GEROLZHOFEN

Schutzgebiet berührt Bürgerwald

Ausreichend oder nicht? Vermehrt im Wald bleibendes Totholz und räumlich kleine Trittsteine für bedrohte Arten genügen nach Ansicht der großen Mehrheit im Gerolzhöfer Stadtrat, den Steigerwald ökologisch zu schützen.
Ausreichend oder nicht? Vermehrt im Wald bleibendes Totholz und räumlich kleine Trittsteine für bedrohte Arten genügen nach Ansicht der großen Mehrheit im Gerolzhöfer Stadtrat, den Steigerwald ökologisch zu schützen. Foto: Sabine weinbeer

Thomas Vizl stand wieder einmal alleine gegen alle. Diesmal ging es um den Gemeinsamen Bürgerwald Gerolzhofen-Dingolshausen, den die Waldpflege durch die Ausweisung eines etwa 750 Hektar großen Stücks Staatswald bei Ebrach zu einem Schutzgebiet ohne forstliche Nutzung gefährdet sieht. Die Waldpflege bat deshalb den Stadtrat um eine Stellungnahme, die sich gegen die Pläne des Landratsamts Bamberg ausspricht.

Nun war aber der späteste Abgabetermin für solche Stellungnahmen der 29. November, der Stadtrat tagte aber erst am 2. Dezember. Deshalb schickte Bürgermeister Thorsten Wozniak zusammen mit seinem Dingolshäuser Kollegen Lothar Zachmann einen Widerspruch schon vor einer Stadtratsentscheidung los. Das erzürnte Geonet-Stadtrat Vizl. Er verteidigte die Pläne aus Bamberg vehement und warf dem Bürgermeister vor, eine Stellungnahme ohne Zustimmung des Stadtrats abgegeben zu haben, eine, die obendrein noch überflüssig sei.

Nur Vizl kritisiert Bamberg nicht

Dabei hatte Wozniak von vorneherein gesagt, die Stadt werde ihre negative Stellungnahme sofort zurückziehen, wenn es dafür eine Stadtratsmehrheit gäbe. Die war aber weit und breit nicht zu sehen. Alle Stadtratsgruppierungen stellten sich uneingeschränkt hinter den Bürgermeister. Wozniak erhielt starken Beifall für seine Aussage, es gehöre zu seinen Aufgaben, Schaden von der Stadt abzuwenden, und das habe er mit dem Widerspruch getan. Bei jedem kleinen Bauantrag müssten die Nachbarn zustimmen, bei so einer großen Entscheidung wie jetzt beim Schutzgebiet nach Vizls Meinung offensichtlich nicht.

Zweiter Bürgermeister Erich Servatius (SPD): „Der Widerspruch war ein geeignetes Mittel. In Bamberg wurde Nachbarschaftsrecht nicht eingehalten.“

Zu den Sachargumenten: Stadtrat Werner Ach (CSU), gleichzeitig Vorsitzender des Waldpflegeausschusses für den Bürgerwald, kritisierte an erster Stelle, die Nachbarn des geschützten Landschaftsbestandteils (nicht Naturschutzgebiet, wie Ach sagte), haben erst auf Umwegen von den Bamberger Plänen erfahren.

Ach macht besonders die Schädlingsbekämpfung Sorgen, die im Schutzgebiet wegfallen würde, wenn der Wald aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden würde. Durch die Klimaerwärmung erklömmen immer mehr Schädlinge auch die Hochlagen des Steigerwalds, auch solche, die die Buche angreifen wie Buchenspringrüßler oder Buchenborkenkäfer. Der Prozessionsspinner, der Eichen befällt, wurde in den 90er Jahren noch als vom Aussterben bedroht geführt. Jetzt müsse er aus der Luft bekämpft werden.

Bürgerwald: weniger Kohlendioxid

Was passiert, wenn das nicht oder zu spät getan werde, zeige der Frankenwinheimer Gemeindewald, wo in drei Jahren der gesamte Eichenbestand vernichtet wurde. Deutschland sei per Saldo ein Einfuhrland bei Holz. Man dürfe nicht zuschauen, wie Tropenwälder abgeholzt, jedoch hierzulande Klimaschutzziele immer höher geschraubt und gleichzeitig Wälder aus der Holznutzung genommen werden sollen. Ach weiter: Die Jahresmenge des aus dem Bürgerwald abgegebenen Brennholzes (1500 Ster) ersetze 350 000 Liter Heizöl, dessen Verbrennung die Umwelt mit 850 Tonnen Kohlendioxid belasten würde. Insofern wäre es kontraproduktiv, die Holznutzung zu mindern.

Die Stadt habe sehr wohl das Recht, sich gegen die Pläne aus Bamberg zu wehren. Schließlich haben ihre Bürger 401 Anteile am Bürgerwald (die Dingolshäuser 78). Mit einem Urwald an einer sechs Kilometer langen Grenze wäre nachfolgenden Generationen die Bewirtschaftung erschwert.

Vizl dagegen: Nach seiner Kenntnis müsse das Landratsamt Bamberg nur direkt Betroffene wie den Staatsforst oder Verbände anhören. Nach Aussage des Bamberger Landratsamts haben Anlieger keine negativen Auswirkungen durch den geschützten Landschaftsbestandteil zu erwarten. Im Landkreis Bamberg bestehe jedenfalls hoher Konsens, ein Schutzgebiet auszuweisen. Bei einer Abstimmung im Kreistag im Jahr 2010 gab es nur drei Gegenstimmen.

Es stimme nicht, dass eine Bejagung, eine Wegenutzung oder das Sammeln von Pilzen im Schutzgebiet nicht mehr möglich sind. Vizl stimmt den Bambergern auch zu, dass die Maßnahme wichtig sei für die Biodiversitätsstrategie, mit der der Rückgang der biologischen Vielfalt aufgehalten werden soll. Stillgelegt werden sollten nach Plänen der Bundesregierung zehn Prozent der öffentlichen Wälder. Bisher sei das nur mit 1,9 Prozent der Fall.

Vizl bezweifelt auch, dass die Chemie auf Dauer die klimabedingten Veränderungen im Wald aufhalten kann. Bereits jetzt sieht Burkhard Wächter (CSU) den Steigerwald ausreichend geschützt durch FFH-Gebiete, Trittsteinkonzepte und Totholzanteile. Die Abstimmung ging mit 19:1 für einen Widerspruch gegen die Pläne aus Bamberg aus.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Norbert Finster
  • CSU
  • Erich Servatius
  • Kohlendioxid
  • Lothar Zachmann
  • SPD
  • Stadträte und Gemeinderäte
  • Thomas Vizl
  • Thorsten Wozniak
  • Tropenwälder
  • Ökosystem Wald
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
3 3
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!