Region Steigerwald

Trittsteine und der ökologische Fußabdruck des Menschen

Sogenanntes liegengelassenes Totholz bietet im Wald zahlreichen Tier-, Moos oder Pilzarten, wie hier dem Zunderschwamm, den benötigten Lebensraum. Es ist eine von vier Komponenten, auf denen das "Trittsteinkonzept" des Ebracher Staatsforstbetriebs beruht. Foto: Norbert Vollmann

Darauf legt Ulrich Mergner bei seinen Autorenlesungen wie jetzt im prall gefüllten Café Ton in Fabrikschleichach Wert: Sein Buch über das Trittsteinkonzept ist keines pro und kontra Nationalpark, wenngleich dies die kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wie effizient in den Wäldern mit dem Natur- und Artenschutz umgegangen wird, keinesfalls ausschließen soll. Und doch lässt sich das die Bevölkerung seit Jahren im Steigerwald spaltende Thema Nationalpark gerade bei ihm, der seit 2005 den damals aus den Forstämtern Ebrach, Burgebrach, Gerolzhofen und Eltmann hervorgegangenen Forstbetrieb der Bayerischen Staatsforsten in Ebrach leitet, nicht abtrennen.

Ulrich Mergner steht für das maßgeblich von ihm entwickelte Gegenmodell zum Nationalpark in Gestalt einer vom Natur- und Artenschutz geprägten und, um fachlich fundiert unterwegs zu sein, von der Wissenschaft begleiteten Bewirtschaftung der vom Menschen genutzten staatlichen Laubwälder im Nördlichen Steigerwald. Dafür hat sich der Name „Trittsteinkonzept“ eingebürgert. Und dafür wirbt er in dem gleichnamigen Buch.

Ein Verbund aus vier Biotoparten macht die Mischung. Es sind der einst nach dem Motto "Das Gute bleibt, das Schlechte fällt" todgeweihte Biotopbaum, das im Wald liegengelassene, früher ebenfalls verfeuerte Totholz, die aus der Nutzung genommenen am großen grünen "T" auf den Bäumen zu erkennenden ökologisch wertvollen Waldtrittsteine samt der Waldränder sowie als vierte Komponente Naturwaldreservate als "unschätzbare Freilandlaboratorien" (Mergner).

Ulrich Mergner macht auch in Fabrikschleichach keinen Hehl aus seiner Vorliebe für den Biotop- oder Habitatbaum, wie er auch aufgrund seiner Baummikrohabitate genannt wird, indem er sagt: "Müsste ich unter diesen vier Arten auswählen, ich würde ihn wählen."

Ulrich Mergner mit seinem Buch "Das Trittsteinkonzept". Foto: Norbert Vollmann

Diese Bäume, die aufgrund ihrer Holzfehler wirtschaftlich nicht interessant sind, bieten andererseits vielen Tierarten in Höhlen, der Rinde oder in den Kronen die von ihnen benötigten Lebensräume an. Davon profitieren vor allem viele Vögel, aber auch Fledermäuse, holzbewohnende Käfer oder Pilze. Der Biotopbaum darf aufgrund seines ökologischen Wertes stehenbleiben, bis er eines Tages umstürzt. Ihn bewohnen dann  wiederum in der "großen Recyclingstation Wald" (Mergner) weitere Tier-, Pilz- und Moosarten, bis sich der biologische Kreislauf mit dem Zerfall zu Humus endgültig schließt.

Der hinter dem "Trittsteinkonzept" steckende Ansatz besagt, dass der über den Wirtschaftswald verteilte Verbund aus miteinander vernetzten Biotopen der vier genannten Komponenten unter dem Strich mehr für die biologische Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Pilzen bringt als ein reiner Nationalpark. Anders ausgedrückt: Viele kleine ökologische Inseln bewirken mehr als ein großes Waldschutzgebiet. Für Ulrich Mergner ist deshalb das "Trittsteinkonzept" die effizientere und intelligentere Strategie, um mehr Waldnaturschutz auf die gesamte Fläche zu bringen.

Es ist ganz klar das „Nutzen und Schützen“, das den Forstmann Ulrich Mergner als Praktiker und Pragmatiker dabei umtreibt. Etwa wenn er angesichts des weltweit hohen Holzverbrauchs vom Kompromiss zwischen den Zielen des Menschen mit seinem großen Holzhunger und der Artenvielfalt spricht. Spätestens aber, wenn er schreibt, dass sich auch der Naturschutz die Frage nach der Wirtschaftlichkeit stellen muss.

An dieser Baummarkierung sind die aus der Nutzung genommenen ökologischen Trittsteinflächen im Wald zu erkennen. Foto: Norbert Vollmann

Da es aber unwahrscheinlich sei, dass einerseits die Holznutzung in Deutschland deutlich gesteigert oder andererseits der Holzverbrauch drastisch gesenkt werde, laute die Frage deshalb, so Mergner: Wie viel Holz und Waldfläche billigt die Gesellschaft der Biodiversität, sprich Artenvielfalt zu? Umso wichtiger sei es, die betroffene Bevölkerung auf dem Weg mitzunehmen, mehr Holz für die Artenvielfalt im Wald zu belassen.

Dabei nimmt Ulrich Mergner kein Blatt vor dem Mund, wenn er sagt  und schreibt: "Der Städter, der rumänisches Brennholz im Kaminofen verheizt, kann den Landbewohner, der seit Generationen gleich hinter seinem Dorf Holz macht, schwerlich davon überzeugen, den heimischen Wald aus der Nutzung zu nehmen. Die heile Welt auf dem Lande zu suchen, aber selbst einen riesigen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, ist nicht glaubwürdig."  

Efizienz im Wald bedeutet für den Autor: Die ungenutzte Holzmenge muss eine höchstmögliche Wirkung erzielen.  Demzufolge könne, wie beschrieben, eine vielfach größere Flächenwirkung bei der Sicherung der Artenvielfalt erzielt werden,  wenn die Stilllegungsfläche eines Großschutzgebietes von mehreren Tausend Hektar in kleinen Portionen auf eine größere Waldlandschaft verteilt werde. 

Was dabei im Großen vom Forstbetrieb Ebrach praktiziert werde, funktioniere Mergner zufolge ebenso im Kleinen. Er unterstreicht in dem mit vielen Tipps für die Praxis angereicherten Buch: "Der Kleinwaldbesitzer kann auf seiner Waldparzelle genauso zum Waldartenschutz beitragen wie der Tausende von Hektar große Staatswald". 

Ulrich Mergner wirbt in seinem Buch zugleich für mehr gegenseitiges Verständnis zwischen dem Waldnutzer auf der einen und dem Waldschützer auf der anderen Seite. Überzeugen statt bekämpfen lautet sein Credo. 

Mergner bedauert in diesem Zusammenhang bestimmte "Auswüchse" wie gerade in der jüngeren Vergangenheit, warnt aber zugleich davor, alle Naturschützer und Waldfreunde über einen Kamm zu scheren. "Einige reiben sich an uns, andere wiederum setzen sich mit uns konstruktiv-kritisch auseinander, statt den Förster zum Feindbild zu erklären und mit Verdächtigung, Argwohn und Kontrolle zu begegnen", macht er deutlich. Für ihn steht fest: "Wir müssen alle Gruppen wieder näher zusammenbringen." 

So wie es kein Buch pro und kontra Nationalpark sei, handele es sich übrigens auch um kein Wohlfühlbuch, das vor allem Städter den Wald neu entdecken lässt, so Mergners Hinweis. Es solle vielmehr ein Fachbuch und Nachschlagewerk für Waldbesitzer, Forststudenten und Forstkollegen, aber auch für an Waldökologie interessierten Natur- und Waldfreunden sein.

Als Sohn eines Forstmeisters in Ruppertshütten im Spessart ist Ulrich Mergner, Jahrgang 1955, von Kindesbeinen auf im und mit dem Wald aufgewachsen. Sein Studium der Forstwissenschaft in München fällt in die Zeit der ökologischen Aufbruchstimmung mit der Abkehr von der Kahlschlagwirtschaft und der fortan ganzheitlichen Sicht des Waldes. Von dieser Welle wird er erfasst. Ein Gaststudium führt in zu Professor Hans Leibundgut nach Zürich. Der Schweizer Waldbauprofessor gilt als einer der ersten Urwaldforscher. Später besucht Mergner selbst die Urwälder Osteuropas und auch des Irans.

Ulrich Mergner ist seit Jahrzehnten Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft und hat sich lange im Bund Naturschutz als Sprecher des Arbeitskreises Wald engagiert. Er räumt ein, dabei in den vergangenen 15 Jahren nochmals einen gewaltigen Umdenkungsprozess durchgemacht zu haben.

Ulrich Mergner: Das Trittsteinkonzept; 138 Seiten, 35 Abbildungen; ISBN: 978-3-00-059743-5; 16 Euro (zuzüglich Versandkosten); zu beziehen über Euerbergverlag (Ulrich Mergner,Glashüttenstr. 6, 96181 Rauhenebrach-Fabrikschleichach,Tel. (09554) 1577, Email: ulrich.mergner@gmx.de.

Der Biotopbaum spielt eine gewichtige Rolle im "Trittsteinkonzept" des Forstbetriebs Ebrach als Grundlage für eine an de... Foto: Norbert Vollmann
Naturwaldreservate wie hier das "Waldhaus" bei Ebrach bilden beim "Trittsteinkonzept" quasi die Klammer für Biotopbäume,... Foto: Norbert Vollmann

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