Schweinfurt

Schweinfurter helfen Obdachlosen: Ein Haarschnitt für Menschen, die sich keinen leisten können

Auf Initiative der Wohnungslosenhilfe der Stadt wurde umsonst frisiert. Ein Tag in der "Haarwerkstatt" und warum Haare schneiden auch immer Herzenssache ist.
Gemeinsam Spaß im Friseursalon. Michelle (auf dem linken Stuhl) und Regine werden von den Friseurinnen Luzi Michel (links) und Janine Bradaric (rechts) frisiert. Omar (hinten) hat schon seinen neuen Schnitt, mit ihm freuen sich Katrin Herpich und Julia Siebenhaar von der Wohnungslosenhilfe der Stadt Schweinfurt. Foto: Helmut Glauch

Weihnachten steht vor der Tür, da ist es gut, wenn beim Blick in den Spiegel die Vorfreude nicht nur "von innen strahlt", sondern auch die eigene Optik Anlass zur Freude gibt. Da hilft mitunter der Gang zum Friseur. Ein neuer Look, ein bisschen Farbe oder einfach nur wieder Ordnung ins Haupthaar gebracht, und schon fühlt man sich "wie ein neuer Mensch". 

Doch das kostet Geld – und bei Menschen, bei denen dies hinten und vorne nicht reicht, die vielleicht nicht einmal eine eigene Wohnung haben, bleibt solcher "Luxus" gerne auf der Strecke. Damit dies heuer für eine ganze Reihe von Menschen, die sich gerade mit viel Mühe und Engagement aus der  Obdachlosigkeit herausgekämpft haben, anders ist, wurde eine Idee geboren.  

Die Wohnungslosenhilfe der Stadt Schweinfurt organisierte eine kostenlose Friseuraktion für diesen Personenkreis. Montags haben Salons sowieso meist geschlossen. Peter Beuerlein, Inhaber der "Haarwerkstatt" in der Bauerngasse, stellte deshalb am Montag seinen Salon einschließlich benötigter Pflegeprodukte zur Verfügung. Frisiert wurden die Klienten an diesem Tag ehrenamtlich von Luzi Michel, die den Salon "Wellkamm bei Luzi" in Lendershausen hat, und von Friseurmeisterin Janine Bradaric, die ihren Salon "Janine's Friseurzimmer" in Bad Bocklet betreibt.

Schritte ins Leben mit dem Ziel "ein Dach überm Kopf"

Bei der Weihnachtsfeier der Wohnungslosenhilfe wurden Gutscheine für Menschen, die sich den Friseur wohl nicht hätten leisten können, ausgegeben, berichtet Katrin Herpich, im Bereich der Wohnungslosenhilfe bei der Stadt tätig. Vor allem an Menschen, die sich engagiert und die Eigenverantwortung übernommen haben im Hinblick auf ihre persönlichen Schritte in ein Leben mit Dach überm Kopf. So wie zum Beispiel Michelle. Die 21-Jährige, im Heim aufgewachsen und danach lange auf Freunde und Bekannte angewiesen, die ihr einen Schlafplatz zur Verfügung stellten, hat es geschafft. Job, erste Wohnung, Schritte in ein eigenverantwortliches Leben und dennoch kommt sie immer noch gerne zu den offenen Treffs der Wohnungslosenhilfe.

"Es hat lang gedauert", so die junge Frau über ihren Weg in die Selbstständigkeit, es sei schön, nicht mehr jeden Tag überlegen zu müssen, wo man für ein paar Tage Unterschlupf bekommt und nicht mehr voller Angst zu sein, vielleicht doch die letzte Alternative Obdachlosenunterkunft wählen zu müssen.   

Keine guten Erinnerungen an die Obdachlosenunterkunft

Omar hat die Obdachlosenunterkunft in der Euerbacher Straße kennengelernt und weiß, dass er da nicht mehr hin will. Ein Jahr hat er dort gelebt. Die Zustände in der Unterkunft und deren Umfeld hat er in keiner guten Erinnerung.  "Das schlimme ist, dass dort auch Kinder leben. Wenn Kinder in der Scheiße aufwachsen, muss niemand erwarten, dass daraus Schoko-Bananen werden." Drastische Worte, mit denen der 43-Jährige seine Eindrücke zusammenfasst. Auch er kämpft sich ins Leben zurück. Auch er hat mit Hilfe der Wohnungslosenhilfe eine Wohnung gefunden, seinen neuen Job tritt er nächste Woche an.  

Kein Duell, sondern ein Miteinander im Dienst der guten Sache. Janine Bradaric (links) und Luzi Michel waren früher Kolleginnen, jetzt hat jede ihren eigenen Salon. Einig sind sie sich auch in der Einschätzung, dass es wichtig ist, Menschen mit wenig Geld und in prekären Situationen etwas Gutes zu tun. Foto: Helmut Glauch

Auch Angie (43) hat bittere Zeiten erlebt. Aus Rumänien kam sie zum Arbeiten nach Schweinfurt, dann wurde sie schwanger, konnte nicht mehr arbeiten, verlor die Wohnung kurz vor der Geburt ihrer kleinen Tochter Alessia, die im Juni zur Welt kam. Ein halbes Jahr musste sie sich in einer Pension, die auch zu Hartz IV-Konditionen vermietet, Dusche und Waschbecken mit dort wohnenden Männern teilen, ihre kleine Tochter im Handwaschbecken baden. "Alles okay", sagt die Frau nach ihrer jetzigen Situation gefragt. Auch sie hat sich an die Wohnungslosenhilfe gewandt, die sie zunächst in der Pension, jetzt aber doch wieder in eigenen vier Wänden unterbringen konnte.     

Der Blicke in den Spiegel und das Selbstwertgefühl 

Menschen, die existenzielle Probleme haben, die nicht wissen wohin, oder wie sie die Lebensmittel für den Rest des Monats bezahlen sollen, leisten sich keinen Friseur. Können es auch nicht, wenn sie wollten, obwohl es doch so wichtig für das Selbstwertgefühl wäre, so die Erfahrung von Katrin Herpich von der Wohnungslosenhilfe und von Julia Siebenhaar, die nach ihrer Arbeit für die Wohnungslosenhilfe künftig als Streetworkerin tätig sein wird.   

Umso schöner, wenn dann mit einem netten Haarschnitt wenigstens ein Weihnachtswunsch in Erfüllung geht. Jede(r), der am Montag nicht nur zum Haareschneiden, sondern auch auf einen Kaffee in der "Haarwerkstatt" vorbeikam, hat seine eigene Geschichte, die glücklichen Kapitel sind darin meist in der Minderheit. "Es war uns ein Herzenswunsch, diesen Menschen eine Freude zu machen", versichern Luzi Michel und Janine Bradaric, die ihren freien Montag in den Dienst der guten Sache stellten, übereinstimmend. Und weiter geht's: "Der Nächste bitte".   

  

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