GRETTSTADT

Verschollenen Brief nach 70 Jahren entdeckt

Zeitzeugen berichten: Gerhardt Jung, Rita Eschenauer und Maria Kraus erzählten aus ihren Kinder- und Jugendtagen in den Kriegsjahren. Der Vortrag von Kreisheimatpfleger Stefan Menz (Mitte) zu den Einmarschberichten, die die Ortspfarrer der Diözese nach Ende des Zweiten Weltkrieges an den damaligen Bischof Ehrenfried schicken sollten, fand so großes Interesse, dass noch zahlreiche Stühle herangeschafft werden mussten, was die Kapazität des Grettschter Bürgersaals an seine Grenzen kommen ließ. Bürgermeister Ewald Vögler moderierte den Abend. Luisa Bätz von der örtlichen Jugendrotkreuzgruppe las aus dem Tagebuch vom April 1945 der Zeitzeugin Rita Eschenauer. Foto: Ruth Volz

Die Feierlichkeiten zum 425. Geburtstag des Grettstädter Rathauses beinhalteten auch einen Vortrag von Kreisheimatpfleger Stefan Menz, der einen Bericht zum Kriegsende 1945 des früheren Ortspfarrers Karl Spieler in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. Die Geschehnisse vor rund 70 Jahren interessierten so viele Zuhörer, dass der Bürgersaal proppenvoll war und sogar noch Stühle herbeigeschafft werden mussten.

In seinem Vortrag beleuchtete Menz die Gesamtsituation im Landkreis Schweinfurt im April 1945, als die Dritte Division der US-Armee unter dem berühmt-berüchtigten General Patton einmarschierte und immer weiter in Richtung Schweinfurt vordrang. Schweinfurt wurde am 11. April von den Amerikanern besetzt, Grettstadt nach schwerem Beschuss einen Tag später. Trotz des intensiven Beschusses sind damals aber kaum Gebäude zerstört worden.

Als Glücksfall für die Dorfgeschichte bezeichnete Menz die Heimatchronik, die Pfarrer Karl Spieler, der von 1935 bis 1946 in Grettstadt wirkte, in seinem Ruhestand niedergeschrieben hatte. Das handschriftliche Buch überreichte der Kirchenhistoriker und Mitbegründer des Würzburger Vereins für Diözesangeschichte Ende Dezember 1961 der Gemeinde. Bereits im Januar 1962 würdigte man damals seine Verdienste mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

Drei Wochen nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der Würzburger Bischof Ehrenfried alle Seelsorger seiner Diözese aufgefordert, die Ereignisse rund um das Kriegsende 1945 zu dokumentieren. 141 solcher Vorortberichte sind beim Bischof angekommen und befinden sich heute im Diözesanarchiv.

Der Brief von Pfarrer Karl Spieler aus Grettstadt kam aber offensichtlich nie in Würzburg an. Im Chaos der Nachkriegswirren sei er möglicherweise auf dem Postweg verschollen, sagte Menz. Pfarrer Spieler hat aber eine Kopie seines Briefes in seiner Heimatchronik niedergeschrieben. Diesen Brief entdeckte Ruth Volz beim Studium des Heimatbuches für den historischen Arbeitskreis. Er stelle einen außerordentlichen Fund für die Diözesangeschichte dar, hob Menz hervor.

Eindrucksvoll schildert der Pfarrer die Vorkommnisse während der Kriegsjahre. Den Bericht aus Grettstadt hat der Kreisheimatpfleger zwischenzeitlich ans Würzburger Archiv übermittelt. Er fand damit nach 70 Jahren doch noch den Weg zum Bischof und auch die Zuhörer im Bürgersaal lauschten gespannt dem Bericht ihres einstigen Pfarrers, den Stefan Menz als Abschluss seines Vortrages vorlas. Er endet mit folgenden Worten:

„Am Donnerstag den 12.4.1945, liegt von Mitternacht bis gegen Morgen Grettstadt unter schwerem Beschuss der feindlichen Panzer sowie deutscher Geschütze. Nennenswerter Schaden entstand jedoch nicht, denn die Geschosse explodieren meist in den angrenzenden Fluren. Früh nach 6 Uhr rollen die ersten USA-Panzer in Grettstadt ein. Das Dorf wird nicht verteidigt. Die Panzersperren waren nicht geschlossen! Die Amerikaner durchsuchten sofort alle Gebäude nach deutschen Soldaten und ließen auf allen Häusern weiße Fahnen hissen.

Nachdem die Besetzung erfolgt war, wurde das Donnerstags-Engelamt abgehalten, an dem sich die Pfarrgemeinde sehr zahlreich beteiligte, Gott von Herzen dankend, dass alles so gut für unser Dorf abgelaufen ist – am Schluss des Gottesdienstes erbat sich ein amerikanischer Soldat die heilige Kommunion.“

Die Zeitdokumente wurden in einem „Geschichtsblatt der Gemeinde Grettstadt“ zusammengefasst. Die Druckausgabe war bei der Veranstaltung stark nachgefragt. Darin aufgenommen werden konnten auch Nachforschungen des Gerolzhöfer Historikers Norbert Vollmann. Er hat die Geschichte der Bomberabstürze recherchiert und konnte Details über den Absturz des amerikanischen Bombers zwischen Grettstadt und Sulzheim in Erfahrung bringen. Speziell dazu ist ein weiterer Vortrag in Vorbereitung.

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