GRAFENRHEINFELD

So will E.on das AKW Grafenrheinfeld abreißen

Deutschlands ältester Atomreaktor Grafenrheinfeld vom Netz       -  Noch sind die Kühltürme des AKW Grafenrheinfeld weithin zu sehen. Der Rückbau der abgeschalteten Anlage soll 2018 beginnen und mindestens bis 2030 dauern.
Noch sind die Kühltürme des AKW Grafenrheinfeld weithin zu sehen. Der Rückbau der abgeschalteten Anlage soll 2018 beginnen und mindestens bis 2030 dauern. Foto: D. Karmann/dpa

Seit über zehn Monaten produziert das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld keinen Strom mehr. Es war im Juni 2015 der erste der neun verbliebenen deutschen Atommeiler, der nach der ausgerufenen Energiewende planmäßig vom Netz gehen musste. Das letzte deutsche AKW soll am Jahresende 2022 seinen Betrieb einstellen. Was machen die Beschäftigten in Grafenrheinfeld heute? Was tut sich in den nächsten Jahren auf der Anlage von E.on? Wann fallen die Kühltürme? Solche Fragen und die möglichen Folgen des geplanten Rückbaus werden in der Bevölkerung rund um Schweinfurt diskutiert. Hier gibt es einige Antworten.

Was ist eigentlich jetzt im Atomkraftwerk zu tun?

Hauptaufgabe des sogenannten Nachbetriebs ist es, die verbliebenen Brennelemente zu kühlen. Die 193 Brennstäbe-Bündel sind aus dem Reaktordruckgefäß ins Abklingbecken gehievt worden. Dort bleiben sie für etwa vier bis fünf Jahre, bis sie eine Temperatur erreicht haben, die es erlaubt, sie aus dem Reaktorgebäude ins benachbarte Zwischenlager BELLA zu transportieren. Der Reaktordruckbehälter ist inzwischen leer, das Wasserbecken, das ihn umgibt, ebenfalls und der Bereich mit einem Betonriegel abgedeckt.

Gleichzeitig laufen die Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten weiter. So soll zum zweiten Mal in der Kraftwerksgeschichte der Primärkreislauf dekontaminiert werden. Das soll laut E.on die Strahlenbelastung für die Beschäftigten verringern und den späteren Abbau des Rohrsystems erleichtern. Intern werden die Abläufe und Verwaltungsstrukturen umgebaut, um sie auf den Rückbau auszurichten, dessen Genehmigungsverfahren vorangetrieben wird. Und Betreiber E.on will Strom sparen: Die Systeme sollen optimiert werden, damit der Energieverbrauch zurückgeht.

Wie wird die Anlage abgebaut, wie lange dauert das?

Der E.on-Plan sieht vor, sich von innen nach außen zu arbeiten. Zunächst soll das Inventar aus dem sogenannten Kontrollbereich ausgebaut werden, also aus den Arealen, in denen radioaktives Material vorhanden ist. Es muss „freigemessen“ werden.

Nach der Strahlenschutzverordnung darf nur solches Material ins Freie gelangen, das maximal eine Dosis von zehn Mikro-Sievert pro Kalenderjahr aufweist. Dazu müssen alle Maschinen, Behälter, Rohre, Pumpen und andere Teile in etwa koffergroße Partien geschnitten werden, damit sie in die Messanlage passen. Radioaktive Partikel werden vorher entfernt. Dieser Aufwand erklärt unter anderem, warum der Abbau mehr als zehn Jahre dauert.

Starten will E.on 2018. Das Unternehmen rechnet damit, dass der Rückbau 2028 so weit fortgeschritten ist, dass nur noch die Gebäude stehen und formal das Werk aus der atomrechtlichen Überwachung fällt. Der Abriss der Gebäude – inklusive der markanten Kühltürme – soll danach beginnen und könnte 2030/31 beendet sein.

Was passiert mit den Abfällen?

Die hochradioaktiven Abfälle – die Brennelemente – werden in Castoren verpackt und kommen ins benachbarte Zwischenlager BELLA. Weil noch kein zentrales Endlager in Aussicht ist, werden die Behälter noch lange dort bleiben. Die Betriebsgenehmigung von BELLA gilt bis 2046.

Beim Rückbau fallen aber auch mittel- und schwachradioaktive Stoffe (Putzlappen, verunreinigte Teile) an. E.on rechnet mit 3500 Tonnen; das sind zehn Prozent des voraussichtlichen Gesamtabfalls aus dem nuklearen Kontrollbereich. Der strahlende Müll wird in etwa 1,5 Meter hohe Behälter mit Namen „Mosaik“ gepackt.

Aufnehmen soll solche Container der Schacht Konrad bei Salzgitter; doch auch er steht noch nicht zur Verfügung. Vielleicht in 2022.

Warum will E.on ein weiteres Zwischenlager bauen?

Das Unternehmen rechnet damit, während der Abbauphase die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle nicht sofort in den Schacht Konrad transportieren zu können. Deswegen soll am AKW Grafenrheinfeld eine Bereitstellungshalle BeHa (Größe: ca. 100 x 28 x 16 Meter) entstehen.

20 Prozent des Volumens soll aber auch für andere AKW zur Verfügung stehen. Der Betrieb soll zehn Jahre dauern.

Wie sicher ist der Abbau?

Man wolle so professionell und sicher arbeiten wie in den 33 Jahren des Leistungsbetriebs davor, hat dieser Tage E.on-Kernkraft-Vorstandschef Guido Knott vor Ort versichert. Deswegen die Freimessung und die atomaren Müllbehälter. Skeptisch sind dagegen Atomkraftgegner. Sie befürchten, dass beim Abbau unkontrolliert Radioaktivität ins Freie gelangen kann, und zweifeln die Wirksamkeit der Grenzwerte an.

Was hat der Rückbau mit Kindergärten zu tun?

Nichts. Aber an diesem emotional besetzten Schlagwort reiben sich derzeit Betreiber und Atomkraftgegner. Es geht um die Verwendung des als unbedenklich eingestuften Abbruchmaterials aus dem AKW – laut E.on über 90 Prozent der insgesamt anfallenden 331 000 Tonnen.

Das Aktionsbündnis gegen Atomkraft äußert Bedenken, dass damit theoretisch sogar Kindergärten gebaut werden dürften.

Kraftwerkschef Reinhold Scheuring kontert: Granitsteine haben eine natürliche Strahlendosis von zehn Mikro-Sievert in drei Tagen, das Material aus dem Kraftwerk dagegen nur zehn Mikro-Sievert in einem Jahr. Tausche man Granitpflaster vor einem Kindergarten gegen AKW-Material aus, würde man die Strahlung dort deutlich verringern.

Was sagt das Zehn-Mikro-Sievert-Konzept aus?

Es beschreibt das Kernstück der Sicherheitsphilosophie für den Rückbau. Dadurch soll sichergestellt werden, dass für jede Einzelperson in der Bevölkerung durch den Abbau nur eine effektive Strahlendosis von zehn Mikro-Sievert pro Jahr auftritt. Dieses Konzept sei international anerkannt, so Werksleiter Scheuring.

Die kosmische und terrestrische Strahlung liegt demnach für jeden Einwohner Deutschlands bei 2100 Mikro-Sievert pro Jahr. Die zusätzliche Exposition aus dem AKW sei auch „im ungünstigsten Fall unerheblich“.

Wie wird die Bevölkerung am Verfahren beteiligt?

Im Genehmigungsverfahren können sich Bürger, Kommunen, Behörden und Organisationen äußern. Zum Auftakt hat eine Diskussionsrunde mit geladenen Teilnehmern (auch der Gegnerseite) stattgefunden. Die Unterlagen sollen im Mai 2016 erstmals öffentlich ausgelegt werden; ein Erörterungstermin folgt im Herbst.

Atomkraftgegner kritisieren, dass die 300 bis 400 Seiten für Laien gar nicht zu durchschauen seien. Sie fordern öffentliche Infoforen wie in Philippsburg (Baden-Württemberg), die aber das bayerische Umweltministerium ablehnt.

Die Werksleitung informiert zudem Mandatsträger in der Region, wie etwa Gemeinderäte. Die Gegner nennen dies „Wohlfühlveranstaltungen“.

Was passiert nach dem Ende des Rückbaus mit dem Werksgelände?

Das steht noch in den Sternen. E.on hat bislang kein Konzept für die Nachnutzung. Nach heutigem Ermessen bleibt das Zwischenlager bis mindestens 2046 erhalten, muss bewacht und gewartet werden.

„Wir wollen an allen unseren Standorten über den Rückbau der Kraftwerke klar kommunizieren.“
Guido Knott Vorsitzender Geschäftsführer E.on Kernkraft

Rückblick

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