GEROLZHOFEN

Sprache als Schlüssel zur Integration

Viele helfen zusammen: Einen Sprachkurs für asylsuchende Mütter mit Kinderbetreuung gibt es auch am Kinderhaus St. Regiswind in Gerolzhofen. Im Bild von links Beate Hoffmann, Simone Plettner (beide halten Unterricht), Liana Tavsultananova, Monika Linke vom Kinderhaus, Taisa Mudaewa, Angela Simbarigowa, Isni Ismailoa, Gemeinsinn-Projektleiterin Ilona Worcester, Christine Heberle vom Dingolshäuser Bündnis für Menschlichkeit, Kinderhausleiterin Elisabeth Ankenbrand und Raphael Kießling von der Freiwilligenagentur Gemeinsinn. Foto: Norbert Finster

Beate Hoffmann und Simone Plettner sind keine ausgebildeten Deutschlehrerinnen. Dennoch unterrichten sie Deutsch. Ihre Schülerinnen sind asylsuchende Frauen mit Kindern. Den Lehrerinnen geht es nicht um exakte Grammatik, sondern darum, dass die Frauen sich zumindest bei simplen Konversationen in ihrem Zufluchtsland zurechtfinden.

Einfach ist das nicht. Denn die meisten betreuten Frauen kommen aus dem slawischen Raum und damit aus einer ganz anderen Sprachwelt. Besonders schwer zu vermitteln sind die Artikel im Deutschen und deren Deklinationsformen, etwa „dem“ und „den“. Trotz dieser Probleme wollen die Lehrerinnen den Unterricht möglichst wenig verschulen.

Einmal in der Woche treffen sich seit dem 3. Juni Schülerinnen und Lehrerinnen für zwei Stunden im Kinderhaus St. Regiswind. Während die Mütter lernen, werden die Kinder betreut. Hier greifen viele Rädchen ineinander. Das fängt an bei ehrenamtlichen Chauffeur aus Dingolshausen, der die Frauen nach Gerolzhofen bringt. Das Kinderhaus stellt den Raum, die Freiwilligenagentur GemeinSinn betreut das Projekt. „Wir versuchen unser Angebot dezentral zu steuern, denn die meisten asylsuchenden Mütter könnten wohl nicht nach Schweinfurt kommen“, sagt Projektleiterin Ilona Worcester.

Zu Dank verpflichtet fühlt sich Worcester gegenüber Kinderhausleiterin Elisabeth Ankenbrand, denn sie hat nicht nur den Raum zur Verfügung gestellt, sondern das Kinderhaus hat auch Kinder aufgenommen, die noch keinen offiziellen Kindergartenplatz zugewiesen bekommen haben. Das ist bisher einmalig im Landkreis.

Bundesweit hat sich in der jüngeren Vergangenheit eine Zielgruppe herauskristallisiert, die bislang wenig oder gar nicht von den vorhandenen Sprachkursen profitieren konnte: Mütter mit Kleinkindern. Deshalb widmet sich GemeinSinn, gefördert vom Landkreis und in Trägerschaft des Bayerischen Roten Kreuzes, dieser Gruppe besonders. Bei GemeinSinn arbeiten Menschen ehrenamtlich mit, die sich für Asylbewerber in irgendeiner Weise engagieren möchten.

„Solange die Betreuung der Kinder nicht sichergestellt ist, können die Frauen häufig nicht am Deutschunterricht teilnehmen. Und genau hier greift das Projekt unserer Freiwilligenagentur“, sagt Landrat Florian Töpper zu der Aktion.

Neben der Unterstützung des Landratsamts kommt zusätzliche Hilfe auch vom bayerischen Arbeits- und Sozialministerium. Dem Ministerium ist es wichtig, dass sich Engagierte vor Ort selbst überlegen, wie sie am besten helfen können. Hilfe läuft also nicht nach staatlichen Vorgaben, wohl aber mit staatlicher Unterstützung. Über diesen Ansatz freut sich Raphael Kießling, der Chef von GemeinSinn, am meisten.

In Gerolzhofen unterrichtet Beate Hoffmann fünf Frauen, Simone Plettner tut das mit zwei Kindern. Unter den Frauen sind auch die Tschetscheninnen, die bis vor kurzem Kirchenasyl genossen haben. Für die Lehrerinnen ist der unterschiedliche Wissenstand im „Fach“ Deutsch ein großes Problem. Diese Unterschiede gibt es auch beim Beherrschen der Muttersprache. „Je besser die Muttersprache gesprochen wird, desto besser kann man auch eine Fremdsprache lernen. Sprach- und Wortfaule haben es schwer“, sagt Ilona Worcester.

Sprache ist für Raphael Kießling der Schlüssel zur Integration. Für Kießling hat der Unterricht aber auch über die Sprache hinaus integrative Wirkung. Die Teilnehmerinnen spüren, dass es Menschen gibt, die sich um sie kümmern und dass nicht alle gegen Asylbewerber sind. Den Sprachkurs sieht Kießling auch als Instrument der Vorbeugung gegen Probleme, die ohne Sprachkenntnisse irgendwann kommen würden.

Aus diesen Gründen dürfen neben den Asylsuchenden auch Frauen aus Bulgarien, Polen und Tschechien mit in den Kurs. „So optimal läuft es mit unseren Kursen nur in Gerolzhofen“, lobt Kießling. Denn hier stellt das Kinderhaus mit der katholischen Trägerschaft neben dem Raum auch die volle Ausstattung wie Spielzeug und Lernprogramme für Kinder zur Verfügung.

„Wir sind offen für alle, auch für Angehörige anderer Religionen“, sagt Elisabeth Ankenbrand vor dem Hintergrund, dass auch moselemische Asylbewerberinnen in der Gruppe sind. „Ein Kindergarten ist der ideale Raum für einen solchen Kurs, denn im Kindergarten begegnen sich alle nett“, meint die Leiterin.

Neben dem Kinderhaus in Gerolzhofen haben die Helfer bei GemeinSinn auch hohen Respekt vor der Leistung der Grundschule am Zabelstein in Traustadt mit ihrem Leiter Kurt Albert. Dort wird alles Erdenkliche für die Integration der Kinder im Schulalter getan, die aus den tschetschenischen Familien mit dem abgelaufenen Kirchenasyl kommen.

Die Freiwilligenagentur GemeinSinn sucht weitere ehrenamtliche Helfer für den Deutschunterricht. Bewerber müssen keine perfekten Deutschlehrer, sondern lediglich bereit sein, sich für Asylbewerber zu engagieren. Kontakt: Raphael Kießling, Tel. (0 97 21) 9 49 04 27 oder Mail info@freiwilligenagentur-gemeinsinn.de

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