SCHWEINFURT

Unberechenbare Orte

Der Kopf und der Fisch (Tuscania), 1993, Beize, Öl, Leimfarbe.
Der Kopf und der Fisch (Tuscania), 1993, Beize, Öl, Leimfarbe. Foto: FOTO Lehnert

Seit 25 Jahren begibt sich Volker Lehnert auf Reisen – immer auf der Suche nach spannenden neuen Orten oder nach solchen, die ihm vertraut und sehr wichtig sind. Bomarzo ist ein solcher, der „Park der Monster“ in Mittelitalien, mit seinen absonderlichen, in Fels gehauenen Skulpturen aus dem 16. Jahrhundert. Mehrmals hat Volker Lehnert ihn besucht, im Gepäck Zeichenblock und Stifte, um tagelang vor beziehungsweise in der Natur zu zeichnen – wie die Alten.

Was später im Atelier daraus entsteht, hat allerdings nur wenig mit traditioneller Zeichnung oder Malerei zu tun. Mit zeitlichem und räumlichem Abstand schafft Lehnert aus dem Gezeichneten, Gehörten und Erlebten Neues: „fremde. orte“, wie 2001 bei Ausstellungen in Saarbrücken und Albstadt zu sehen oder „Unberechenbare Orte“, so der Titel seiner Ausstellung in der Sparkassengalerie ab Ende Januar.

Der 1956 in Saarbrücken geborene Künstler braucht die authentische Wirklichkeitserfahrung. Die jüngere Generation, sagt er, würde die Gegenwart fast nur noch medial vermittelt erleben. Das sieht er bei seinen Studenten an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, wo er seit 2000 eine Professur hat. Ihn selbst interessieren allenfalls andere Zeichensprachen, wie im Comic oder in Kinderzeichnungen. Deren Codes fließen in seine Bilder mit ein. So entstehen Werke, die Lehnert selbst als hybrid bezeichnet, in denen er die beiden Erfahrungsebenen gegenüberstellt.

Auch wenn der Mensch in seinen vielschichtigen Zeichnungen und Bildern durchaus auftaucht, vor Ort interessiert er nicht, wird er weitgehend ausgeklammert. Was Lehnert auf seinen Reisen reizt, ist zum einen die Topografie eines Ortes, zum zweiten seine kulturelle Vergangenheit und deren Kontinuität, beziehungsweise deren Veränderung. So hat er beispielsweise fast alle barocken Parks in Europa aufgesucht. Tage- manchmal wochenlang recherchiert er an einem Platz, spürt er dem nach, was er „Brüche“ nennt.

Manche sind ihm so fremd und unbegreiflich, dass seine Zeichnungen erst einmal sehr realistisch sind, bis ihm der Ort schließlich vertrauter wird. Sein zeichnerisches Repertoire reicht von naturalistisch bis völlig abstrakt. Der Berg von Skizzen, geordnet in Mappen, ist sein Ausgangsmaterial, sein Archiv für die Arbeit im Atelier. Lehnert arbeitet auf Papier oder Leinwand, in Mischtechnik, oft in Zyklen. Die erste Setzung ist immer eine Zeichnung, die im zweiten Schritt ganz oder teilweise von Farbe überdeckt wird, meist lasierend, so dass am Ende der gesamte Prozess sichtbar bleibt. Ein Prozess, in dem er sich nach längerer Reflexion noch einmal mit seinen Erfahrungen in der Wirklichkeit auseinandersetzt.

Es gibt Arbeiten, in denen der Betrachter seine Orte quasi topografisch lesen kann, für andere hat er eine eigene poetische Bildsprache entwickelt, die sich weit von der Realität entfernt. Heute interessieren den 52-Jährigen nicht mehr nur die Schauplätze der europäischen Kulturgeschichte, sondern auch Orte unserer Zeit, an denen „Brüche“ spürbar sind, Schrottplätze beispielsweise.

Volker Lehnert, „Unberechenbare Orte – Zeichnungen und Bilder“, Sparkassengalerie. Eröffnung 27. Januar, 19 Uhr, zu sehen bis 27.März.

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