Schweinfurt

Sind 100 Lesepaten immer noch zu wenig?

Seit der Gründung des Vereins Mentor 2011 hat sich manches geändert, sagt Vorsitzender Alfred Gerlach, nur das Grundproblem nicht. Wieso hat sich das eher verschärft?
Bundesweit hat der Verband Mentor rund 11 500 Leselernhelfer unter seinem Dach. Allein 100 sind es in Schweinfurt. Sie betreuen 125 Kinder an Grundschulen in Stadt und Landkreis.
Bundesweit hat der Verband Mentor rund 11 500 Leselernhelfer unter seinem Dach. Allein 100 sind es in Schweinfurt. Sie betreuen 125 Kinder an Grundschulen in Stadt und Landkreis. Foto: Andreas Endermann

Kinder, die nicht richtig lesen können, oder nicht wirklich verstehen, was sie da lesen –vielleicht, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, vielleicht, weil Lesen das letzte ist, was sie gerne tun: Der Bedarf an Leselernhelfern ist größer denn je, sagt Alfred Gerlach, Vorsitzender von Mentor – Die Leselernhelfer Schweinfurt. 125 Mitglieder zählt der Verein, 100 davon sind Aktive. Das klingt und ist viel, engagieren sich die Leselernhelfer doch rein ehrenamtlich. Doch auffangen kann diese Truppe den tatsächlichen Bedarf an den Schulen nicht. An elf von ihnen, hauptsächlich im Schweinfurter Stadtgebiet, aber auch an einigen im Landkreis, sind die Lernhelfer von Mentor aktiv. Mehr geht zur Zeit nicht, sagt Gerlach. "Wir können die Nachfrage nicht stillen." Auch deshalb sind neue Leselernhelfer immer willkommen.

Der Grund für den Bedarf, der seit Gründung des Schweinfurter Vereins im Jahr 2011 kontinuierlich angestiegen ist? Es gibt mehrere, sagt Gerlach. Zum einen ist die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund an den Grundschulen hoch, bei manchen sind es 80 Prozent und mehr. Zum anderen wird in den Familien zu wenig gelesen. "Es gibt so viele Anreize, wie Kinder abgelenkt werden", erklärt Gerlach. Computer, Handy, Spielkonsolen. Die Sprache, das Lesen rückt in den Hintergrund. Viele können sich nicht konzentrieren. Und so kommt es zu Zahlen, die erschrecken. 

In einer Studie von 2017 haben Wissenschaftler festgestellt, dass knapp ein Fünftel der unter Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass sie dabei auch den Text verstehen. Eine schlecht ausgebildete Lesefähigkeit habe für jedes Kind aber dramatische Folgen. Die meisten machten keinen Schulabschluss und erlernten keinen Beruf. Im Vergleich war Deutschland damit seit 2001 von Platz fünf auf Platz 21 aller an der internationalen Studie beteiligten Länder abgerutscht. In Schweinfurt ist die Situation nicht anders, eher im Gegenteil.

Wie arbeiten die Leselernhelfer?

Ein Kind, ein Leselernhelfer – die Betreuung ist eins zu eins angelegt, erklärt Alfred Gerlach. Nur in Ausnahmefällen übernimmt jemand anderes als der dem jeweiligen Schüler zugeteilte Lesepate den Unterricht. Der findet immer im Anschluss an den regulären Schultag statt. Und zwar in der Schule.  Aktuell betreuen die rund 100 Leselernhelfer von Mentor 125 Kinder, fast alle im Grundschulalter. Manche Mentoren begleiten zwei Kinder, andere nur eins. Und alle tun es, ohne Entgelt dafür zu bekommen, eben ehrenamtlich.

Privat liest er natürlich eher etwas anderes: Alfred Gerlach ist Vorsitzender des Vereins Mentor Schweinfurt, der mit über 100 Lesehelfern an elf Schulen in Stadt und Landkreis Schweinfurt aktiv ist.
Privat liest er natürlich eher etwas anderes: Alfred Gerlach ist Vorsitzender des Vereins Mentor Schweinfurt, der mit über 100 Lesehelfern an elf Schulen in Stadt und Landkreis Schweinfurt aktiv ist. Foto: Katja Beringer

Und doch, sagt Alfred Gerlach, der nicht nur Vorsitzender ist, sondern auch selbst Lesepate, bekommt man als Aktiver viel zurück: Den Spaß, mit den Kindern zu arbeiten, gemeinsame Erfolgserlebnisse, wenn das Lesen, das Textverständnis und dann auch die Noten besser werden. Lesepaten und Schüler wachsen zusammen, manchmal melden sich die ehemaligen Schüler noch Jahre später. Es ist eine ehrenamtliche Arbeit, die "zufriedenstellt", wie Gerlach es nennt. Und das sieht offenbar nicht nur er so. Die meisten derjenigen, die mit ihm und der ersten und langjährigen Vorsitzenden Gitta Sünkel in den Anfangsjahren nach 2011 den Verein gegründet und seine Arbeit mit aufgebaut haben, sind heute noch dabei. Ihr Alter? Bis auf wenige Ausnahmen ab 60 aufwärts.

Wie wird man Leselernhelfer bei Mentor?

Wer Mentor, also Leselernhelfer werden will, muss natürlich gerne mit Kindern arbeiten, selbst das Lesen und die deutsche Sprache lieben, erklärt Gerlach. Als erstes wird der Lesepate in spe von einem anderen Ehrenamtlichen zu einer Schnupperstunde mitgenommen, damit er oder sie selbst beurteilen kann, ob diese Arbeit etwas für in oder sie ist. Mindestens ein Jahr soll er das Kind begleiten wollen. Und dann? Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt. Wie jeder, der mit Kindern arbeitet, müssen auch die Mentoren ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Dann werden sie mit Arbeitsmaterialien und Leselernhilfen ausgestattet. Zweimal im Jahr gibt es Fortbildungen. Alles, so Gerlach, ist gut organisiert. An jeder Schule fungiert ein Mentor als Koordinator für seine Kollegen. Auch die Schule  benennt einen Ansprechpartner. Und sie sucht die Kinder aus, die einen Mentoren bekommen sollen.

Was er sich für die Zukunft wünschen würde? Natürlich noch mehr Aktive, aber auch Leute, die sich im siebenköpfigen Vorstand des Vereins engagieren würden. Damit er, so Gerlach, den Vorsitz einmal in jüngere Hände abgeben könnte. 2018 hat er ihn selbst von Gitta Sünkel übernommen, die krankheitsbedingt aufhören musste. Davor war er Stellvertreter. Dem Verein Mentor, so scheint es, wird Alfred Gerlach in jedem Fall noch lange erhalten bleiben. So oder so. 72 ist er heute, ein gutes Alter für ein Lesepaten.

Kontakt: Wer selbst Lesepate werden möchte, kann sich bei Mentor Schweinfurt melden: Entweder unter Tel. (09721) 3709889 oder via Mail info@mentor-schweinfurt.de

Was Mentor ausmacht
Die Geschichte von Mentor beginnt 2003: Damals initiiert der Buchhändler Otto Stender in Hannover die Bewegung. 2008 gründete sich der Bundesverband, der heute rund 80 Vereine und kooperierende Initiativen hat. Insgesamt 11 500 ehrenamtliche Mentoren betreuen so im Bundesverband 15 000 Schüler.
Das Entscheidende ist bei Mentor die 1:1-Betreuung über den Zeitraum von mindestens einem Jahr. Als Ziel gibt man sich, dass jedes Kind, unabhängig von seiner kulturellen und sozialen Herkunft eine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe bekommt.
Unterstützt wird der Schweinfurter Verein durch Spenden und die Schweinfurter Stiftungen.

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