SCHWEINFURT

Tüftler Popp und seine Ideen für das Fahrrad von morgen

Das barrierefreie Aufsitzen ermöglicht der auf einer Seite um den Oberkörper des Fahrer geschwungene Rahmen. Foto: Gerd Landgraf

Weil der Enkel eingezogen und ein Mountainbiker ist, der Platz in der Werkstatt braucht, hat der Fahrradtüftler Hermann Popp aufgeräumt und dabei die Chance genutzt, in der Halle an seinem Wohnhaus in Oberndorf seine Schau „Fahrradtechnik der Zukunft“ aufzubauen. Die Redaktion hat beim Besuch der vier Stationen ausgiebig mit dem Visionär des komfortablen Radfahrens gesprochen und dessen Kritik an der „blinden“ Fahrradindustrie aufnotiert.

Der heute 84-Jährige erlernte bei Sachs den Beruf des Maschinenschlossers, studierte Maschinenbau, begeisterte sich für die Motorentechnik und für Motorräder, kam zurück zu Sachs und war dort als Ingenieur bis zum Unruhestand im Jahr 1992 im Motorenbau tätig. Als Hobby guckte sich der Rentner Popp das Radeln aus, doch mit der angebotenen Fahrradtechnik (beschränkte Mitnahme von Gepäck, aufwendige Wartung, instabile Fahrradständer, umständliche Beseitigung von Reifenschäden, mangelhafte Stabilität auf unbefestigten Wegen) wollte Popp nicht auf große Tour gehen.

Verbesserungen nur bei den Teilen

Nach drei Monaten war der Ingenieur des Suchens müde und befasste sich mit der Entwicklung des Fahrrads – ab dem Jahr 1888. Ergebnis: „Mit dem, was die Industrie bietet, mit dem was die Händler auf die Beine stellen, bin ich überhaupt nicht zufrieden.“ Das Grundkonzept – also der Rahmen – habe sich überhaupt nicht verändert, nur das Material und die Anbauteile seien besser geworden. Popp: „Technik ändert sich, die Zeit wandelt sich, und so muss sich auch die Fahrradindustrie dem Wandel stellen und Räder und Pedelecs gemäß heutiger Technik in Handhabung und Verwendung neu überdenken.“

Der vordere Bereich der Schau geht in die Vergangenheit. Popp hat die erste nicht lenkbare Laufmaschine und auch die lenkbare Laufmaschine von Carl Drais mit dem von Philipp Moritz Fischer eingebauten Tretkurbelantrieb nachgebaut. Die Exponate stehen für den Traum des Menschen, schneller als das Pferd zu sein – und weil der Industrie nichts einfalle, sitze der Radler noch heute so und nicht anders im Sattel, sagt Popp.

Falscher Antrieb, falsche Schaltung

Starr sei der Markt auch auf den Antrieb per Kette fixiert – seit der Erfindung des Niederrades durch John Kemp Starley (1888). Auch das Aufsitzen und Verlassen des Sattels erfolge noch beim Rollen. Das Rad sei damit das letzte Verkehrsmittel, auf dem man nicht im Stillstand Platz nehmen kann, so Popp.

Die zweite Abteilung der Schau macht den Besucher mit dem während der Fahrt und im Stand höhenverstellbaren Sattel bekannt und zeigt weitere Entwicklungen des Tüftlers: Die Zentrallenkung, die Platz über dem Vorderrad für Gepäck zwischen den Lenkhörnern schuf, wodurch das Rad stabilisiert wird, der weit ausladende Zweibeinständer, eine Solarlichtanlage oder etwa die einseitige Radaufhängung (wie beim Auto), die die Reparatur extrem erleichtert.

Im Jahr 1995 stellte Popp den Kettenantrieb in Frage. Bei seinen Überlegungen für einen modernen und wartungsfreien Antrieb bezog er Betrachtungen über eine motorische Unterstützung ein. Und: Bei Popp reifte die Erkenntnis, dass die Kettenschaltung ungenügend (Schulnote 6) und keine Option für die Zukunft sei. Noch im gleichen Jahr wurde von ihm für an Morbus Bechterew Erkrankte ein Dreirad mit Muskelantrieb und elektrischer Unterstützung und Hinterradlenkung (wie etwa bei extrem beweglichen Gabelstaplern) entwickelt.

Der barrierefreie Aufstieg

In den folgenden Jahren entstanden Funktionsmodelle mit Gepäcktransport über dem Vorderrad (bis 25 Kilogramm) und während der Fahrt verstellbarer Sattelhöhe, die Popp selbst – etwa auf einer Tour nach Passau – erprobte.

Im neuen Jahrtausend präsentierte der Ingenieur „Das erste Fahrrad der Welt mit freiem Eingang“. Der Rohr-Rahmen läuft bei diesem Rad vom Tretlager aus hoch hinter den Sattel und um den Fahrer herum zum Lenker. Das Übersteigen des Rahmens entfällt. Die verstellbare Sattelstütze perfektioniert die Benutzerfreundlichkeit. Weitere Prototypen entstanden, darunter das Sesselrad (zwei Räder an der Hinterachse) und das Parallel-Tandem und ein vierrädriges Lastenfahrrad – alle mit freiem Einstieg und ohne Übersteigen des Rahmens. 2010 schuf der Erfinder Popp zwei barrierefreie Solar-Pedelecs, deren Batterien mit einer Solaranlage (etwa auf einem Wohnmobil) aufzuladen sind.

Heute tritt der 84-Jährige, der das Ende der Produktion der Sachsnabe (durch SRAM) beklagt, motorunterstützt in die Pedale. Zum Einsatz kommt dabei das Impulse Ergo Projekt des Fahrradbauers Kalkhoff, bei dem die Motorunterstützung per Herzfrequenz (über ein Brustband) in der stufenlosen Automatik-Nabenschaltung gesteuert wird.

Herzfrequenz steuert Automatikgetriebe

Ein Rad mit Elektrounterstützung, mit Automatikgetriebe (sieben bis neun Gänge), mit dem um den Oberkörper gebogenen Rahmen, der Zentrallenkung sowie der einseitigen Laufradmontage, mit nur über einen Hebel zu bedienenden Scheibenbremsen vorne und hinten, mit der Sattelstütze, die sich bei der Anfahrt und beim Anhalten absenken und heben lässt und mit stabilen zweibeinigem Fahrradständer ist für Popp das Fahrrad der Zukunft im City- und Tourenbereich, für das er bereits Gepäcksysteme (insbesondere über dem Vorderrad) entwickelt hat.

Interessierte können sich die Schau nach Absprache (unter Tel. (09721) 81 21 8) ab sofort ansehen.

Mit der Laufmaschine von Drais (Nachbau Hermann Popp) begann die Entwicklung des Fahrrads. Foto: Gerd Landgraf
Hermann Popp hat Platz genommen im barrierefreien Fahrrad. Foto: Gerd Landgraf
25 Jahre alternative Fahrradtechnik sind in der Schau des Tüftlers zu bestaunen. Foto: Gerd Landgraf

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