SCHWEINFURT

Über die Verführbarkeit von jungen Menschen

Mit dem Leben seiner Eltern im Dritten Reich setzt sich der Roman „Und dann will ich dein sein“ von Bernhard Gehringer auseinander. Foto: FOTO Laszlo Ruppert

(kör) Als wir ihn im Januar 2005 erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellten, da hatte er das Thema schon im Visier. Bis zum Sommer dieses Jahres sollte es dauern, bis „Und dann will ich dein sein“ als Buch erschien. Schon diese lange Schaffensphase sagt einiges über den Autor Bernhard Gehringer aus, der als Seminarlehrer für Deutsch am Olympia-Morata-Gymnasium arbeitet und zum Schreiben nur an den Wochenenden und in den Ferien kommt.

So sind innerhalb von zehn Jahren fünf Bücher im Eigenverlag erschienen, die zunächst nur im Freundeskreis kursierten, inzwischen aber auch im Buchhandel erhältlich sind. Gehringers anfängliche Zurückhaltung erklärt sich daraus, dass seine Arbeiten stark von persönlichem Erleben geprägt sind. So setzte er sich in seinem Erstling „Forget Anna“ mit dem Ende einer langen Beziehung auseinander. Es folgte „Lendenwirbel“. Die Auseinandersetzung mit dem Vater, der in Gehringers Heimatstadt eine Größe war, der die Familie autoritär führte, was zu den klassischen Vater-Sohn-Spannungen führte. Mit seinem Buch versuchte er sowohl dem Vater wie dem Sohn gerecht zu werden.

Mit seinem neuen Roman geht der heute 60-jährige Autor in die Zeit zurück, in der sich Mutter und Vater bei Hitler-Jugend und BDM im Alter von 15 und 18 Jahren kennenlernen. „Zwei sehr idealistische junge Menschen“, sagt Gehringer. Er ging zur Waffen-SS, sie richtete ihr ganzes Leben nach ihm aus.

Der Autor hat im Rotenburger Archiv recherchiert, Zeitungsausschnitte, Tagebücher, Briefe und Fotos der Familie ausgewertet und kann so, durch Quellen gesichert, Geschichte mit dichter Atmosphäre lebendig werden lassen. Gleichzeitig gibt er seiner Fantasie freien Lauf, setzt sein literarisches Handwerkszeug virtuos ein.

Das Buch fängt stark an, wenn der Sohn Abschied von der dementen Mutter nimmt, sie zum letzten Mal im Pflegeheim in Werneck berührt. Da wird eine ungeheuere erzählerische Kraft spürbar, die jedoch über 180 Seiten einfach nicht durchzuhalten ist. Gehringer hat literarische Seminare besucht, sich literarischen Gruppen angeschlossen, stellt sich der Kritik von Dozenten und Literaturfreunden. So kennt er das Schreiben nicht nur aus der Praxis, sondern weiß auch um die Theorie. Und dies lässt ihn spielen, ausprobieren. Beispielsweise indem er immer wieder die Erzählperspektive oder den Erzählstil, den sprachlichen Ausdruck variiert.

Gehringer weiß, dass sein Buch nicht unumstritten sein wird. Geht es doch um die Verführbarkeit von jungen Menschen durch Gesellschaft und Politik. Er verzichtet jedoch darauf, den Zeigefinger zu heben, will verstehen, ohne zu entschuldigen. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir alle nicht wissen, wie wir uns selbst in einer konkreten Situation verhalten hätten.

Bernhard Gehringer: Und dann will ich dein sein. Eine Spurensuche. Roman. Eigenverlag, 185 Seiten,19,80 Euro, erhältlich in der Buchhandlung Vogel.

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