: Es ging um praktische Arbeiten vom Erziehungsschnitt junger Bäume bis zum Pflegeschnitt mittelalter Bäume, um die Geschichte des Obstbaus, um Wachstumsregeln der Bäume, um Baumveredelung oder um die Schnittwirkung. Die Kurse waren der Beginn eines möglichen Tagungszentrums am landwirtschaftlichen Bio-Betrieb.

Obstbaumpfleger mit Zertifikat

31 Kursteilnehmer lassen sich darüber hinaus zum zertifizierten Landschaftsobstbaumpfleger ausbilden, die letzte Prüfungsmöglichkeit ist im Januar 2020. Jetzt, wieder einmal kurz vor einer Prüfung, sind auf einer Obstbaumwiese bei Obbach verschiedene Gruppen dabei, ältere Äpfel- oder Birnbäume zu schneiden. Um jeden Ast wird gemeinsam diskutiert, wo die Mitte des Baumes ist, welches die Gerüstäste sind. Weimer hat den Kursteilnehmern den Oeschbergschnitt vermittelt, eine mittelfristig zeitsparende Methode. Dass grundsätzlich die Mistel als gefährlicher Parasit großzügig entfernt werden muss, wie es ihnen Weimer zeigt, ist allen klar.

Den Baum in seiner Gesamtheit erfassen

"Zunächst muss der Baum geöffnet werden", weiß Kursteilnehmer Bastian Neder, will heißen: gründlich anschauen, auf Vitalität, eventuelle Wunden und Standfestigkeit untersuchen und die Struktur erfassen. Neder und seine Freundin Nicole Kuhn wollen mit dieser Weiterbildung Baumpflegearbeiten als Dienstleistung über den Maschinenring Arnstein anbieten, erzählt er. "Das wird stark nachgefragt", weiß er.

Unterschiedlich alt sind die Obstbäume auf dieser Wiese bei Obbach, wo sich die Teilnehmer des Wertschätzungskurse der Öko-Modellregion Oberes Werntal am Bäume Schneiden versuchen. Foto: Silvia Eidel

Für andere, wie die gelernten Gartenbauer Karsten Schlinger und Kevin Hümmer vom Gemeindebauhof Sennfeld, ist diese Fortbildung in Sachen Obstbäume wichtig. Denn "Straßenbäume werden komplett anders geschnitten", weiß Schlinger.

Das Wissen, wie es richtig geht, ist für Christiane Friedrich wichtig. Auf ihrem Aussiedlerhof mit Hofladen in Kolitzheim hat sie viele Obstbäume gepflanzt, darunter alte Sorten wie Goldrenette und Gewürzluiken. "Die werden gern gekauft." Weil ihr bisheriger Baumschneider aus Altersgründen nicht mehr helfen kann, bildet sie sich weiter. "Man ist unabhängig und man weiß, was man macht und warum."

Manchmal muss man auch einen Baum in Würde sterben lassen

Weimer macht darauf aufmerksam, den Baum da abzuholen, wo er ist. "Es gibt dann verschiedene Möglichkeiten", zählt er auf. Den Baum erneuern, ihn manchmal entlasten, manchmal auch ganz entfernen, wenn die Mistel zu stark zugesetzt hat, oder charaktervolle alte Bäume "in Würde sterben lassen". Denn beim Blick auf die ganze Streuobstwiese erklärt er die gewünschte Mischung: 15 Prozent junge Bäume, 70 Prozent mittelalte und 15 Prozent alte. "Wie in einem Park."

Neben dem Ertrag aus der Streuobstwiese und dem Erlebnis im Jahreslauf dort ist vor allem der ökologische Aspekt maßgeblich. "Das Biotop Streuobstwiese weist die größte Artenvielfalt nördlich der Alpen auf", weiß der Experte, der auch Mitglied der internationalen Arbeitsgruppe für biologisch dynamischen Obstbau ist.

Weimers Credo ist, ein Baumverständnis zu entwickeln, zum "Baumversteher" zu werden. Seine Methodik: "Ich versuche zu erkennen, wie viel Baum und Mensch gemeinsam haben", von der Jugend mit ungezügeltem Treiben bis zum Alter im Schaukelstuhl. Wenn man verstehe, was man mit dem Baum zu tun habe, werde man auch verantwortlich.

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