MÜNCHEN

SuedLink führt nicht über die Rhön - stattdessen durch den Spessart?

In Zukunft weniger Freileitungsmasten? Die teurere Erdverkabelung soll die Akzeptanz der Stromtrassen in der Bevölkerung erhöhen.
In Zukunft weniger Freileitungsmasten? Die teurere Erdverkabelung soll die Akzeptanz der Stromtrassen in der Bevölkerung erhöhen. Foto: Kahnert, dpa

Die SuedLink-Trasse nach Grafenrheinfeld kommt – laut Bayerns Energieministerin Ilse Aigner (CSU) – aber „nicht über die Rhön“. Das ist ein Ergebnis des nächtlichen Koalitionsgipfels zur Energiepolitik, bei dem Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nun doch beide neuen Gleichstromtrassen in Bayern akzeptiert hat – allerdings unter veränderten Bedingungen.
 


So wird zwar laut dem zwölfseitigen Konsenspapier an der in Unterfranken heftig umstrittenen SuedLink-Verbindung von Wilster in Schleswig-Holstein nach Grafenrheinfeld im Grundsatz festgehalten. Der Netzbetreiber Tennet soll nun aber Trassenalternativen vorlegen, von denen „zumindest eine“ es ermöglichen soll, „den stark belasteten Netzknotenpunkt Grafenrheinfeld zu entlasten, die Inanspruchnahme besonders schützenswerter Bereiche zu vermeiden und im Ergebnis ohne Stammstreckenführung“ an den SuedLink-Endpunkt in Baden-Württemberg zu bleiben, heißt es reichlich schwammig in dem Papier.

Laut Aigner ist damit aber sowohl eine Verbindung von Grafenrheinfeld nach Süden vom Tisch, wie auch eine Trassenführung von Norden über die Rhön. Es liege nun an Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) „mit den Hessen zu verhandeln, von wo man diese Anbindung dann einschleift“, sagte Aigner vor Journalisten im Landtag.

Im Gespräch ist offenbar, von Westen her einen „Stich entlang einer bestehenden Trasse“ zu führen, wie die Schweinfurter CSU-MdB Anja Weisgerber mitteilte. Inwiefern dabei der ebenfalls am Mittwochabend beschlossene „Vorrang“ einer Erdverkabelung bei neuen Gleichstromleitungen greifen kann, blieb zunächst offen. „Das ist auch hier in jedem Fall die erste Option“, sagte Aigner.

Endgültig erledigt sind offenbar zwei mögliche neue Wechselstromleitungen, die von Hessen und Thüringen nach Grafenrheinfeld führen sollten. „Wir konnten damit verhindern, dass Unterfranken zur Energiedrehscheibe Deutschlands wird“, lobte sich Ilse Aigner.

Insgesamt zeigte sich die Energieministerin mit dem erreichten Ergebnis zufrieden: Durch eine „Komplett-Korrektur“ der Planungen habe man „Monstertrassen“ in Bayern verhindert. Besonders wichtig sei zudem, dass die Erdverkabelung künftig die Regel sei: Die Netzbetreiber müssten nun „gut begründen, wenn man keine Erdverkabelung will“.

Die Mehrkosten dieser Variante bezifferte Aigner auf 0,11 Cent pro Kilowattstunde Strom. Dies sei ein angemessener Preis, wenn damit die Länge neuer Freileitungen in Bayern von bislang 420 Kilometer auf dreißig Kilometer schrumpfe. Neu gebaut werden soll laut Aigner nur noch eine Anbindung der Südost-Leitung von Thüringen ins nördliche Oberfranken, die über Waldgebiet führt. Die Südost-Leitung soll dann wohl entlang von Bestandstrassen über das Fichtelgebirge und die Oberpfalz bis Landshut führen.

Während Seehofer in Berlin seinen „Riesenerfolg“ lobte, sprach etwa der Bund Naturschutz von einem „Rückschlag für die dezentrale Energieversorgung in Bayern“. Ein „böses Kunststück“ sei Seehofer gelungen, kritisierte auch Bayerns Grünen-Chef Eike Hallitzky: „Halber Klimaschutz zum doppelten Preis, mehr Kohlestrom durch HGÜ-Leitungen, aber weniger erneuerbare Energien und Stopp der Windkraft.“

Tatsächlich kann Seehofer seine Ankündigung, neue Trassen komplett zu verhindern, nicht erfüllen. Dafür wäre laut Aigner ein subventionierter Dauerbetrieb neuer Gaskraftwerke nötig gewesen. Ein solcher „Kapazitätsmarkt“ sei aber „bei diesen Mehrheiten nicht möglich“. Zwar soll es zwei neue Gaskraftwerke in Bayern geben – aber nur als Notfallreserve. Unter diesen Umständen könne auf neue Leitungen nicht verzichtet werden, erklärte Aigner: „Es ist eben ein Kompromiss.“


Koalition streicht Kohleabgabe

Auf Verbraucher und den Mittelstand kommen neue Milliardenkosten bei der Energiewende zu. Die Parteispitzen der Großen Koalition vereinbarten in der Nacht zum Donnerstag, auf die umstrittene Strafabgabe für alte Kohlekraftwerke zu verzichten, mit der der Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden sollte. Um die Klimaziele dennoch zu erreichen, setzen Union und SPD nun auf einen Maßnahmenmix und weitere Steuermilliarden. Die Zusatzkosten bis 2020 belaufen sich auf mehr als zehn Milliarden Euro. Opposition und Umweltschützer kritisierten den Kompromiss.

Die Gewerkschaft IG BCE sowie Bundesländer mit Braunkohle-Förderung reagierten dagegen erleichtert. Aus Sicht der Industrie kann nun die Blockade beendet und Investitionssicherheit geschaffen werden. Die Aktien des Kohlekonzerns RWE legten teils um knapp fünf Prozent zu. Kanzlerin Angela Merkel (CDU), CSU-Chef Horst Seehofer und SPD-Chef Sigmar Gabriel hatten sich in der Nacht auf ein Energie- und Klimapaket verständigt. Angesichts erheblicher neuer Steuermilliarden hatte auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) an der Spitzenrunde teilgenommen.

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