GEROLZHOFEN

Schwere Kost Luther

Tischreden: Kulturarbeiter Hans Driesel entwickelt in der Erlöserkirche aus kleinen Facetten die große Persönlichkeit des Reformators. Und Katharina von Bora macht seine menschlichen Schwächen namhaft
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, heißt es. Das galt auch beim Abend an Martin Luthers Tisch in der Erlöserkirche. Leichte Kost war es allerdings nicht, die da für Gaumen und Geist serviert wurde. Foto: Norbert Finster

Als Mensch war Marin Luther nicht perfekt. Aber als wortgewaltiger Denker gehört er gewiss zu den bedeutendsten Gestalten der deutschen Geistesgeschichte. Er war nicht nur Reformator, sondern auch ein Meister der Sprache. Er war nicht nur Literat, sondern beeinflusste auch die Literatur und die Philosophie insbesondere der Aufklärung und der deutschen Klassik.

Kulturarbeiter Hans Driesel entwickelte am Donnerstag und Freitag in der Erlöserkirche aus diesen Versatzstücken die Persönlichkeit Luthers nach und nach in vielen kleinen Facetten, oft nur in knappen Anrissen, aber bei aller Kürze nie oberflächlich. Wie sonst sollte es gelingen, sich einer derart komplexen Persönlichkeit innerhalb von drei Stunden anzunähern.

Ein zentraler Punkt der Reformation

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“ heißt eine der bedeutendsten Schriften der Reformation, die 1520, drei Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg, erschien. Hier geht es um einen zentralen Punkt der Reformation. Luther kritisiert, dass die katholische Kirche, aus der er selbst hervorkam, der individuellen Freiheit des Menschen entgegenwirke und ihn aufs Jenseits vertröste. Luther grundsätzlich: Es bedarf keiner Kirche als Mittler zwischen Gott und dem Menschen.

Der Aufklärer-Philosoph Immanuel Kant hat den Gedanken der individuellen Freiheit über 200 Jahre später mit seinem Ansatz „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ weiterentwickelt.

Martin Luther ließ sich nicht verbiegen

„Wenn ich nicht durch die Schrift widerlegt werde, widerrufe ich nicht“, sagte Martin Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms, wo er seinen Schriften abschwören sollte. Zweierlei wollte Driesel mit diesem Zitat zeigen. Erstens: Martin Luther ließ sich nicht verbiegen, wäre für seine Überzeugung auch in den Tod gegangen. Das zeigte Driesel an anderer Stelle sehr schön an Hans Sachs' Nachtigall-Gedicht auf Luther. In der Mythologie ist die Nachtigall der Vogel, der eher stirbt, als dass er aufhört zu singen. Zweitens: Die Inhalte der Bibel sollen wieder zur Quelle des Glaubens werden. Luther wollte keine supermoderne Kirche, sondern zurück zu den Anfängen. Insofern, so meint Driesel, sei er eher ein Revolutionär denn ein Reformator gewesen. Hier bleibt allerdings die Frage, ob nicht beide Begriffe für Luther problematisch sind, der ja eigentlich die Renaissance der Heiligen Schrift wollte.



 

Albrecht Dürer macht sich Sorgen. Als Luther unter dem Decknamen Junker Jörg auf der Wartburg sitzt, weiß niemand so recht, wie es weitergehen soll mit der Reformation. Auch Luther sorgt sich. Aber nicht um sich selbst, sondern um seine Feinde. Das steht in einem Brief an Philipp Melanchthon, aus dem Hans Driesel zitiert. Inzwischen geht die Reformation Wege, die Luther nicht wollte, Wege der Gewalt und des Blutvergießens.

Driesel machte die rund 60 Zuhörer pro Abend dann vertraut mit dem menschenverachtenden Edikt gegen Luther und band den Reformator immer wieder in die ihn umgebende Zeit ein. Die Erfindung der Buchdruckerkunst zum Beispiel hat der Verbreitung seiner Schriften sehr geholfen. Dann wieder die Verbindung zur Literatur, die Luthers nachhaltige und weitreichende Wirkung auf die deutsche Geistesgeschichte zeigt. Der Theologe hat bekanntlich die Bibel in das noch junge Neuhochdeutsche, unter anderem aus dem Altgriechischen übersetzt und sich dabei zusammen mit anderen Theologen wie Melanchthon tagelang über nur wenigen Zeilen das Gehirn zermartert.

Luthers Einfluss auf Goethes "Faust I"

Das findet sich wieder in Johann Wolfgang von Goethes „Faust I“, im berühmten Faust-Monolog der Studierzimmer-Szene. Auch Faust sitzt da und weiß nicht, wie er den Prolog des Johannes-Evangeliums in sein geliebtes Deutsch übersetzen soll. Es geht, was Driesel nicht sagt, um das altgriechische Wort „logos“. Das kann man übersetzen mit „Wort“. So heißt es in der Bibel „Im Anfang war das Wort.“ Doch Faust zweifelt: „Hier stock ich schon... Ich muss es anders übersetzen“. „Logos“ könnte auch „Sinn“, „Kraft“ oder „Tat“ bedeuten. Für Letzteres entscheidet sich Faust. Diese Szene ist ganz offensichtlich Martin Luther gewidmet.

Fotoserie

Luthers Tischreden

zur Fotoansicht

Martin Luther war auch Sprachschöpfer. Viele Redewendungen aus seinen Schriften sind noch heute im Gebrauch. „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, ist nur eine davon.

Luthers Frau Katharina von Bora (Hildegard Driesel) saß lange schweigend und unauffällig am Tisch. Dann aber kam ihr großer Monolog, in dem sie den Widerpart zu Luthers geistiger Größe in Gestalt seiner menschlichen Schwächen setzte. Sie hat die Arbeit mit den vielen hungrigen Mäulern, die ihr Mann an den Tisch holt, auf dass sie gut und billig essen. Und von ihr verlangt Luther absoluten Gehorsam. Katharina von Bora ergänzt das Vaterunser mit dem Stoßruf: „Meinen guten Willen gib mir heute.“

„Du bist ein Mönch geblieben“

Und da ist noch die sexuelle Unzufriedenheit: „Du bist ein Mönch geblieben, ich eine Nonne.“ Ihre Lust haben die beiden nicht aneinander gelebt. Katharinas Vorwurf schließlich an den allzu kopflastigen Menschen Martin Luther: „Du suchst in den Büchern, was man draußen an den Blättern ablesen kann.“

Weit mehr als nur nur eine musikalische Untermalung waren die Beiträge von Hans Heilgenthal auf historischen Instrumenten wie Bockpfeife, Gämshorn, Psalterium und Hirtenhorn.

Und schließlich gab es nicht nur Reden, sondern auch zu essen und zu trinken wie damals an Luthers Tisch. Steckrüben, Blutwurst, Knöchli, Sauerkraut und Mehlspatzen nach Herzenslust, serviert von Mitgliedern des Kleinen Stadttheaters. Dazu ein herber Apfelmost oder ein ungespundetes Bier. Diese Opulenz war sicher ganz im Sinne Luthers, der einmal sagte, sich nur zu kasteien, wäre nicht gut, denn das hieße, die Gaben Gottes zu verschmähen.

Hans Driesel (rechts) und seine Frau Hildegard als Katharina von Bora eröffneten das Kulturprogramm zu 500 Jahre Reforma... Foto: Norbert Finster

 

Schlagworte

  • Gerolzhofen
  • Norbert Finster
  • Albrecht Dürer
  • Hans Driesel
  • Hans Sachs
  • Immanuel Kant
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Martin Luther
  • Mönche
  • Philipp Melanchthon
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!