GELDERSHEIM

Unter dem Turm: Die vergessene Krypta

Eine Besonderheit ist dieser alte Gottesdienstraum unter dem Turm der Geldersheimer Kirche. Er müsste dringend saniert werden, meint Alfred Popp. Foto: Ursula Lux

(ul) Eine Seltenheit in Franken gibt es am kommenden Sonntag, dem Tag des offenen Denkmals, zu bestaunen. Unter dem Turm der katholischen Kirche in Geldersheim liegt eine kleine Krypta. Enge Stufen führen zu dem Raum, der früher wohl einmal der erste Gottesdienstraum dieser „Urpfarrei“ Frankens war. Die Krypta stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Früher, so berichtet Alfred Popp, soll rund um die erste Kirche, die vermutlich im achten Jahrhundert an gleicher Stelle stand, ein Frauenkloster gewesen sein. Die Gadenhäuser entstanden erst danach. Die sogenannte Krypta, in der aber nie jemand beerdigt wurde, war früher bunt bemalt, einige Spuren sind noch zu erkennen. Eine Renovierung, so Popp, wäre dringend erforderlich, aber es fehlten wie immer und überall das Geld.

Doch die Krypta ist nicht die einzige Besonderheit des katholischen Gotteshauses. Geldersheim war immer ein großes und wohlhabendes Dorf und dem entspricht auch die Ausstattung der Kirche. Spenden und Stiftungen verliehen ihr durch die Jahrhunderte ein besonderes Gesicht. Popp versteht es, dieses anhand vieler Geschichten und Episoden lebendig werden zu lassen.

Da ist beispielsweise die Deckenbemalung über dem Altarraum, die die 14 Nothelfer zeigt. Sie ist einem Wunder zu verdanken: Die Leiche eines gewissen Andreas Weiß, verstorben in Geldersheim, wurde von seinen Angehörigen mit auf die Wallfahrt nach Vierzehnheiligen genommen. In der dortigen Wallfahrtskirche erwachte der Verstorbene angeblich wieder zu neuem Leben und spendete dieses Deckengemälde. Von 1680 bis 1803 wallten die Geldersheimer nach Vierzehnheiligen. 1768 sollen sich 1200 Pilger auf diesen Weg gemacht haben, und das bei einer Einwohnerzahl von nur 1000 Menschen im Ort. Ein Zeichen für den weiten Einzugsbereich der Pfarrei, zu der die Gemeinden Euerbach, Kronungen, Kützberg, Nieder- und Oberwerrn, Obbach, Sömmersdorf und zeitweise sogar Schweinfurt gehörten.

Bis 1910 läutete die Wein- oder Männerglocke. Sie rief die Herren der Schöpfung im Sommer um 21 Uhr und im Winter um 20 Uhr vom Wirtshaustisch weg nach Hause. Wer das Glockenzeichen nicht ernst nahm, musste Strafe zahlen: einen Gulden für den Wirt und einen ans Dorfgericht. Die Glocken erzählen auch Kriegsgeschichte. 1917 und 1943 wurden sie eingeschmolzen und erst seit 1959 gibt es wieder Glockengeläut.

Das Deckengemälde des Kirchenschiffs malte Peter Hermann im Jahr 1764 im Rahmen einer großen Renovierungsmaßnahme. Der Geldersheimer Simon Helmuth hat dies damals mit reichlich Stuckornamenten versehen. In einer Sturmnacht 2004 „ist der heilige Gregor runtergefallen“, erinnert sich Popp. Das Gemälde stürzte ab und musste in mühevoller Kleinarbeit wiederhergestellt werden, mit ihm wurde die gesamte Decke stabilisiert. Eine Million Euro kostete das Unterfangen, wovon die Kirchengemeinde einen Großteil selbst aufbrachte.

Früher hatte die Kirche auch zwei Emporen. Popp erzählt: „Da mussten ja noch alle in die Kirche gehen, auch die Jugendlichen. Auf der zweiten Empore wurde dann meistens geschlafen oder Schafkopf gekartet.“ Vielleicht war das ja ein Grund dafür, dass die Pfarrer früher von der Kanzel aus predigten, denn von dort aus hatten sie freie Sicht auf die Emporen und oft hat ein Schlag auf die Kanzel die Schläfer geweckt oder die Kartenspieler unterbrochen.

Führungen: Alfred Popp weiß nicht nur die Geschichten, sondern auch viel über die Geschichte der Geldersheimer Kirche. Am kommenden Sonntag bietet er um 14 und 16 Uhr Führungen durch und rund ums Gotteshaus an.

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