SCHWEINFURT

Sudetendeutsche: Heimat als Sache des Herzens

Gedenken am neuen Vertriebenen-Mahnmal auf dem alten Friedhof: Alfred Kipplinger, Bezirksobmann der Sudetendeutschen, beim “Tag des Selbstbestimmungsrechts“ in Schweinfurt. Foto: Uwe Eichler

Ein paar erstaunte Blicke treffen den kleinen Schweigemarsch doch, der mit den schwarzrotschwarzen Fahnen der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) durch die City zieht. Ziel ist das neue Vertriebenen-Denkmal auf dem Alten Friedhof, das an 32 000 Heimatlose erinnert, die nach 1945 in Ruinenstadt und Umland eine Zuflucht gefunden haben.

An der Schultestraße werden Gebete gesprochen, die Fahnen gesenkt und „Ich hatt einen Kameraden“ gespielt. Vize-Kreisobmann Helmut Irblich erklärt das Mahnmal in N-Form, das an die Kennzeichnung des „Nemec“, tschechisch für „Deutscher“, nach dem Krieg erinnern soll. Begangen wird der „Tag des Selbstbestimmungsrechts“, der Ort wechselt jährlich in Unterfranken.

Vorangegangen ist eine Gedenkfeier im Rathaus. Die Bedeutung des 4.März 1919 kennen außerhalb der Vertriebenenverbände wohl nur wenige. Die Zeiten waren blutig und unversöhnlich, auch nach Ende des Ersten Weltkriegs: In Irland begann der Unabhängigkeitskrieg, in Deutschland war gerade der „Spartakusaufstand“ niedergeschlagen worden, in der Sowjetunion tobte der Bürgerkrieg. Auch der Zerfall des Habsburger Vielvölkerstaats sorgte für Konfliktstoff: Am 4.März 1919 kam es im Sudetenland zu Demonstrationen und einem Generalstreik der „Deutschböhmen und -Mährer“.

Die Protestler rund um den Sozialdemokraten Josef Seliger hätten sich gerne dem neu gegründeten Deutsch-Österreich angeschlossen: mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das US-Präsident Wilson zur Grundlage der Nachkriegsordnung erklärt hatte. Stattdessen waren ihre Gebiete mit Gewalt der jungen Tschechoslowakischen Republik einverleibt worden. Dessen Militär schoss nun in die Menge, landesweit gab es über 50 Tote und 200 Verletzte: Anfang eines verhängnisvollen Gegeneinanders.

Der Weg führte zur Sudetenkrise 1938 und den Anschluss an Hitlerdeutschland, zu einer brutalen deutschen Besatzungspolitik und der Judenvernichtung, bis hin zur ebenfalls grausamen „Abschiebung“ der deutschsprachigen Bevölkerung, tschechisch „Odsun“, nach Kriegsende. Mit Emotionen auf beiden Seiten, die bis heute das wechselseitige Verhältnis belasten.

Die moderne Landsmannschaft setzt aber auf moderate Töne. Was sich in der jüngsten Satzungsänderung widerspiegelt, die ausdrücklich auf Besitzansprüche verzichtet. Im 70. Jahr nach Kriegsende wird vor Nationalismus, ethnischen Säuberungen, Fremdenfeindlichkeit und Volksverhetzung aller Art gewarnt – und die eigene Mitverantwortung betont, damals wie heute.

Der Chor „Harmonie“ der Russlandeutschen unter Leitung von Olga Baluyev, singt einen Frühlingsgruß, dann begrüßt Bezirksobmann Alfred Kipplinger die Ehrengäste. Darunter Schweinfurts Bürgermeisterin Sorya Lippert, die Landtagsabgeordneten Volkmar Halbleib, SPD, und Günther Felbinger (Freie Wähler), sowie die CSU-Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber. Außerdem Christian Kuznik als Landesvorsitzenden der Schlesischen Landsmannschaft und SL-Kreisobmann Edmund Liepold. In der Schar der rund 80 Besucher dominiert noch die ältere Generation und das Gefühl, das ihr ebenfalls millionenfach erlittenes Leid zwischen Internierung, Tod und Vertreibung bis heute zu wenig anerkannt wird.

„Wir wollen nicht aufrechnen, aber unsere Herkunft auch nicht vergessen“, sagt Kipplinger zum Schicksal der eigenen „Minderheit“, die immerhin 3,5 Millionen Deutschstämmige, gegenüber 6,6 Millionen Tschechen, ausgemacht habe. Für die deutschen Zwangsarbeiter sollte es aber wenigstens den Versuch einer Wiedergutmachung geben, in Form einer (symbolischen) Opferrente. Auch Sorya Lippert bezeichnet die „Böhmische Passion“, so ein Buchtitel, als Unrecht und schlägt die Brücke in die Gegenwart: „Es gibt zu viele Flüchtlinge, sagen die Menschen. Es gibt zu wenige Menschen, sagen die Flüchtlinge“ , zitiert die CSU-Politikerin den österreichischen Autor Ernst Ferstl. „Europa ist mehr als Euro und Cent“, mahnt Anja Weisgerber. Die ehemalige Europaabgeordnete sieht in der EU eine Friedensgemeinschaft und Garantin „für unsere Werte“. Die „Schwiegeroma“ sei noch selbst vertrieben worden, die Schwiegermutter wurde auf der Flucht geboren und überlebte nur knapp. Nun gehe es um Aussöhnung und darum, die Heimat stark im Herzen zu tragen, so Weisgerber.

„Es gibt den Nationalismus als Ursache allen Bösen überall“, sagt Christian Knauer. Der Landesvorsitzende des Bundes der Vetriebenen erinnert an Benachteiligung der russischen Minderheiten in der Ukraine oder im Baltikum, ein möglicher Sprengsatz: „Immer wenn der eine meint, besser zu sein als der andere, sind die Konflikte vorprogrammiert.“ In Deutschböhmen ging es um 800 Jahre deutscher Siedlungsgeschichte, aber auch hochindustrialisierte Gebiete. Der US-Kongress habe nach den Märzereignissen sogar die Ratifizierung der Pariser Vorortsverträge verweigert, so Knauer, ehemaliger Landrat von Aichach-Friedberg und Ex-MdL.

Von einem „Schweizer Modell“ des Miteinanders, von dem Außenminister Eduard Benes bei Staatsgründung gesprochen habe, habe bald nicht mehr die Rede sein können. Auch Ungarn oder Slowaken hätten im Land die Tschechisierungs-Politik zu spüren bekommen. Ab 1935 betrieb Konrad Henleins Sudetendeutsche Partei dann den Anschluss ans Reich. Nach dem Naziterror kam es zu den Benes-Dekreten, kollektiven Racheakten an Deutschen und Verschleppungen der „Staatsfeinde“ zu Zwangsarbeit. Die werde bei hiesigen Renten immer noch nicht berücksichtigt, klagt Knauer: „Ist das wirklich christlich? Ist das wirklich sozial?“. Es sei höchste Zeit für eine Einmal-Geste.

Der Gemündener Günter Felbinger, selbst Sohn eines Vertriebenen, kündigte eine entsprechende Initiative im Landtag an. Es gehe nicht zuletzt um die Ächtung heutiger Vertreibungen, betont Volkmar Halbleib: „Wer die deutsche Geschichte ohne diese Geschichte wahrnehmen will, der nimmt sie überhaupt nicht wahr.“ Der Parlamentarische Geschäftsführer der Landtags-SPD sieht aber auch in Tschechien ein wachsendes Verständnis, insbesondere bei der Jugend: „Die Vergangenheit wird wahrgenommen.“ Auch wenn Bayern- und Nationalhymne im Saal nicht fehlen dürfen: Der Ton zum komplexen Thema ist freundlicher geworden, nicht nur dank dem Chor „Harmonie“.

Ehrungen am Tag des Selbstbestimmungsrechts: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft zeichnete langjährige Aktive und Mit-Organisatoren aus. Im Bild (von links) Bürgermeisterin Sorya Lippert, Günther Felbinger, MdL der Freien Wähler, Kreisobmann und Vize-Bezirksobmann Edmund Liepold (Verdienstmedaille in Silber der SL Bayern), Festredner und BdV-Landesvorsitzender Christian Knauer, Karl Herget (großes SL-Ehrenzeichen), Edith Göttlicher (SL-Ehrenzeichen), Bezirksobmann Alfred Kipplinger, Erika Herget (Verdienstmedaille in Silber), Vize-Kreisobmann Helmut Irblich (Verdienstmedaille in Silber der SL Bayern, unter anderem für die Errichtung des Schweinfurter Vertriebenen-Gedenksteins) sowie Volkmar Halbleib, MdL der SPD. Foto: Uwe Eichler

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