GEROLZHOFEN

Sehnsuchtsorte, so unterschiedlich wie die Menschen, die sie suchen

Aus dem Reisetagebuch: Mit dem Bericht über eine Fahrt nach Essen unterhielt Horst Fuchs die Zuhörer bei der Lesenacht.
Aus dem Reisetagebuch: Mit dem Bericht über eine Fahrt nach Essen unterhielt Horst Fuchs die Zuhörer bei der Lesenacht. Foto: Gudrun Theuerer

So individuell wie die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Vorstellungen vom Ort ihrer Träume – von ihrem Sehnsuchtsort. Entsprechend vielseitig war die Lesenacht, die Geo-net heuer zum elften Mal veranstaltete, und die von zahlreichen Zuhörern im Bürgerspital besucht wurde.

Diese hörten zum einen ernste Texte, die nachdenklich machten, zum anderen Erzählungen die lustig und augenzwinkernd unterschiedlichste Sehnsuchtsorte beschrieben. Tiefsinniges wechselte sich ab mit Leichtem, Reiseberichte informierten, Gedichte lieferten im Kontrast dazu Bilder.

Um die Abwechslung perfekt zu machen, begleiteten Norbert Vollmann und Harry Brabec die Lesenacht mit Musik rund um die Welt. Die beiden spielen seit Jahrzehnten zusammen, waren schon in den 1970er Jahren mit ihrer Band „Metamorphosis“ in Thomas Gottschalks damaliger Sendung „Club 16“ zu Gast.

Kerstin Celina, Landtagsabgeordnete der Grünen aus Kürnach (Lkr. Würzburg) hatte zu Beginn ein hochaktuelles und sehr ernstes Thema für den Abend mitgebracht. Sie las aus dem Buch „2850 Kilometer. Mohamed, Jerry und ich unterwegs in Afrika“, das „Tagebuch einer Flucht“ der Regisseurin Miriam Faßbender, die zwei afrikanische Flüchtlinge auf ihrem langen Weg nach Europa begleitet hat.

Als Beweis, dass sich ein Reporter nur nach einem Ort sehnt, nämlich der Titelseite, las Main-Post Redakteur Josef Schäfer aus Erwin Kischs Reportagen einen Bericht des Reporters Henri Stephan Opper de Blowitz vor. Dieser beschreibt darin pathetisch, selbstgefällig und übertrieben, wie er es schaffte, dass seine Zeitung den Deutsch-französischen Vertrag von 1878 eine Stunde vor der Konkurrenz veröffentlichen konnte. Später las er noch aus dem „Irischen Tagebuch“ von Heinrich Böll.

Horst Fuchs, der in der Schreinerei der Lebenshilfe-Werkstatt in Sennfeld arbeitet und in der Offenen Behinderten Arbeit des Diakonischen Werkes Schweinfurt aktiv ist, schreibt begeistert Reisetagebücher. Und so konnten die Zuhörer einen Teil einer Reise nach Essen miterleben. Dabei war unter anderem Interessantes über den Essener Dom, die Familie Krupp und das Ronald-McDonald-Haus zu erfahren.

Hannelore Seitz, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Niere Schweinfurt/Haßberge, trug eine Passage aus dem Buch „Das weiße Segel“ von Sergio Bambaren vor, einem Märchen für Erwachsene. Als Kontrast hatte sie eine Glosse von Main-Post-Redakteur Herbert Scheuring mitgebracht, in der er den Besuch einer Reisemesse beschreibt. Er erfährt, dass bei den Locations Beachholiday ein Burner ist, und VIP-Check-In mit Late-Check-Out ein wichtiges Must-Have. Er stößt auf so viele Anglizismen, dass am Ende der Hinweis auf die Möglichkeit einer deutschsprachigen Reiseleitung wie ein Witz erscheint.

Thomas Mütze, Landtagsabgeordneter der Grünen aus Aschaffenburg, gestand nach der Pause, dass sein Sehnsuchtsort Mallorca ist. Dazu lieferte er aber nur einen kurzen Satz aus einem Reiseführer. Er las stattdessen zwei Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe vor: „Rhein und Main“ und „Ilmenau“. Als Kontrast rezitierte er anschließend ein Gedicht von Charles Bukowski.

Fast andächtig lauschten die Zuhörer der Würzburger Lyrikerin Beate Geist als sie ihr Gedicht „Beobachtungen am Himmelsrand“ vortrug. Nur ihre ruhige Stimme war zu hören, als sie wortgewandt in bildhafter Sprache Gedanken und Empfindungen bei einem mehrwöchigen Aufenthalt am Meer beschrieb.

Zum Abschluss des gelungenen Abends lauschten die Gäste noch drei Gedichten von Mascha Kaléko, die Irmgard Fröhling vortrug. Kaléko, zunächst als Wunderkind gefeiert, musste 1938 ihre Heimat Deutschland verlassen – sie war Jüdin. Die Gedichte „Sehnsucht nach einer kleinen Stadt“, „Auf einer Bank“ und „Sozusagen ein Mailied“ befassen sich mit der Sehnsucht nach der Heimat und der Muttersprache.

Neben der geistigen Kost gab es in der Pause ein Büffet mit karibischen Spiesen, deren Rezepte auf der Internetseite von Geo-net zu finden sind.

Im kommenden Jahr soll das Thema der Lesenacht „Knallvergnügt durchs Leben“ lauten und Literatur zum Thema Lebenslust und Fröhlichkeit vorstellen.

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