Schweinfurt

Stadtgärtner greifen zur Motorsäge: Pflege oder Chaos?

Alle Jahre wieder hagelt es heftige Kritik an dem Vorgehen des Stadtgartenamts. Büsche, die auf Stock gestutzt werden, erhitzen die Gemüter. Wir befragten Experten.
Am Theuerbrünnleinsweg haben die Stadtgärtner Büsche zurückgeschnitten und Bäume gepflanzt.
Am Theuerbrünnleinsweg haben die Stadtgärtner Büsche zurückgeschnitten und Bäume gepflanzt. Foto: Gerd Landgraf

Die Meinungen triften weit auseinander. Für die Spaziergängerin aus Dittelbrunn ist das Werk der Stadtgärtner am Fuß- und Radweg in der Grünanlage neben dem Theuerbrünnleinsweg eine "Sauerei", ein "Chaos", das sie auf ihren nahezu täglichen Wanderungen oder Radtouren in und um Schweinfurt "noch nicht gesehen hat"; für Axel Meffert, Leiter des städtischen Servicebetriebs Bau und Stadtgrün, sowie für Stadtgärtner Markus Peter handelt es sich um eine "ganz normale Pflegemaßnahme".

Zwischen dem Kupsch-Markt an der Dittelbrunner Straße und der Maibacher Straße trennt ein Grünstreifen die Bebauung am Theuerbrünnleinsweg und der Gertrud-Herz-Straße von den Häusern der Eselshöhe. Dort gibt es einen Spiel- und einen Bolzplatz, viele Bäume und bis vor Kurzem auch noch viele Sträucher. Mitte Januar kamen dann die Stadtgärtner und machten auf der Seite zur Eselshöhe eine 300 Meter lange Hecke platt, indem sie die Sträucher auf Stock setzten. Nicht anders erging es auf 200 Metern dem Buschwerk entlang der Hausgärten an der Gertrud -Herz-Straße. Auf der anderen Seite des Wegs setzten die Gärtner hier junge Bäume in den Rasen.

Mitte Januar wurde unterhalb der Eselshöhe auf einer Länge von 300 Metern eine Hecke abgeholzt.
Mitte Januar wurde unterhalb der Eselshöhe auf einer Länge von 300 Metern eine Hecke abgeholzt. Foto: Gerd Landgraf

Mit ihrer Kritik blieb die Dittelbrunnerin nicht alleine. Anwohner schlossen sich an, darunter Mario Roosingh aus der nahen Heimstättenstraße, für den der "radikale Rückschnitt ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt" durchgeführt wurde. Ohne ersichtlichen Grund und Zweck habe man mit der Motorsäge alles platt gemacht, schrieb Roosingh der Redaktion. Und: "Es werden im Frühling und Sommer keine Insekten wie Hummeln, Bienen und Schmetterlinge Blüten vorfinden. Auch haben die am Boden lebenden Kleintiere wie Würmer, Insekten, Spinnen und Kleinsäuger Nahrung und Lebensraum verloren." 

Alle drei bis vier Jahre sei die Verjüngung notwendig, um den Bestand zu erhalten, sagen Meffert und Peter zum Schneiden auf Stock. Das gepflanzte Buschwerk sei lichthungrig und solle nicht vergreisen und auseinanderbrechen, denn dann seien die Büsche nicht nur unschön, sondern würden auch die Vegetation auf dem Boden erdrücken. Meffert: "Wir roden nicht. Beim Rückschnitt gehen wir abschnittsweise vor, lassen den Kleinlebewesen und insbesondere den Kleinsäugern genügend Lebensräume."

Von der Verjüngung profitieren Strauch und Tiere

Unterstützt in dieser Auffassung wird das Stadtgartenamt von Gartenfachberaterin Brigitte Goss, an die die Redaktion vom Kreisverband für Gartenbau und Landschaftspflege verwiesen wurde. Die auch aus dem Rundfunk (BR und MDR) für ihre Gartentipps bekannte Expertin weiß, dass das Schneiden auf Stock für viele Büsche sinnvoll ist, besonders wenn graue Flechten im Unterholz einen Mangel an Licht und Luft belegen. Die Verjüngung belebe nicht nur das Wachstum der Büsche durch neue Triebe, sondern erhalte zudem den Lebensraum "Strauch" für Pflanzen und Tiere. Genau dies sei bei dem immer beliebter werdenden "Hausmeisterschnitt" (mit der Heckenschere wird dem Buschwerk eine bestimmte Form aufgezwungen) nicht der Fall, bedauert die Gartenexpertin. 

Harald Vorberg, Kreisvorsitzender beim Landesbund für Vogelschutz (LBV), nimmt sich die Zeit für eine Ortsbesichtigung. Auch Vorberg stuft das Schneiden auf Stock als richtig ein. Allerdings hätte er sich gewünscht, dass man die langen Hecken nicht so radikal und nicht komplett, sondern Jahr für Jahr und Stück für Stück (jeweils 50 Meter) zurückschneidet. Dass beim Termin mit der Redaktion in der Grünanlage viele Vögel zu sehen sind, führt der Kreisvorsitzende auf den üppigen Streifen Wildnis zwischen der Eselshöhe und der Parkanlage zurück. Dieser kompensiere die Folgen des Rückschnitts.  

Radikales Vorgehen

Vorberg verweist auf das Vogelschutzgebiet in Garstadt, wo der LBV selbst auf den Inseln das Gehölz zurückschneiden müsse, um Lebensräume insbesondere für die Zugvögel zu schaffen. Zu dem von Brigitte Goss angesprochenem "Hausmeisterschnitt" hat Vorberg eine klare Meinung: "Ein Quatsch." Als wünschenswerten Zeitraum zwischen dem Setzen einer Hecke auf Stock nennt Vorberg "alle sieben bis 15 Jahre".

Mehr Licht und Luft für den Waldrand am Radweg zwischen Dittelbrunn und Hambach.
Mehr Licht und Luft für den Waldrand am Radweg zwischen Dittelbrunn und Hambach. Foto: Gerd Landgraf

Ebenfalls heftige Kritik gibt es am Vorgehen der Gemeinde Dittelbrunn, die am Radweg zwischen Dittelbrunn und Hambach sowie entlang der Heeresstraße ab Marienbach und bis zum Sonnenteller den Waldrand stark gestutzt hat. Bürgermeister Willi Warmuth ordnet die Maßnahme dem auf 20 bis 25 Jahre ausgelegten Waldumbau zu. Ein Ziel sei dabei der stufige Übergang vom Freiland in den Wald. Mit Hecken, Büschen und Jungholz solle ein optimal aufgebauter Waldrand entstehen, der stufig und strukturreich bis zu 30 Meter tief Platz für dynamische Prozesse biete und so eine ökologisch besonders wertvolle Zone schaffe. Vor Ort meinte dazu Harald Vorberg: "Davon profitiert auch die Vogelwelt."

Auch an der Heeresstraße wird der Waldrand umgebaut.
Auch an der Heeresstraße wird der Waldrand umgebaut. Foto: Gerd Landgraf

Zurück zum Theuerbrünnleinsweg, wo auch der Einsatz von Laubsaugern und Laubbläsern kristisiert wurde. Mario Roosingh stuft den Lärm ("mit 100 Dezibel so laut wie ein Pesslufthammer") als gesundheitsschädlich ein und empfiehlt den Einsatz von Rechen und Besen, die im Gegensatz zu den Verbrennungsmotoren der Sauger und Bläser keine Abgase ausstoßen und weniger Feinstaub aufwirbeln würden.

Laubsauger nur für den Abtransport

Dazu stellt Betriebsleiter Axel Meffert klar, dass der einzige Laubsauger der Stadtgärtner ausschließlich beim Aufladen zum Abtransport der Blättern und niemals direkt bei der Pflege in den Anlagen eingesetzt werde. Auf die Laubbläser könne man dagegen nicht verzichten, weil diese nur durch Personalaufstockung um das Siebenfache zu ersetzen seien. In den Hecken und Büschen lasse man das Laub sowieso liegen. Nur vom Rasen müsse man ihn wegblasen, wolle man diese Flächen erhalten. 

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