Schweinfurt

Spin-Doctor Arnulf Rating hat mit "Tornado" den Dreh raus

Der Kabarettist aus Berlin begeisterte mit seinem aktuellen Programm "Tornado". Und er hatte das Schweinfurter Tagblatt dabei.
"Pflichtlektüre für Kabarettisten": Arnulf Rating holt sich seine Anregungen auch aus dem Schweinfurter Tagblatt. Foto: Uwe Eichler

Keine Angst, "Fake News" und "Meinungsmache" sind etwas völlig Normales. Sie halten den Laden seit mehr als hundert Jahren zusammen, durch subtile Lenkung: "Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften". Kabarettist Arnulf Rating zitiert in der Kulturwerkstatt eine echte Kapazität.

Edward Bernays gilt als Urvater aller heutigen "Spin-Doktoren" und PR-Berater. "Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken", stellte der erfreute Neffe von Sigmund Freud schon 1928 fest, in seinem Klassiker "Propaganda". Auch die Nazis lasen interessiert mit.

Der frühe Meister medialer Suggestion und (tiefen-)psychologischer Verführung wusste, wovon er schrieb. Als 1917 der Erste Weltkrieg für die Entente auf der Kippe stand, die Wall Street also damit rechnen musste, ihre Kredite in Übersee abschreiben zu müssen, konnte nur noch ein Kriegseintritt den USA helfen. Nun war Präsident Woodrow Wilson mit dem Versprechen ins Weiße Haus gewählt worden, Amerika aus dem Gemetzel in Europa herauszuhalten. Bernays nahm sich des Problems an, unter dem Slogan: "Make the world safe for democracy" – "Die Welt sicher für die Demokratie machen". Frieden wahren kann seither nur, wer bereit ist, dafür notfalls auch mal in den Krieg zu ziehen. Der Spruch "America first" und Uncle Sams fordernder Zeigefinger ("I want you") stammen ebenfalls aus dem Wilsonschen Zeitalter.

Reminiszenz an seine Spaßguerillatruppe der 1980er-Jahre

"Tornado" nennt sich das aktuelle Programm des Wahlberliners Rating, Reminiszenz an seine Spaßguerillatruppe der 1980er-Jahre, die "3 Tornados". Es geht in der randvollen, aufgeheizten "Disharmonie" aber auch ums Absaufen, im Klimawandel wie in der Bilder- und Meinungsflut der Moderne. Ein "Spin-Doctor" ist nun jemand, der einer Sache den "richtigen Dreh" verleiht, dank fein versponnenem Netzwerk. Da kann aus einem Sturm im Wasserglas schon mal ein Tornado werden.

Später wurde Bernays durch Zigaretten-Werbung berühmt. Legendär ist seine "Torches of Freedom"-Kampagne: Eine Frau ist nur dann emanzipiert, so die Botschaft, wenn sie beherzt zur Fluppe greift. Plakate zeigten echte Doktoren, die begeistert den gesunden Tabakqualm inhalierten. Was Rating geradewegs zu Andi Scheuers Lungenfachärzten bringt, von wegen Feinstaub und "Fackeln der Freiheit". Als Imageberater Guido Groll exerziert er vor, wie man aus dem verhuschten Zonenhäschen Angela Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel gepimpt hat.

Ratings Markenzeichen ist das Auspacken und Besprechen von Zeitungen aus dem Koffer: diese Smartphone-Vorgänger, wo man Nachrichten weder wegwischen noch verlinken konnte. Der Satiriker, Jahrgang 1951, stammt aus einer Zeit, als es noch begehbare Handys gab, die "Telefon-Zellen". Heute muss man froh sein, wenn einem nicht auf dem Klo das Papier wegdigitalisiert wird, ätzt der Veteran der 68er Revolte. Der nach dem Anschlag auf Dutschke vorm Springer-Verlag mitdemonstriert hat. Wo diskrete Herren, allesamt Nichtstudenten, Molotow-Cocktails an gewaltbereite BILD-Stürmer verteilt haben sollen: für die passenden Schlagzeilen?

Rating, der beim Abfackeln nicht dabei war, rächt sich bis heute, in dem er bevorzugt die Aufmacher der Vierbuchstaben-Zeitung kommentiert. Das "Schweinfurter Tagblatt" ist im Stapel auch dabei, als "Pflichtlektüre für Kabarettisten". Dank Tagblatt wird der Leser noch objektiv informiert, lobt der "Spin-Doctor", als Running Gag: Stimmt ja auch, oder nicht?  Der finale Applaus war Rating jedenfalls sicher.

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