Über Gestapo-Unterlagen erstaunt

Schweinfurt Um ihr Kind vor den Nationalsozialisten zu retten, haben die Eltern ihren damals 16-jährigen Sohn 1936 nach England geschickt. Aus dem in Schweinfurt geborenen Juden Karl-Heinz Marx ist der Amerikaner Charlie D. Marks geworden. Der sympathische 83-Jährige besuchte dieser Tage seine Heimatstadt.
Und das hat "viele Gründe", sagt der 83-Jährige. Er sagt das in einem einwandfreien Deutsch. Nur ab und zu rutscht Marks in ein englisches Wort ab, verbessert sich sofort wieder. Die Familiengeschichte beschäftigte Marks einmal mehr. Die heute in der Rhön lebende Schweinfurterin Elisabeth Böhrer hat die fast vollständige Datensammlung über seine Familien zusammengestellt. Seit Jahren trägt sie Materialen und Fakten über die Schweinfurter jüdischen Familien zusammen, stellt Kontakte zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen überall auf der Welt her.

Charlie Marks hat viel erlebt. Zum ersten Mal aber sieht er Aufzeichnungen der Gestapo. Erschüttert ist er nicht, er ist "erstaunt". Er sieht sich mit Fotos seines Vaters Sigmund konfrontiert, Bilder, die den Vater zeigen, "als wäre er ein Mörder gewesen".

Die vielen anderen Unterlagen über die Familie, die Marks jetzt in Händen hat, zeigen das Gegenteil. Die 1874 von Großvater Marcus Marx gegründete Weinhandlung Marx war ein renommiertes Unternehmen. Böhrer hat ermittelt, dass die Weinhandlung 1892 von allen jüdischen Unternehmen die meisten Steuern zu zahlen hatte. Eine Visitenkarte beweist, dass der in der Rückertstraße angesiedelte Betrieb Königlich Bayerischer Hoflieferant und Hoflieferant der Königlichen Hoheit des Kronprinzen von Schweden war. Bis ins das 17. Jahrhundert reicht der Stammbaum zurück.

Die Eltern von Charlie Marks , Sigmund und Lili, konnten Schweinfurt "in allerletzter Minute" im Jahr 1940 verlassen, sagt Charlie . Böhrer relativiert das. Für die Eltern Marks war 1940 sicher die letzte Minute. Die letzten Schweinfurter Juden gingen allerdings Ende August 1941. Am 23. Oktober 1941 herrschte im ganzen Reich Emigrationsverbot, "raus konnte da keiner mehr".

Die Eltern entkommen den Nazis über Italien und landen in Amerika, mittellos. Für die Söhne Karl-Heinz, dem späteren Charlie, und dem 2001 im Alter von 79 Jahren gestorbenen Gerhard, der sich in Amerika Gerry nannte, hieß das: Abschied nehmen, England Adieu sagen, zu den Eltern in die USA.

Wenn es auch verwundern mag: Die Entscheidung, England zu verlassen, "ist mir schwer gefallen", sagt Charlie Marks heute. Das hatte vor allem mit den Freunden zu tun. Darunter: Gerhard Wolf. Er war Jude wie Marks, Sohn eines Seifenfabrikanten aus Schlüchtern, der sein Kind ebenfalls verschickt hatte. Nach seinem Schweinfurt-Aufenthalt sollte die hessische Stadt letzte Station vor seiner Rückkehr sein.

Da erfuhr Charlie Marx vom plötzlichen Tod des 84-jährigen Freundes. Tieftraurig habe ihn diese Nachricht gemacht, sagt er. Mehr nicht.

Zuvor gab es einen Abstecher nach Würzburg. Böhrer hat ihm dort einen Weinberg gezeigte, der früher dem Vater gehörte. Charlie wusste davon nichts. Zurück in Schweinfurt. Die Heimatstadt sieht Charlie Marks heute von zwei Seiten: hier die moderne Stadt, die auf ihn einen "reinlichen, ruhigen Eindruck", macht. Das schreibt er auch der Fußgängerzone zu. Und dort die alten Gebäude, wie das Rathaus oder Zeughaus. Die kennt er noch, da ist er als Bub oft vorbeigelaufen.

Kurz vor seiner Abreise nach Boston in den USA begegnete Charlie Marx noch der heute in Spanien lebenden Künstlerin Margarita Calvary, die er als Gretl Silberstein kennt. Man hat sich hier bei einem Glas Wein getroffen, sich der alten, ja leider nicht so guten Zeiten erinnert.

Das Gespräch im Zeughaus neigt sich dem Ende entgegen, aber Charlie D. Marks hat noch etwas zu sagen, eine süße Geschichte. Die junge, damals erst dreizehnjährige Gretl Silberstein habe er sehr gemocht, beichtet er. Charlie Marks verrät, dass er ihre Hand einmal ganz fest gehalten gehalten habe. Das haben die beiden jetzt wiederholt.

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