SCHWEINFURT

Traditionswirtshaus Haberkasten vor dem Aus?

Doris Hamm, man will es kaum glauben, wird bald 70. Zeit für sie, die Arbeit im Haberkasten zu beenden. Foto: Anand Anders

Die Speisekarte vor dem Eingang verspricht Verführerisches: Bohnenkern mit Bauchfleisch, Schnickerli, Lunge, Braten mit Klößen. Kein Zweifel, hier wird fränkisch gekocht. Und das seit über 140 Jahren. Der „Haberkasten“ in der Manggasse ist ein Stück Alt-Schweinfurt, ein Stück Tradition, ja eine Institution.

Langgestreckt ist der Gastraum, die Wände sind mit dunklen Holz getäfelt, ein kupferner Kleiderhaken mahnt die Gäste, auf ihre Sachen selbst aufzupassen. Fünf Tische stehen im Gastraum, gerade einmal drei Dutzend Gäste haben auf den Stühlen und Bänken Platz – und sie füllen sie tagtäglich. „Das ist kein schlechtes Geschäft“, sagt Doris Hamm. Die Lage zwischen Zeughaus und Roßmarkt stimmt. „Wir haben jeden Tag Leut‘.“ Es sei halt klein, „größer machen können wir es nicht“.

Die Wirtin wird 70

Aber das ist nicht der Grund, dass hier möglicherweise schon im Mai Schluss ist. Die Wirtin mit dem flotten Blondhaarschnitt ist bald 70, was man ihr nicht ansieht. Sie muss jedoch inzwischen verstärkt auf die Gesundheit achten. Ob es eine eine Nachfolge gibt? Das weiß sie nicht. Im Internet wird dafür feste getrommelt. Bis jetzt ohne Ergebnis.

Edgar Borst von der Brauerei Roth sagt, „wir suchen krampfhaft eine Nachfolge“. Bewerber gebe es schon, „aber die bringen das Fränkische nicht rüber“. Die Brauerei werde bis zum letzten Augenblick suchen, habe eine Werbekampagne gestartet. „Wir hoffen stündlich, dass sich jemand meldet.“

Doris Hamm kommt aus einer alten Wirtsfamilie

Doris Hamm stammt aus einer alten Wirtsfamilie. Der Vater hatte 40 Jahre lang die kleine Wirtschaft am Roßmarkt. Sie selbst war 20 Jahre lang Wirtin am Schießhaus, dann übernahm sie vom Vater die Wirtschaft und wechselte in den Haberkasten, als dort die „Resi“ – bekannt für ihre kindskopfgroßen Klöß‘– aufhörte.

Einiges hat sich seitdem verändert. Es wird weniger getrunken und Karten wird auch nicht mehr gespielt. Geblieben sind zwei Stammtische. Und die freundlichen Gäste. Das Publikum ist demokratisch bunt gemischt, vom Anwalt über den Beamten bis hin zum Arbeiter. Gegessen wird wie früher, die Spezialitäten halt. Beliebt sind auch die Schnitzel, „weil sie aus der Pfanne kommen“.

Der Haberkasten hat seine Stammgäste. Um die Mittagszeit ist es schwer, einen Tisch zu bekommen. Foto: Anand Anders

30 bis 40 Stammgäste

30 bis 40 Gäste zählen zum festen Stamm, manche kommen täglich. Das Alter überwiegt, darum gibt es auch halbe Portionen. Inzwischen hat auch die Jugend den Haberkasten entdeckt. Heute wird schon einmal ein Espresso verlangt, „und da heben wird uns die Maschine halt zugelegt“.

Der Namen „Haberkasten“ geht wohl darauf zurück, dass an den Markttagen, die Pferdefuhrwerke hier abgestellt und die Pferde mit Hafer gefüttert wurden. Haber ist die süddeutsche Bezeichnung für Hafer. Und zum Füttern wurde ihnen ein Haberkasten um den Hals gehängt. So beschreibt es Edgar Lösch in einer „Geschichte der alten Wirtshäuser in Schweinfurt“.

Ursprung im Büttner-Handwerk

Wie viele andere Gaststätten in Schweinfurt hatte auch der Haberkasten seinen Ursprung im Büttner-Handwerk. Im ersten Schweinfurter Adressbuch von 1846 erscheint als Eigentümer des Hauses Nr. 702 in der Manggasse der Büttner und Brauer Sebastian Kern. Im Adressbuch von 1879 taucht erstmals der Hinweis auf ein Gasthaus auf. Sein „Restaurateur“ war Georg Döppert.

Die Traditionsgaststätte Haberkasten, möglicherweise schließt sie im Mai. Foto: Anand Anders

Um 1895 erwarb Johann Wilhelm Kraft die Wirtschaft und betrieb sie 20 Jahre lang. Wie Edgar Lösch festgestellt hat, erscheint der Name „Haberkasten“ erstmals 1895. Um 1936 übernahm Edmund Faulhaber die Wirtschaft und führte sie weit bis in die Nachkriegszeit. Ihm folgte Waltraud Fröhlich als Wirtin und schließlich führte Resi Veth das Lokal weiter. Und dann kam Doris Hamm. Die Gäste sind gespannt, wie es weitergeht.

Möglicherweise schließt Doris Hamm im Mai als letzte die schwere Holztür zu. „Das wäre schad‘“, sagt sie. Und das sagen auch die Gäste.

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