So viel Nähe zum Tier

Neue, aufgebrochene Farbpalette: Heinrich von Zügel, „Kühe im Moor“, 1908, Neue Pinakothek München.
Neue, aufgebrochene Farbpalette: Heinrich von Zügel, „Kühe im Moor“, 1908, Neue Pinakothek München. Foto: Museum Georg Schäfer

Für uns Heutige, Kinder der digitalen Revolution, sind die Bilder Heinrich von Zügels archaisch. So viel Nähe zum Land, zum Tier, zum Grundbedürfnis, zur Abhängigkeit von der Erde, ist uns abhanden gekommen. Die Resonanz des Ausstellungsbesuches wird seine Aktualität neu bemessen. Einst war er der Etablierte: Zuerst erwarb die Nationalgalerie Berlin bereits in ihrem Eröffnungsjahr 1876 ein Zügel-Gemälde, 1885 die Staatsgalerie Stuttgart, 1888 die Galerien in Breslau und Prag. Im Laufe seines Schaffens wurde Heinrich von Zügel mit Titeln überhäuft: Königlicher Professor, Lehrer in der für ihn gegründeten Abteilung Tiermalerei an der Akademie in München mit großer Schülerschar, Träger der Großen Goldenen Medaille Düsseldorf, Ehrenmitglied der Münchner, Dresdner und Berliner Akademien, Ehrendoktor der veterinärmedizinischen Fakultät Gießen, Träger des Maximilians-Ordens wie des Ritterkreuzes der Bayerischen Krone. – Und heute: ein Vergessener?

Heinrich von Zügel ist der unverwechselbare Maler einer schöpferischen Natur, die für Mensch und Tier einen erfüllten Lebenskosmos bietet. Sie stellt das Wesentliche des Lebens zur Verfügung: Frieden, Nahrung, Raum zum Atmen, Kräftigung. Doch umsonst ist dies in seinem Bildvokabular nicht zu haben. Der Mensch hat für sein Auskommen, seine Nahrung zu arbeiten, er hat zu hegen und zu pflegen.

Heinrich von Zügel, der im Jahr 1850 im württembergischen Murrhardt geborene Sohn eines Schäferei-Besitzers wusste sehr wohl, dass der Mensch bestenfalls Hüter der Natur sein kann. Seine Rolle spielt sich hinter dem Pflug ab. Entdecken Sie die Größe Heinrich von Zügels in den Darstellungen eines einzigartigen Zusammenspiels von Tier, Mensch, Erde, Licht, Luft und Wasser.

Der Tiermaler – das ist die erste Assoziation und die bindende Festlegung in der deutschen Kunstgeschichte. Die Ausstellung deckt auf, dass malstrategische Obsession sein Schaffen prägt. So hält er Stand mit Perspektiven europäischer Malerei eines Willem Maris, Anton Mauve, Johannnes de Haas. Von seinem Besuch der I. internationalen Kunstausstellung in München im Jahr 1869 ist Zügel überwältigt – etwa von Courbet, Troyon, Jacque. Vorherrschender geistiger Ziehvater blieb jedoch Anton Braith. Der Sezessionist Zügel ist heute in Augenhöhe von Uhde, Liebermann, Corinth und Slevogt zu sehen.

Lebensstationen

1850: Heinrich von Zügel wird am 22. Oktober in Murrhardt (Württemberg) als Sohn eines Schafhalters geboren.

1864-66: Erster Zeichenunterricht. Kopieren von Kupferstichen und Lithographien. Übung im Präparieren von Tieren. Jahresstipendium durch den Prinzen von Sachsen-Weimar seit 1864.

1867-69: Staatsstipendiat der Stuttgarter Kunstschule bei Bernhard von Neher und Heinrich Rustige. Erste Ölbilder.

1869: Heinrich von Zügel zieht nach München. Freundschaft unter anderem mit Gotthardt Kuehl, Fritz von Uhde. Jährliche Studienaufenthalte in Murrhardt, wo später viele Motive entstehen.

1869/70: Atelier in der Landwehrstraße. Weiterbildung bei Carl von Piloty. Nach kurzer Zeit verlässt Zügel frustriert dessen Malklasse und bildet sich autodidaktisch weiter.

Ab 1871: Erste internationale Erfolge.

1875: Zügel heiratet seine Jugendfreundin, die Murrhardter Bauerntochter Emma Schippert. Sie haben vier Kinder: Willy, Anna, Elise und Emma.

1878: Zügel beteiligt sich an der Pariser Weltausstellung.

1880-1886: Die Hochmoorlandschaft von Dachau reizt ihn sommers zu neuen Motiven.

1887-1909: Studienaufenthalte in Paris, Belgien, Holland, Finkenwerder und England.

1888: Ehrenmitglied der Münchner Akademie.

1889: Professorentitel der Akademie.

1894: Zügel wird als Nachfolger des Tiermalers Hermann Baisch an die Karlsruher Kunstakademie berufen. Noch im selben Jahr richtet die Münchner Akademie eine Klasse für Tiermalerei mit großem Atelierhaus ein und wirbt ihn ab.

1895-1914/34: Regelmäßige Erholungsaufenthalte in Bozen, Sirmione und Bad Gastein.

1901: Der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, beauftragt Zügel für die „Sammlung von Bildern aus Hamburg“.

Seit 1895 Sommerkurse in Wörth am Oberrhein. Prominente und einzige Frau darunter ist ab 1908 Prinzessin Hildegard von Bayern.

1913: Tod seiner Frau.

1914-18: Finanzielle Verluste wegen Kriegsanleihen.

1920: Bis zum 70. Lebensjahr bleibt er als Akademieprofessor im Amt.

1921: Umzug ins Wohn- und Atelierhaus in Bogenhausen, München.

1941: Heinrich von Zügel stirbt am 31. Januar in München.

Heinrich von Zügel, Zwei Kälber, 1915, Lithographie, Kunstmuseum Stuttgart.
Heinrich von Zügel, Zwei Kälber, 1915, Lithographie, Kunstmuseum Stuttgart.
Heinrich von Zügel: Bauer mit Kühen, 1913, Öl auf Leinwand, Stadt Wörth am Rhein.
Heinrich von Zügel: Bauer mit Kühen, 1913, Öl auf Leinwand, Stadt Wörth am Rhein.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Akademien
  • Alfred Lichtwark
  • Digitaltechnik
  • Fritz von Uhde
  • Gotthardt Kuehl
  • Hamburger Kunsthalle
  • Heinrich Johann von Zügel
  • Kunst des Impressionismus
  • Museum Georg Schäfer
  • Tiermalerei
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!