KUNSTSALONG

Unter der Oberfläche

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Rainer Schmelzeisen ist Rockfan. Als Alabama 3, eine seiner Lieblingsbands, in Manchester auftrat, wo er zu einem Kongress angemeldet war, reiste er extra einen Tag früher an, um ins Konzert zu gehen. In der Pause stand er neben einem aufgedonnerten Punk, der langsam den Kopf zu ihm drehte und sagte: „Wie siehst du denn aus?“

Rainer Schmelzeisen ist 58, Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Freiburg, Professor, Lehrstuhlinhaber. Und Künstler. Die Geschichte mit dem Punk erzählt er mit großem Vergnügen. Vielleicht, weil sie so viel über seine Lust aussagt, sich in unterschiedlichen Welten zu bewegen – geografisch, kulturell und ethnisch unterschiedlichen Welten. Und über seine Fähigkeit, Schnittpunkte, Überlagerungen, Gegensätze dieser Welten in seiner Kunst festzuhalten.

Unter dem Titel „Trümmer des Südens“ ist diese Kunst ab 3. Juli im Kunstsalong des Kunstvereins in der Kunsthalle zu sehen. Rainer Schmelzeisen macht Lichtkunst. Seine Objekte sind hinterleuchtete Bilder, mal einschichtig, mal mehrschichtig. Das heißt, mehrschichtig sind sie im übertragenen Sinne immer, manche sind sie es auch im wörtlichen: Rainer Schmelzeisen macht Lenticularbilder – nicht unähnlich den vor allem in den 1960er Jahren beliebten Postkarten, die durch Kippen ihr Motiv veränderten oder einen 3D-Effekt bekamen.

Die oft großformatigen Bilder kann man freilich nicht kippen. Wer den Effekt erleben will, muss sich selbst bewegen. Stefan Muffert, der mit seiner Frau Iris die Ausstellung kuratiert, spricht deshalb in seinem Vorwort zum Katalog von „kinetischen Kunstwerken“. Die Informationen von bis zu drei übereinandergelegten Motiven sind in einer transparenten Lenticularfolie festgehalten, die in einer Spezialdruckerei hergestellt wird. Der Künstler legt fest, wie viel Prozent der gesamten Bildinformation jedes Motiv belegen soll.

In der Arbeit „Avoid Eye Contact“ hat Schmelzeisen das Porträt einer berückend schönen Frau und den Kopf einer antiken Aphrodite übereinandergelegt. Je nach Standpunkt sieht der Betrachter lebendige Haut und leuchtende Augen oder kalten, beschädigten Stein, der dennoch große Harmonie ausstrahlt. Wasser, das jahrhundertelang über die kupfernen Augenbrauen der Statue gelaufen ist, hat dunkle Spuren hinterlassen, die wie Tränenströme wirken. Tränen, die eben auch die der jungen, lebendigen Frau sein könnten.

Der Titel der Arbeit ist wiederum typisch für Rainer Schmelzeisens Humor: „Augenkontakt vermeiden“ spielt nicht etwa auf den Basiliskenblick an (obwohl man sich in den Augen beider Schönheiten durchaus verlieren könnte), sondern auf die Warnung, die man auf Shampoo-Flaschen findet. Eine nächtliche Unterführung in Boston trägt den Titel „Styx“, womit diesmal keine Rockband, sondern der mythologische Totenfluss gemeint ist – wer genau hinschaut, erkennt auf dem Asphalt den Schriftzug „Do not cross“. Keine schlechte Empfehlung für alle, die am Ufer des Styx stehen.

Es sind oft Versatzstücke der zeitgenössischen Konsum- und Kommunikationskultur, in denen Rainer Schmelzeisen tieferschichtige Bedeutungen und nicht selten Indizien der Vergänglichkeit findet. Manchmal aber fasziniert ihn nur eine Farbe, ein Schriftzug, ein Wort. Name und Logo der japanischen Karaoke-Kette „Joysound“ etwa. Ein grünes amerikanisches Taxi, das er mit einem venezianischen Straßennamen hinterlegt: „Ponte agli Incurabili“ – Brücke der Unheilbaren. „Das hängt in meinem Büro“, grinst Schmelzeisen. Und fügt hinzu: „Da kommen aber keine Patienten hin.“

Dass er Chirurg ist und somit berufsmäßig unter Oberflächen und hinter Fassaden blickt, auch das schlägt sich nieder. Im Computertomogramm eines – tödlichen – Schädelbasisbruchs etwa, in dem er die Fraktur grün markiert hat.

Oder in einer klassischen Filmszene: der Dauergangster Edward G. Robinson mit angeschossenem Arm in „Scarface“ von 1932, darunter das Röntgenbild eines Oberarmknochens mit genau dieser Fraktur.

„Trümmer des Südens“ – Lichtkunst von Rainer Schmelzeisen. Kunstsalong in der Kunsthalle, 3. bis 31. Juli. Eröffnung am Sonntag, 3. Juli, 11 Uhr – der Künstler im Gespräch mit Mathias Wiedemann.

Rainer Schmelzeisen vor der Arbeit „Styx“ – auf dem Asphalt stehen die Worte „Do not cross“.
Rainer Schmelzeisen vor der Arbeit „Styx“ – auf dem Asphalt stehen die Worte „Do not cross“. Foto: Mathias Wiedemann

Rückblick

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