Schweinfurt

Tafelladen in Coronakrise: Freude über große Hilfsbereitschaft

Seit Anfang April hat der Tafelladen in Schweinfurt zwei Mal pro Woche geöffnet. Warum das in der Coronakrise wichtig ist und welche positiven Erfahrungen das Team macht.
Der Tafelladen in der Brombergstraße im Schweinfurter Stadtteil Bergl hat während der Coronakrise zwei Mal in der Woche geöffnet.
Der Tafelladen in der Brombergstraße im Schweinfurter Stadtteil Bergl hat während der Coronakrise zwei Mal in der Woche geöffnet. Foto: Oliver Schikora

948 Tafeln mit gut 2000 Ausgabestellen gibt es in Deutschland. 1,65 Millionen Menschen sind in der Bundesrepublik auf die Tafeln angewiesen. Während der Coronakrise haben gut die Hälfte der Tafelläden geschlossen, zu groß ist das Risiko für die meist älteren Helferinnen und Helfer. 

Zum Glück hat die Schweinfurter Tafel gemeinsam mit der Diakonie ein Konzept gefunden, wie man den Tafelladen in der Brombergstraße in Schweinfurt wieder öffnen konnte. Denn der Bedarf in der Bevölkerung ist groß, das zeigt die erste Bilanz des Tafel-Vorsitzenden Ernst Gehling und Diakonie-Chef Jochen Keßler-Rosa nach gut zwei Wochen "Nottafel" seit dem 1. April: Bisher wurden schon 2000 Menschen mit Lebensmitteln versorgt, vor allem vor Ostern war der Andrang groß.

"Wenn wir diese Not in der Stadt einfach ignorieren, lügen wir uns selbst in die Tasche."
Ernst Gehling, Vorsitzender des Schweinfurter Tafel e.V.

"Es ist uns wichtig, den Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht", betont Ernst Gehling, für den die Zahlen der Ausgabestellen ein Beweis dafür sind, dass es eben nicht reicht, darauf zu verweisen, dass Tafelschein-Besitzer ja durch die staatlichen Sozialleistungen genug Geld hätten, sich ausreichend zu versorgen. "Man sieht die Not der Menschen", so Gehling und erzählt eine Geschichte, die ihm selbst beim Aufräumen am Gründonnerstag passierte. Eine ältere Frau sei nach der Ausgabe zu ihm gekommen, um sich zu bedanken. Weinend und mit leiser Stimme habe sie erzählt, ihr Kühlschrank sei leer gewesen, sie habe nicht gewusst, wo sie etwas zu Essen herbekommen solle. Sie sei dankbar gewesen für die Hilfe der Tafel, erzählt Gehling: "Wenn wir diese Not in der Stadt einfach ignorieren, lügen wir uns selbst in die Tasche."

Tafel-Vorsitzender Ernst Gehling (links) und Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa erläutern die Schutzmaßnahmen aufgrund der Coronakrise, damit der Tafelladen in der Brombergstraße wieder öffnen konnte.
Tafel-Vorsitzender Ernst Gehling (links) und Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa erläutern die Schutzmaßnahmen aufgrund der Coronakrise, damit der Tafelladen in der Brombergstraße wieder öffnen konnte. Foto: Oliver Schikora

Dass die Tafel wieder öffnete, zunächst jeweils mittwochs und samstags von 14 bis 16 Uhr, ist der engen Zusammenarbeit des Vereins mit der Diakonie zu verdanken. Gehling richtet seinen "besonderen Dank" an die Diakonie und das Team von Jochen Keßler-Rosa, ohne deren Mithilfe eine Wiedereröffnung des Ladens in Schweinfurt – der in Gerolzhofen bleibt zunächst geschlossen – nicht möglich gewesen wäre. "Sie waren Motor und Signalgeber", so Gehling.

Dass Gehling die Tafel wieder aufmachen durfte, hat er ausdrücklich beim Wirtschaftsministerium in München nachgefragt. Tafeln sind grundsätzlich Lebensmittelmärkte, fallen nicht unter die strikten Regeln der Ausgangsbeschränkung, wie sie für andere Firmen gelten. Das neue Konzept ist ausgefeilt, wurde der Stadt im Vorfeld vorgelegt und penibel auf Gesundheitsschutz der Mitarbeiter und Bedürftigen ausgerichtet. Im Tafelladen gibt es mehrfach Spuckschutzwände, vor der Kasse, vor der Lebensmittelausgabe. Alle Mitarbeiter tragen Mundschutz, es wird mit weniger Personal gearbeitet, so dass die Mindestabstände eingehalten werden.

Außerdem wird die Straße gesperrt, in der Warteschlange vor dem Laden gibt es auch Absperrungen für den Mindestabstand, bis zu 100 Menschen können dort stehen. Das Ordnungsamt der Stadt kontrollierte gleich am ersten Tag und beschied, dass alles richtig gemacht wurde. Die Fahrer, die von den Supermärkten gespendete Ware abholen, sind in den Tafelfahrzeugen alleine unterwegs, ihre Beifahrer kommen mit Privat-Fahrzeug zum jeweiligen Markt, um beim Beladen zu helfen.

Gut geschützt ist die Ausgabe für die Lebensmittel im Tafelladen – sowohl für die Mitarbeiter als auch die Bedürftigen wird so die Ansteckungsgefahr minimiert.
Gut geschützt ist die Ausgabe für die Lebensmittel im Tafelladen – sowohl für die Mitarbeiter als auch die Bedürftigen wird so die Ansteckungsgefahr minimiert. Foto: Oliver Schikora

Über die Welle der Hilfsbereitschaft, die der Tafel entgegen schlug, vor allem von jüngeren Menschen, ist Gehling voller Dankbarkeit. Einem Kernteam der Tafel selbst helfen nun eine Gruppe junger Migranten der Diakonie mit 30 Personen aus acht Ländern, eine Gruppe Fußballer der Freien Turner oder eine Gruppe junger Menschen, die einem Facebook-Aufruf von Erika Ketschik spontan folgten. Sie alle haben unterschiedliche Aufgaben, bei denen sie einfach anpacken und helfen. "Niemand ist sich für irgendetwas zu schade. Es ist erfüllend zu sehen, was man gemeinsam schaffen kann", so Gehling.

Gefreut hat er sich auch sehr über die vielen Spenden. Der Zonta-Club gab mittlerweile 350 Gutscheine im Wert von je zehn Euro, die Bedürftige bei Schweinfurter Gastronomen in der Innenstadt für ein warmes Essen zum Mitnehmen einlösen können. Privatpersonen und Firmen hätten gespendet, auch die Fans des FC 05 Schweinfurt gaben 1000 Euro, "was mich sehr gefreut hat", so Ernst Gehling.

Die Tafel arbeitet nach einem Farbsystem, nach dem Bedürftige kommen können. Gelb und Blau sowie Rot und Schwarz werden im Wechsel zusammengefasst. Los geht es mit den Farben Gelb und Blau. Geöffnet ist am 15., 18., 22., 25., 29. und 30. April, jeweils von 14 bis 16 Uhr.

Die Tafel Schweinfurt
Die Tafel Schweinfurt e.V. versucht, bedürftigen Menschen den Alltag mit Lebensmittelspenden zu erleichtern. In den Tafelläden in Schweinfurt und Gerolzhofen werden wöchentlich rund 750 Kinder und über 1100 Erwachsene "bedient". Insgesamt sind aktuell knapp 4500 Personen berechtigt, für einen symbolischen Einkaufspreis von drei Euro Waren über die Tafel zu beziehen. Um bei der Tafel einzukaufen, braucht man einen Tafelschein, den Diakonie oder Caritas ausgeben. Er ist an Einkommensgrenzen gebunden, die sich an der Armutsgefährdungsquote der EU orientieren.
160 Helferinnen und Helfer hat die Tafel – alle ehrenamtlich, jeder engagiert sich so, wie er kann. Der mildtätige, allein spendenfinanzierte Verein wird im fünfköpfigen Team mit dem Vorsitzenden Ernst Gehling geführt.

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