Sennfeld

Solidarische Landwirtschaft: Eigenes Gemüse ohne eigenen Garten

Gemüse aus dem eigenen Garten, ohne selbst einen Garten zu besitzen? Das geht! Mit "Solidarischer Landwirtschaft", die es in Schweinfurt und Kitzingen jetzt gibt.
Naturschutz, Selbstversorgung und der Erhalt alter Pflanzensorten, das sind die Ziele der Solidarischen Landwirtschaft Schweinfurt. Im Bild rechts der Vereinsvorsitzende Erich Morgenstern.  Foto: Helmut Glauch

Der erste Folientunnel steht auf dem gepachteten Feld bei Bergrheinfeld (Lkr. Schweinfurt). Trotz Schneegestöber und Matsch haben 20 Mitglieder des Vereins Solidarische Landwirtschaft Schweinfurteifrig beim Aufbau mitgeholfen. Jetzt sind alle Bögen errichtet, die Betonplatten gelegt und das Metallgitter ist festgebunden. Solidarische Landwirtschaft, kurz SoLaWi, eine besondere Form der Vertragslandwirtschaft, gibt es seit vergangenem Jahr auch in Unterfranken, in Schweinfurt und demnächst auch in Kitzingen. Die Idee: Die Ernte gelangt direkt vom Erzeuger zum Verbraucher, ohne Zwischenhändler. 

Im Februar 2018 gab es das erste Treffen der SoLaWi Schweinfurt. Im Juni haben sich 70 Personen aus Schweinfurt und Umgebung, darunter Singles, Familien und Senioren, zu einem Verein zusammengeschlossen. Da keines der Mitglieder aus der Landwirtschaft kommt, hat der Verein mittlerweile zwei Gärtner für Gemüsebau in Teilzeit eingestellt und eine Fläche von 5000 Quadratmetern in Bergrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) gepachtet."Die erste Ernte wird in diesem Frühjahr sein", freut sich Erich Morgenstern, Vorsitzender des Vereins. "Wir haben gemeinsam festgelegt, was angebaut werden soll und dass wir nach ökologischen Kriterien wirtschaften wollen. Die Ernte wird später unter den Mitgliedern geteilt." 

Die Kosten teilen sich die Vereinsmitglieder, die pro Jahr und pro Monat bestimmt Beiträge bezahlen.  Investitionen wie der Folientunnel werden über ein Crowdfunding finanziert – in Schweinfurt passenderweise „Krautfunding“ genannt. Für eine Kostenbeteiligung erhalten Interessierte ein kleines Dankeschön, wie eine Überraschungs-Stadtführung oder Gemüsesaatgut.

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Gemeinsam säen und ernten

Immer mehr Menschen stellen die industrielle Landwirtschaft in Frage und suchen nach neuen Konzepten. "Sie wünschen sich mehr Nachhaltigkeit und mehr Regionalität", sagt Wolfgang Meyer zu Brickwedde, Bildungsreferent bei der Katholischen Landvolkbewegung (KLB). Gemeinsam Säen und Ernten liege im Trend, daher hat auch die KLB das Thema aufgegriffen und bietet Anfang Februar einen Gesprächsabend für Verbraucher und Erzeuger an. 

Etwa 190 SoLaWis gibt es bisher in ganz Deutschland, rund hundert Initiativen werden gerade gegründet. Das Konzept entstand in den 1960er Jahren in Japan, wo heute noch ein Viertel der Haushalte an einer Partnerschaft beteiligt sind. In den 1980er Jahren entwickelten sich auch in den USA und in der Schweiz Gruppen. In Deutschland gilt der Demeter-Betrieb Buschberghof in Fuhlenhagen als Keimzelle, aus der bis 2016 über 100 SoLaWi-Gemeinschaften entstanden. Beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft findet man mittlerweile alle Regiogruppen. In Unterfranken ist das Konzept noch nicht so bekannt, das möchte Meyer zu Brickwedde ändern.

Für 80 Euro im Monat erhält man bei der SoLaWi Schweinfurt eine große Ernte-Kiste, das heißt zweimal die Woche am Dienstag und Freitag frisches Gemüse. Für 40 Euro pro Monat gibt es einen kleinen Ernteanteil, das entspricht einer Kiste Gemüse in der Woche. Die Kisten können in Depots abgeholt werden. "Auch im Winter soll es Salat und Gemüse aus dem Gewächshaus geben", sagt Morgenstern, allerdings nur einmal die Woche. Dazu kommt noch der Mitgliedsbeitrag des Vereins von 60 Euro im Jahr. Wer Lust hat, kann selbst Unkraut jäten, säen oder umgraben. "Aber niemand muss das tun", sagt Morgenstern. Alles laufe auf freiwilliger Basis.

Erzeuger und Verbraucher profitieren

Von einer SoLaWi sollen alle Beteiligten profitieren: Die Verbraucher erhalten im Idealfall gute Qualität, das heißt frische, saisonale und regionale Nahrungsmittel. "Und sie erfahren, wo und wie die Nahrungsmittel angebaut werden und zu welchen Kosten dies geschieht", erklärt KLB-Bildungsreferent Meyer zu Brickwedde. Die Landwirte erhalten Planungssicherheit und die Möglichkeit der Unterstützung durch eine Gemeinschaft. "Sie teilen das Risiko, das die landwirtschaftliche Produktion mit sich bringt, wie zum Beispiel eine schlechte Ernte auf Grund von Witterungsbedingungen, und sie erhalten ein gesichertes Einkommen und somit die Möglichkeit, sich einer gesunden Form der Landwirtschaft zu widmen." 

Erich Gahr ist Biogärtner in Etwashausen. Zusammen mit Gleichgesinnten will er eine Solidarische Landwirtschaft - SoLaWi - in Kitzingen etablieren. Foto: Ralf Dieter

Auch Erich Gahr will eine SoLaWi etablieren - in Kitzingen. Dem Etwashäuser Biogärtner gefällt der ökologische und soziale Gedanke, der hinter einer SoLaWi steckt. Da er keinen Nachfolger für seinen Betrieb hat, kam er auf die Idee, ihn in eine SoLaWi umzuwandeln. So kann der Rentner dann noch selbst mitarbeiten und sein Wissen an Jüngere weitergeben. Wer sich einbringt - egal ob auf dem Feld oder im Büro oder durch irgendwelche anderen Arbeiten - der erhält seinen Ernte-Anteil günstiger oder kostenlos. "Welche Fläche angebaut wird und wie ein Ernteteil aussieht, hängt von den Ansprüchen der Mitglieder und von der jeweiligen Ernte selbst ab", erklärt Gahr. Im Dezember wurde gerade der Verein gegründet, bislang hat er 15 Mitglieder. Im Februar gibt es eine große Infoveranstaltung für weitere Interessierte.

In Bergrheinfeld können voraussichtlich Ende Februar die ersten Radieschen und Salate geerntet werden. Im Sommer soll es Tomaten, Gurken, Auberginen, Salate und Paprika geben. "Wir wollen alles Gemüse anbieten, das saisonal auch auf dem Markt erhältlich ist", sagt Morgenstern. In Zukunft sollen auch Obst und vielleicht ein paar Hühner dazu kommen. "Was die Ernteteiler durch die Solidarische Landwirtschaft bekommen, kann man nicht in Kilo ausdrücken. Bei uns bekommt man Lebensqualität", sagt Morgenstern. 

Solidarische Landwirtschaft
Die Katholische Landvolkbewegung (KLB) der Diözese Würzburg veranstaltet in Kooperation mit der KLJB Würzburg und dem Lernwerk Volkersberg am Samstag, 2. Februar,  von 19.30 bis 22 Uhr einen Gesprächsabend zum Thema „Gemeinsam säen und ernten - Solidarische Landwirtschaft“. Was ist Solidarische Landwirtschaft? Welche Voraussetzungen braucht es? Wie kann ich mich als Verbraucher einbringen? Wer trägt die (finanziellen) Risiken? Über diese Fragen und mehr wird mit langjährigen Praktikern und Neugründern gesprochen. Veranstaltungsort ist der Eventcenter Hubertushof in Fährbrück. Nähere Informationen gibt Dr. Wolfgang Meyer zu Brickwedde, KLB Würzburg, Tel. 0931-38663726, wolfgang.meyer-zu-brickwedde@bistum-wuerzburg.de
Das jährliche Saatgut-Festival findet am Samstag, 9. Februar, von 11 bis 17 Uhr in der Mainschleifenhalle in Volkach statt. Dort können die Besucher die Vielfalt der samenfesten und alten Saatgut- und Gemüsesorten erleben. Dazu gibt es Vorträge zum Beispiel zum Thema "Wem gehört die Tomate? Monsanto/Bayer oder dem Gärtner?" oder "Der Regenwurm - König der Tiere" und jede Menge alte Saaten, Pflanzen und köstliche Produkte zum Probieren.  
SoLaWi Schweinfurt, Vorsitzender Erich Morgenstern, Tel. 09721-802444, solawi-schweinfurt@gmx.de, www.solawi-schweinfurt.weebly.com
SoLaWi Kitzingen, Vorsitzender Erich Gahr. Interessierte können sich gerne über E-Mail: biogahr@gmx.de oder 0176-599 978 39 melden und weitere Infos einholen.
Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen mit landwirtschaftlichem Hintergrund und Verbrauchern, die sich für die Verbreitung von Solidarischer Landwirtschaft einsetzten. Es versteht sich gleichermaßen als Bewegung, basisdemokratische Organisation und Verband. Es bietet Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten sowie regionale und internationaleVernetzung zum Thema SoLaWi an: www.solidarische-landwirtschaft.de

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