SCHONUNGEN

Tiefe und intime Einblicke in die Gefühlswelt

316 Seiten umfasst das Buch zur Ausstellung „Heimatfront und Schützengraben“.
316 Seiten umfasst das Buch zur Ausstellung „Heimatfront und Schützengraben“. Foto: G. Chuleck

Gemessen am Umfang des Buches „Heimatfront und Schützengraben – Die Großgemeinde Schonungen und der Erste Weltkrieg 1914 - 1918“ verlief dessen Vorstellung durch Thomas Horling in der Alten Kirche in Schonungen relativ kurz. Nicht nur, weil Daniela Harbeck-Barthel in ihrem Vortrag schon viel vorweg genommen hatte (siehe nebenstehenden Bericht), sondern weil es schon von der optischen Aufmachung für sich selbst spricht.

Dieses Buch ist keineswegs eine Zusammenfassung der sehr erfolgreichen Ausstellung, die in drei Wochen 1158 Besucher angelockt hatte. Und es ist auch mehr als „nur“ ein wichtiges Exponat für das Gemeindearchiv. Dieses Buch holt die Gefühlslage der Menschen vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg durch tiefe und intime Einblicke ans Tageslicht und entlarvt den Krieg schonungslos als das, was er ist: die menschenzerstörende Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Autoren zeichnen ein sehr plastisches Bild des Lebens der Schonunger Bürger vor dem Krieg, dem munteren Vereinsleben und den großen und vor allem kleinen Problemen, mit denen sich – ähnlich wie heute – so mancher Gemeinderat rumzuschlagen hat.

Die Fabrikarbeit oder die Arbeit der Handwerker in kleineren Betrieben, die Arbeit in der Landwirtschaft – durch den Kriegsausbruch kam vieles zum Erliegen, vor allem in der Keimzelle der Gesellschaft, den Familien.

Höchst eindrucksvoll ist ein Auszug aus dem bislang unveröffentlichten Briefwechsel zwischen der jungen Reichmannshäuser Bäuerin Agnes Neubauer und ihrem schon etwas älteren Mann Georg, Infanterist an der Westfront zwischen 1915 und 1918. 20 Briefe und Postkarten sind erhalten geblieben.

Agnes sprach ihren Georg stets mit „mein innigstgeliebter Mann“ an, die Briefe endeten mit den Worten „von Herzen grüßt und küßt dich vielmals Deine unvergeßliche, treuliebende, im Gebete stets gedenkende liebste Agnes“. Die Briefe und Postkarten dokumentieren die Sehnsucht, die Sorgen und die Tatkraft einer Frau, die während des Krieges an ihren Aufgaben – den Hof zu führen – wuchs.

Nicht in der Ausstellung zu sehen, aber im Buch zu lesen ist ein Auszug aus dem Kriegstagebuch des Franzosen Charles Emilien Roustit (20.11.1887-3.9.1917), auf deutsch und französisch. Da reicht es völlig aus, die einzelnen Passagen sich selbst vorzulesen, und die Gänsehaut wird von Eintrag zu Eintrag stärker.

Auch das Leben auf französischer Seite ist gut beleuchtet, mitsamt Feldpostbriefen. Der eigentliche Kriegsbeginn, die Mobilmachung, die Fahrt zur Front, das dortige Leben, die Ausrüstung der Soldaten, die Aufgaben der Feldgeistlichen, aber auch die deutlich spürbaren Auswirkungen des Krieges auf das Leben in Schonungen, die Rückkehr der Überlebenden und deren Weiterleben, Spurensuche in der heutigen Zeit, Recherchetipps – das Buch ist vielschichtig, und Schicksale wie in Schonungen haben sich in ungezählten Ortschaften in ganz Deutschland abgespielt.

250 Exemplare haben die Herausgeber gedruckt, 160 davon waren vorbestellt, einige Dutzend Exemplare gingen auch nach der Vorstellung weg wie warme Semmeln. „Sie sollten sich mit dem Kauf beeilen“, wandte sich Horling an seine Zuhörer, „sonst ist zu befürchten, dass es zur Schonunger Weihnacht am 7. Dezember vielleicht nicht mehr erhältlich ist.“

Vielleicht aber wird die Nachfrage so groß sein, dass eine zweite (korrigierte) Auflage in Druck gegeben werden muss. Denn so sehr schon die Ausstellung regelrecht nach einem Buch geschrien hatte, wird wohl auch das Buch selbst nach einer weiteren Auflage schreien. Der Aufwand würde sich wohl mehr als lohnen. Denn dieses 1,2 Kilogramm schwere Buch gehört nicht nur in die Hände geschichts- und heimatinteressierter Schonunger, sondern bietet sich auch als ideale Quelle etwa für Geschichtsreferate an, und das weit über die Grenzen der Großgemeinde Schonungen hinaus.

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