NIEDERWERRN

Stolpersteine fallen unter den Tisch

Denkmal für ihre Gemeinde: die ehemalige Synagoge im Niederwerrner Altort, heute eine Bibliothek.
Denkmal für ihre Gemeinde: die ehemalige Synagoge im Niederwerrner Altort, heute eine Bibliothek. Foto: Uwe Eichler

„Kohnstamm-Effekt“ nennt man in der Medizin eine unwillkürliche Muskelkontraktion, die nach längerer Zeit intensiver Anspannung auftreten kann. Benannt nach dem Neurologen Oskar Kohnstamm, während des Kaiserreichs Arzt des berühmten „Sanatorium Kohnstamm“ im Taunus: ein entfernter Verwandter von Walther Rathenau ebenso wie von Thomas Mann, den er wohl (mit) zu dessen Roman „Der Zauberberg“ inspiriert hat. Seine Kinder Peter und Anneliese sollen die Vorbilder für das moderne Märchen „Peterchens Mondfahrt“ gewesen sein.

Kohnstamms Vater entstammte einer der zahlreichen jüdischen Familien Niederwerrns, das im 19. Jahrhundert einmal eine große Minderheit israelitischen Glaubens hatte und der Sitz des Distriktrabbinats war.

In der ehemaligen jüdischen Schule Niederwerrns, dem alten Rathaus, befasste sich der Finanzausschuss im Rahmen der Haushaltsberatungen nun mit einem SPD-Antrag, 1000 Euro zur Verlegung von „Stolpersteinen“ bereitzustellen: Ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig zur Erinnerung an örtliche Juden, die im Dritten Reich systematisch verfolgt und ermordet worden sind.

40 000 Gedenksteine verlegt

Die kleinen, etwa 95 Euro teuren Betonsteine, werden mit Name, Geburts- und Deportationsjahr sowie Todesort auf einer Messingplatte vor den ehemaligen Wohnhäusern verlegt: mit über 40 000 Gedenksteinen das größte dezentrale Mahnmal in Europa.

Heute sind neun jüdische Niederwerrner bekannt, die im Krieg von hier aus über Würzburg in Vernichtungslager deportiert worden sind, insgesamt gab es etwa 40 Holocaustopfer mit Bezug zur Gemeinde. Der Antrag wurde ohne besondere Debatte mit vier zu drei Stimmen abgelehnt.

Antragsteller Wolf-Dietrich Lang überreichte zugleich einen offenen Brief an den Bürgermeister, in dem auf eine Gedenkveranstaltung der SPD an der Gemeindebibliothek, der ehemaligen Synagoge, am Jahrestag der Pogromnacht 1938 hingewiesen wurde. Die aktuelle Situation in Deutschland, die auch von einem „latenten Antisemitismus“ gekennzeichnet sei, sowie die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Niederwerrns fordere alle dazu auf, sich gegen das Vergessen zu stellen, heißt es in dem Brief.

Schon früher habe man der Bibliothek aus diesem Anlass 25 Exemplare der Tagebücher der Anne Frank zur Verfügung gestellt, zur Verwendung im Schulunterricht: „Auch heute, 75 Jahre später, wollen wir an diese Zeit damals erinnern und bezeugen, dass wir heute nicht vergessen und Verantwortung für die Zukunft aller in unserer Gesellschaft lebenden Menschen tragen“, heißt es weiter in dem Schreiben.

Bürgermeister Peter Seifert, der für den Antrag der SPD gestimmt hatte, erinnerte gegenüber dieser Zeitung an gelegentliche Besuche von Nachfahren jüdischer Niederwerrner – was zumindest im Einzelfall zu Unruhe unter heutigen Haus- und Grundstücksbesitzern geführt haben soll.

Ursprünglich sei einmal ein zentrales Mahnmal an der renovierten Synagoge angedacht gewesen, so Seifert. Von offizieller Seite habe es aber geheißen, die Synagoge wäre „Denkmal“ genug.

Stolpersteine (die auch innerhalb der jüdischen Kultusgemeinden nicht ganz unumstritten sind) gibt es im Landkreis Schweinfurt bereits in Stadtlauringen. In Schonungen wurden sie 2010 nach längeren Querelen abgelehnt.

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