DITTELBRUNN

Sie glühte 70 Jahre lang

Martina Rücker fand als Kind in den Brennöfen diese Glühbirne, die sie durchs Leben begleitete. Foto: Charlotte Wahler

Wer kann sich noch erinnern an das Helferlein, die freundliche, kluge Glühbirne, die dem Erfinder Daniel Düsentrieb stets zur Hand ging? Im Comiczeitalter wurde viele Jahrzehnte lang das Licht der Erkenntnis als Glühbirne symbolisiert, sie schwebt in einer Gedankenblase über denkenden Köpfen.

Martina Rücker hat eine Glühbirnengeschichte zu erzählen, in der sich lokale Geschehnisse mit Industriekultur und persönlichem Erleben so verweben, dass am Ende vielleicht eigene Erinnerungsfunken entstehen, die Licht in die Vergangenheit schicken.

Zwischen den Trümmern findet Martina Rücker die Glühbirne

Vor fast 40 Jahren lebte sie als zwölfjähriges Kind in einem Schweinfurt, in dem die Wunden des Krieges überall noch sichtbar waren, überall noch spürbar waren in den Menschen, an den Menschen. Zwischen den Trümmern lagen noch viele Keller und Gänge offen, „wir sind überall rein in diesem zerbombten Schweinfurt, wir waren zu dritt und wir stromerten herum in einer Freiheit, die es für heutige Kinder vielleicht gar nicht mehr gibt“, erzählt Rücker. Expeditionen in eine verschüttete Vergangenheit. Damals an den Brennöfen ging es mit Taschenlampe und auf Knien durch drei Keller, über Trümmersteine und durch aufgespaltene Wände.

„Da hat sich kindliche Phantasie mit pubertärer Energie gemischt, vielleicht auch mit Angst und Lust. Da erscheint eine Glühbirne doch als passendes Symbol, aus den Wirrnissen der Zeit hinauszufinden“.

Das Kind entdeckte sie an einem Treppenaufgang und beschloss, sie mitzunehmen. Diese Glühbirne, die da schon durch die Hitlerzeiten unverdrossen das Grauen und wohl auch die Hoffnung beleuchtete, sie ging noch. Das Kind drehte sie zuhause in die Schreibtischlampe und: Heureka!, sie geht noch!

Die Glühbirne leuchtet beinm Büffeln fürs Abi

Erinnern wir uns weiter, an knallorange kugelförmige Schreibtischlampen, die jetzt nur noch im Retro-Stil modern sind, damals der letzte Schrei. In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Jugend in der ganzen Welt aufbegehrte und besonders in Deutschland mit dem alten Muff der Nazi-Jahre aufräumte.

Dort büffelt das Kind bis zum Abi, das jugendliche Kind, das Vorzeigeobjekt sein soll für ein erfolgreiches Leben, das einer strengen Erziehung ausgesetzt ist, das wie viele Andere seiner Zeit rebelliert und dennoch sich anpasst an einen Leistungsdruck, an einen Erfolgszwang, der keinen Platz mehr lässt für die Frage nach dem eigentlichen Leben. Wie soll das gehen: ein gutes Leben leben? Heute, in einer Gegenwart in der die Burnout-Bedrohten schon wieder nachdenken über „Down-Shifting“ (übersetzt heißt das: den Leistungsdruck herunterfahren für eine bessere Art zu leben).

Ein regionales Vorbild war damals Gunter Sachs, „diese coole Socke“, so Rücker. So ein Leben zu leben, war nicht nur eine Sache des Geldes, sondern auch der Haltung: Hinausgehen und Neues wagen! Und eben nicht nach dem Geld fragen.

Die Glühbirne ist beim Umzug nach München dabei

Musik und Partys und sturmfreie Buden waren in diesen jungen Jahren das Wichtigste. „Exzessiv zu leben, von einem Extrem ins andere zu gehen, war meine Art, das Leben auszuloten“, so Rücker. Das Studium an der Schweinfurter FH beschloss sie erfolgreich. Als Diplomarbeit baute sie einen Musikcomputer. Und auch das berufliche Leben sollte „irgendwas mit Musik“ sein. Weil aber für das perfekte akustische Gehör ein Fitzelchen fehlte, wurde daraus nichts. Dafür ging es dann 1990 ab nach München. Mit dem Ratschlag, der heute in der Region immer noch zählt: Geh' in die Industrie, da verdienst du was! Also München. Mit der Lampe im Gepäck, in der die Glühbirne aus den zerbombten Schweinfurter Kellern immer noch brennt.

„Wir haben dann die Telekommunikation in der ehemaligen DDR aufgebaut. Siemens hat da unendlich verdient und wir in einem anfangs recht lockeren Berufsleben ganz gut mit. Aber letztendlich gibst du dort an der Pforte deine Seele ab“, resümiert Rücker diese berufliche Phase. Dann kam die Digitalisierung, der erste Glasfaserring in Bayern führte sie über Regensburg nach Nürnberg und Bamberg und wieder zurück nach München.

Das Arbeitsklima war schlechter geworden und der Arbeitsdruck immer größer, so Rücker.

Im Schicksalsjahr 2003 geht die Glühbirne kaputt

Da reagiert auch die Seele. Der sogenannte Burnout bezeichnet ja nur ein Bündel von Reaktionen auf zu große Belastungen. „Ich habe dann auch mal mit Blumentöpfen geworfen, wenn ich eine Situation nicht aushielt.“ Mit ihrem Arbeitskollegen bildete sie ein seit Jahren eingespieltes erfolgreiches Team, das wurde zerschlagen von neuen jungen Chefs, die den Turbokapitalismus mitbegründeten. Auf diesem Felde ein Held zu sein, erscheint heute als immer fraglichere Lebensplanung. Vielleicht hat das Licht der Erkenntnis ein Helferlein? Was heißt schon Karriere?

Rücker wehrte sich mit Krankheitsphasen, bis hin zu Suizidgedanken trieb sie ihre Erkrankung. Die Krankengeschichte spitzte sich auf eine Operation zu, bei der eine Krankenhausinfektion zu einer schweren Blutvergiftung führte und das Leben an einem seidenen Faden hing.

Das war im Jahr 2003 und in diesem Jahr ging, wie es der Zufall will, auch die Glühbirne kaputt. Nach bestimmt mehr als 70 Jahren.

An den Brennöfen wird die Fassung für die Glühbirne wieder sichtbar

Danach? „Danach saß ich erst einmal im Rollstuhl.“ Wie kann das gehen, sich etwas Neues aufzubauen, mit Gleichgewichtsstörungen und weiteren großen gesundheitlichen Problemen? Die Schwabinger Wohnung, die mit eigenen Händen erarbeitet worden war, bot irgendwann keine Geborgenheit mehr, das wilde Münchner Leben hatte seinen Reiz verloren. „Was heißt das schon, wenn man Schleich beim Bäcker oder die Senta Berger beim Rewe trifft.“ Und München war dennoch eine Heimat geworden, die man nicht so leicht verlässt. Rücker kämpft sich zurück. Sie schreibt viel, am Ende kommen zwei Romane dabei heraus. Und sie läuft heute wieder, eisern steigt sie die Treppen in den vierten Stock ihrer Wohnung, sie ist medikamentenfrei . Sie macht Musik, sie trainiert und sie lebt seit 2014 wieder in Schweinfurt.

Sie sagt, sie hätte eine weltoffenere Stadt vorgefunden, in der sich Heimat wieder neu definieren könne. Als an den Brennöfen gebaut wurde, wurde sogar die Fassung für die Glühbirne wieder sichtbar, die so lange ihr Leben begleitet hatte. Im LED-Zeitalter stellt sich vielleicht auch die Erkenntnisfrage wieder neu. Fünf Dinge seien im Leben wichtig, so Rücker: Arbeit, Familie, Religion, Freunde und Heimat, „und drei davon reichen fürs Leben“.

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