KUNSTHALLE

Triptychon für die Kunsthalle

Triptychon „Heinrich Böll“ von Robert Höfling, 1978, Öl auf Sperrholz. Eines der drei Werke, die die Kunsthalle vom Museum der Stadt Aschaffenburg bezieht.
Triptychon „Heinrich Böll“ von Robert Höfling, 1978, Öl auf Sperrholz. Eines der drei Werke, die die Kunsthalle vom Museum der Stadt Aschaffenburg bezieht. Foto: Sabine Denecke

Auch in diesem Sommer gibt es in der unterfränkischen Kulturlandschaft wieder einen erfrischenden Perspektivwechsel: Zum siebten Mal tauschen 14 Museen untereinander ihre Kunst. Jeweils ein ausgewähltes Kunstwerk wird von Dienstag, 25. Juli, bis 5. November unter dem Motto „Kunst geht fremd und dreht ab“ in ein anderes Haus ausgeliehen und begibt sich dadurch in einen neuen Kontext: Die Objekte präsentieren sich in fremdem und regionalem Umfeld, sie fügen sich in eine andere Ausstellungskomposition ein oder irritieren dort ganz bewusst.

Der Tausch verläuft nicht starr bilateral, sondern er spinnt seine musischen Fäden quer durch den Bezirk. Das gewährt nicht nur einen neuen Blick auf Ausstellung und Kunst, sondern kreiert auch ein heterogenes, lebendiges Netzwerk, von dem Besucher und Kulturschaffende vor Ort profitieren, heißt es in einer Pressemitteilung. Wenn Kunst fremdgeht, hat sie seit jeher auch ein Begleitprogramm im Gepäck. Darin vermitteln Experten in Führungen, Sonderveranstaltungen oder Vorträgen ihr Wissen über das „fremde“ Objekt.

Mit dabei ist auch wieder die Kunsthalle Schweinfurt – als Verleiher und Leihender. In Schweinfurt gezeigt wird ein Werk von Robert Höfling, Triptychon „Heinrich Böll“, Öl auf Sperrholz, Grisaille, aus dem Jahr 1978 im Format 185 x 420 x1,5 cm. Höfling (1919-1997) wurde in Hammelburg geboren. In dieser „Massenchoreografie“ rennen einige verwirrt durchs Bild oder reckt ein unbekleideter Mann in der Mitte seine Arme in Richtung Betrachter. Auf allen drei Teilen des Triptychons ist eine verstörte Menschenmenge zu sehen. Zudem malte Höfling das Triptychon in Grisaille, verwendete ausschließlich Grau, Weiß und Schwarz. Das verstärkt die bedrückende Atmosphäre und die Verwirrung der Menschen. Einzig die Frau auf dem rechten Flügel scheint unberührt von der Situation. Höfling sagte lediglich über die Dargestellte, sie sei „eine von den Schönen“. Sie wendet sich dem Betrachter mit einem Lächeln auf den Lippen zu. Verkennt sie vielleicht die Situation? Diese Frage stellt sich möglicherweise auch Schriftsteller Heinrich Böll (1917-1985), Namensgeber für das Gesamtwerk, der neben ihr steht und sie beobachtet. Da Böll stark in der Friedensbewegung der 1970er Jahre aktiv war, könnte hier – im Sinne dieser Zeit – die Gesellschaft gezeigt werden, die sich in eine politische, wirtschaftliche und soziale Krise manövriert hat.

Die Kunsthalle verleiht an das Knauf-Museum in Iphofen das Bild „Segelflug“ von Ferdinand Lammeyer, Öl auf Hartfaserplatte, 76,1 x 59,8 cm, aus dem Jahr 1950. Lammeyer (1899-1995) lebte, im Krieg in Frankfurt ausgebombt, seit 1944 in einem Bauernhaus am Fuße des Kreuzberges. 1950 wurde er als Professor zum Leiter der Klasse für freie Malerei an die Städelschule nach Frankfurt berufen. Von 1959 an war er deren Direktor, unter seiner Leitung wandelte sie sich zur Staatlichen Hochschule für Bildende Künste. Nach seiner Emeritierung siedelte der Maler nach Bischofsheim. Das Gemälde „Segelflug“ spielt auf die lange Tradition des Flugsports in der Rhön an, die Wasserkuppe gilt als deren Wiege in Deutschland. Lammeyer interpretierte in surrealistischer Weise das Thema Bewegung in einem bunten Reigen verschiedenster Facetten, etwa dem Lauf von Gestirnen, dem Kreiseln einer Gliederpuppe oder durch das Nach-oben-Streben eines Flugobjektes im Aufwind vor einer nur in Zitaten angedeuteten Landschaft mit Vegetation. Vermutlich können die Motive auch als eine Metapher auf das stete Auf und Ab im Kreislauf des Lebens gesehen werden.

Kunst geht fremd, Dienstag, 25. Juli, bis Sonntag, 5. November, Eröffnung am 25. Juli um 11 Uhr im Schloss Oberschwappach. Beteiligte Museen: Museen Schloss Aschach, Stiftsmuseum Aschaffenburg, Museum Obere Saline Bad Kissingen, Museum Terra Triassica Euerdorf, Knauf-Museum Iphofen, Deutsches Fastnachtmuseum Kitzingen, Kreisgalerie Mellrichstadt, Museum.Stadt.Miltenberg, Spessartmuseum Lohr, Museum Schloss Oberschwappach, Kunsthalle Schweinfurt, Museum Barockscheune Volkach, Museum für Franken, Würzburg, Museum im Kulturspeicher Würzburg. www.kunst-geht-fremd.de

„Segelflug“ von Ferdinand Lammeyer, 1950, Öl auf Hartfaserplatte. Dieses Bild verleiht die Kunsthalle Schweinfurt an das Knauf-Museum Iphofen.
„Segelflug“ von Ferdinand Lammeyer, 1950, Öl auf Hartfaserplatte. Dieses Bild verleiht die Kunsthalle Schweinfurt an das Knauf-Museum Iphofen. Foto: Kunsthalle Schweinfurt

Rückblick

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