Gerolzhofen

Steigerwaldbahn: Der Gutachter gibt den Bahngegnern Recht

Wie teuer wäre eine Reaktivierung der Steigerwaldbahn? Bislang geistern unterschiedliche Kostenaufstellungen durch die Diskussion. Jetzt sorgt der Gutachter für Klarheit.
Steigerwaldbahn: Der Gutachter gibt den Bahngegnern Recht       -  Wie teuer würde eine mögliche Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen? Bislang geisterten die unterschiedlichsten Kostenaufstellungen durch die Diskussionen. Im Bild der Bahnübergang an der Frankenwinheimer Straße, wo noch marode Holzschwellen unter dem Gleis verlegt sind.
Wie teuer würde eine mögliche Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen? Bislang geisterten die unterschiedlichsten Kostenaufstellungen durch die Diskussionen. Im Bild der Bahnübergang an der Frankenwinheimer Straße, wo noch marode Holzschwellen unter dem Gleis verlegt sind. Foto: Klaus Vogt

Schon seit Wochen streiten Gegner und Befürworter verbissen über eine mögliche Reaktivierung der stillgelegten Steigerwaldbahn. Mit Plakaten, regelmäßigen Pressemitteilungen, Leserbriefen und Diskussionen in den sozialen Netzwerken versucht jede Partei, die eigenen Argumente ins rechte Licht zu setzen und die Aussagen der Gegenseite zu entkräften. Einer der Hauptstreitpunkte: Was würde eigentlich diese Wiederbelebung der Bahnlinie kosten? Erst vor wenigen Tagen prallten zwei inhaltlich grundverschiedene Presseerklärungen vom Stadtrat und Grünen-Kreisrat Thomas Vizl und von der Gerolzhöfer Bürgerinitiative der Bahngegnerzu diesem Thema aufeinander.

Grund genug für eine Recherche. Wer hat jetzt tatsächlich Recht? 

Der Landkreis Schweinfurt hatte im vergangenen Jahr zur Meinungsbildung in diesem komplexen Themenfeld bei dem Fachbüro Kobra NVS GmbH aus Kassel ein Gutachten zur Reaktivierung der Steigerwaldbahn zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen in Auftrag gegeben. Das 30-seitige Werk, das im wesentlichen nur die Bahnstrecke innerhalb des Landkreises Schweinfurt im Blick hat, liegt seit Oktober 2018 vor und ist auf der Homepage des Landratsamtes öffentlich einsehbar.

In der von Jörg Bergmann jüngst verteilten Presseerklärung nehmen die Steigerwaldbahn-Gegner Bezug auf dieses Gutachten. In den geschätzten Investitionskosten von 22 bis zu 27 Millionen Euro zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen seien noch nicht einmal die Kosten für Lärmschutz, für den naturschutzfachlichen Ausgleich, für den Grunderwerb von Parkplätzen und für die Signal- und Stellwerkstechnik enthalten, schreiben sie. Diese noch nicht bezifferten Kosten kämen zu den 27 Millionen noch hinzu.

Die Bahn-Befürworter, namentlich Thomas Vizl, behaupten genau das Gegenteil. Die Kosten für Lärmschutz, naturschutzfachlichen Ausgleich, Grunderwerb, Signal- und Stellwerkstechnik, Planungs- und Verwaltungskosten seien in der Gesamtsumme der Investitionen von rund 22 bis 27 Millionen Euro bereits enthalten. Die Gegner der Steigerwaldbahn würden nur versuchen, so behauptet Vizl, die Leserinnen und Leser der Main-Post mit "falschen oder ungenauen Behauptungen" über die Kosten einer Bahnreaktivierung zu verunsichern.

Aber was stimmt nun tatsächlich? 

Die Bahngegner haben Recht

Diese Redaktion hat deshalb schriftlich um eine Auskunft bei der Kobra NVS GmbH gebeten. Geantwortet hat nun Dipl.-Ing. Dieter Stepner, der Projektreferent Verkehrsplanung bei Kobra. Seine Aussage ist eindeutig. Er schreibt: "In diesem Fall haben die Bahngegner Recht. In der Kostenschätzung sind nur die Kosten für die Bahnanlage(n) selbst enthalten." Im  Kapitel 7.2 des Kobra-Gutachtens (Seite 29) könne man lesen: "Insbesondere die Gewerke Lärmschutz, naturschutzfachlicher Ausgleich, Grunderwerb, Signal- und Stellwerkstechnik (LST) sind in den aufgeführten Kosten nicht enthalten." Sie müssen also zu den 22 bis 27 Millionen Euro noch hinzugerechnet werden. Stepners Antwort ist, wie er mitteilt, "gemäß unseren vertraglichen Pflichten mit dem Landratsamt Schweinfurt abgestimmt worden".

Dieter Stepner geht in seiner Antwort auch auf Details ein, wie die Gesamtkosten von bis zu 27 Millionen Euro zustande kommen. Ein besonders kostenintensiver Punkt ist die technische Aufrüstung der Bahnübergänge entlang der Strecke. Wenn der Zug mit einer Geschwindigkeit von nur 60 Stundenkilometern unterwegs ist, wären unbeschrankte Bahnübergänge zulässig. Der Zug müsste dann vor den Übergängen jeweils mit Pfeifsignalen auf sich aufmerksam machen. Doch schon bei der Bahnkonferenz im Schweinfurter Landratsamt Ende Januar hatte Stepner betont, bei nur 60 km/h habe die Verbindung den für Pendler wenig attraktiven Charakter eines "Bummelzugs". Deshalb müssten die Züge mindestens 80 km/h schnell unterwegs sein. Diese Geschwindigkeit wiederum erfordert es aber, dass die Bahnübergänge mit Schranken gesichert werden. 

28 Übergänge kosten Geld

Bei der Präsentation des Kobra-Gutachtens im Landratsamt war noch von 32 Bahnübergängen die Rede gewesen, im gedruckten Gutachten sind es jetzt nur noch 28 Übergänge. Die nächste Unklarheit also. "Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wie auf der Folie der Präsentation, die nicht zu den offiziellen Unterlagen gehört, die dazu herausgegeben wurden, die Zahl 32 gelangt ist", schreibt Stepner dazu. "Wir stellen deshalb klar: Es handelt sich um 31 Bahnübergänge im gesamten Streckenverlauf." Drei Übergänge würden bei einem Umbau für die erhöhte Fahrgeschwindigkeit der Züge allerdings kaum Kosten verursachen (zwei in Gochsheim, einer in Sennfeld). "Diese sind im schriftlichen Gutachten daher nicht bei der Kostenaufstellung berücksichtigt worden." So kommt Kobra auf die Zahl von 28 Übergängen. 

Die Kosten, die nur für die technische Aufrüstung der Bahnübergänge anfallen würden, werden vom Fachbüro auf mindestens 8,6 Millionen Euro geschätzt. Nach dem hier einschlägigen Eisenbahnkreuzungsgesetz müssen die Anrainergemeinden Sennfeld, Gochsheim, Grettstadt, Sulzheim und Gerolzhofen jeweils ein Drittel der Kosten für die Übergänge in ihrer Gemarkung übernehmen. Insgesamt wären dies 2,8 Millionen Euro für die Kommunen. Dieses kommunale Drittel dürfte aber förderfähig sein, teilt Kobra mit.

Großer Brocken für Sulzheim

Die Kobra GmbH hat in ihrem Gutachten (Seite 29) auch schon die Kostenanteile der Anrainergemeinden für die Bahnübergänge berechnet. Den größten Brocken müsste Sulzheim schlucken: Für den Umbau der elf Bahnübergänge in der Gemarkung wird mit Kosten in Höhe von vier Millionen Euro kalkuliert. Die Gemeinde Sulzheim hätte einen Eigenanteil von 1,33 Millionen Euro zu schultern. Gochsheim mit sieben Übergängen (Kosten: 1,53 Millionen) müsste 511 667 Euro beisteuern. Grettstadt mit fünf Bahnübergängen (Kosten: 1,20 Millionen) käme auf einen Eigenanteil von 400 000 Euro. Gerolzhofen mit seinen drei Übergängen (Kosten: 1,16 Millionen) müsste 386 667 Euro bezahlen. Und Sennfeld mit nur zwei Übergängen (Kosten: 700 000 Euro) müsste sich auf einen Eigenanteil von 233 333 Euro einstellen.

Denkbar wäre es laut Kobra aber auch, einige Bahnübergänge zusammenzulegen, sprich jetzt noch bestehende Übergänge in der Flur aufzulösen. Dies würde allerdings einen "langwierigen und häufig problematischen Dialog mit den örtlichen Landwirten nach sich ziehen", ist im Gutachten (Seite 34) zu lesen.

Sanierung von Schienen, Schwellen und Schotterbett

Die Experten von Kobra NVS haben bei einer Streckenbegehung auch den baulichen Zustand der 20 Kilometer langen Trasse untersucht. Zwölf Kilometer davon müssen laut Gutachten "vollständig" saniert werden. "Der Rest der Strecke ist in einem Zustand, in dem Teilsanierungen ausreichen", erklärt Dieter Stepner auf Anfrage. Doch was genau bedeutet dieses "vollständig" bei der Streckensanierung? Stepner schreibt: "Es bedeutet quasi einen 'Komplettaustausch' der technischen Streckenbestandteile (vor allem der Schienen und Schwellen), streckenweise inklusive des Schotterbetts." Alleine für die Sanierung dieser zwölf Kilometer Gleis – im Gerolzhöfer Bahnhof beispielsweise sind noch inzwischen völlig verrottete Holzschwellen verbaut – setzen die Gutachter schon Ausgaben von rund 5,45 Millionen Euro an. 

Die Aussage des Ingenieurs hinsichtlich des "Komplettaustausches" widerspricht damit den Äußerungen der Grünen-Bundestagsabgeordneten Manuela Rottmann, die bislang betont, die Bahnstrecke sei abgesehen von abschnittsweise unvermeidbarem Bewuchs in einem guten Zustand, da ausschließlich Stahl- und Betonschwellen verbaut seien und die Trasse für die US-Army erst Ende der 1980er-Jahre umfassend saniert worden sei. Im Falle einer Reaktivierung sei aus Rottmanns Sicht nur "mit überschaubaren Kosten" zu rechnen.

80 Bauwerke an der Strecke

Entlang der Strecke im Landkreis Schweinfurt müssen außerdem 80 Bahn-Bauwerke ertüchtigt werden. "Es handelt sich dabei vielfach um 'Kleinstbauwerke' wie Stützwände", schildert Dieter Stepner die Situation. Dazu zählen laut Gutachten aber auch Brücken und Durchlässe. Die Kobra GmbH hat hierzu einen Betrag von 300 000 Euro angesetzt. Ist dies nicht viel zu wenig? Stepner verneint. Die meisten Bauwerke müssten "lediglich ertüchtigt werden, wie es im Ingenieursjargon heißt".

Im Falle einer Wiederbelebung der Strecke gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Probleme und Herausforderungen, die gelöst werden müssten. Die Reaktivierung der Strecke erfordere auch einen "gleistechnischen Eingriff" in den Schweinfurter Hauptbahnhof, was zu einer Verzögerung des Projekts führen könnte. Auch der Neubau der fünf Stationen inklusive der benachbarten Park+Ride-Plätze (Kostenschätzung: 2,6 Millionen Euro ohne Grunderwerb) könnte durchaus zu Konflikten mit den dortigen Anliegern führen, warnen die Gutachter. In einigen Fällen müssten auch Grundstücke direkt von den Anliegern erworben werden.

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