SCHWEINFURT

Viele Flüchtlinge suchen Wohnraum

Auch diese syrische Familie mit Vater Ahmaad Youssef, Frau Mortazowi Nasrin und den Kindern Mohammed (4) und Sina (2) hat bei Udo Wachter von der Wohnungsbörse der Diakonie vorgesprochen. Foto: Hannes Helferich

Rund 1200 anerkannte Flüchtlinge wollen in Schweinfurt bleiben. Für viele von ihnen war die Erstaufnahmeeinrichtung die erste Station in Deutschland. Sie kennen sich ein wenig aus in der Stadt, deshalb die Entscheidung für Schweinfurt. Aber: Diese Einzelpersonen und Familien finden nur schwer eine Wohnung. Die von der Diakonie eingerichtete Wohnungsbörse ist ein hilfreiches Instrument.

Sprechstunde im Mehrgenerationenhaus

Ehrenamtliche um Udo Wachter haben im neuen Mehrgenerationenhaus am Martin-Luther-Platz jeden Montag (15 bis 17 Uhr) Sprechstunde. Im Wartebereich vor dem Raum im ersten Stock warten viele Flüchtlinge sehr diszipliniert, bis sie aufgerufen werden. Alle haben ein gemeinsames Problem: Sie suchen eine Wohnung.

Die Wohnungsbörse formte sich im April 2016 in den Conn Barracks, wo bis heute Flüchtlinge leben. Udo Wachter, der langjährige Kreishandwerksmeister, wollte helfen und meldete sich. Seit dem 1. April 2017 mit Öffnung des Mehrgenerationenhauses ist man nun in der Innenstadt präsent und ansprechbar. Dem kleinen ehrenamtlichen, sehr engagierten Team gehören außerdem Hilde Gather, Christina Krämer-Siegmann, Gudrun Vay, Erwin Hofmann und Werner Datzer an.

Anfragen haben auch die Wohnungsbaugesellschaften, doch die Kapazitäten sind begrenzt

Wenn die Vermittler Klinken putzen gehen müssen

Um Wohnungen zu finden, werden alle nur denkbaren Kanäle „bespielt“. Das Internet wird ausgewertet, der Anzeigenteil der Zeitung oder Werbeblätter werden durchsucht. Die Wohnungsbörse inseriert auch selbst, ruft beispielsweise im Groschenheft dazu auf, leere Wohnungen für Flüchtlinge zu melden. Natürlich gehört auch persönliche Akquise dazu, Klinken putzen kann man sagen. Die Erfolge sind „sehr unterschiedlich“, sagt Wachter.

Das Gros der Wohnungsuchenden sind Syrer, gefolgt von Flüchtlingen aus Afghanistan und dem Irak. Einige haben alleine oder durch andere Vermittler vier Wände gefunden.

Auf rund 500 schätzt Wachter die Zahl derer, die noch suchen. „Seine Wohnungsbörse“ hat bisher rund 130 Personen in 35 Wohnungen untergebracht. Das mag auf den ersten Blick wenig sein, ist es aber nicht, auch wegen der vielen Hürden, die im Weg liegen.

Viele wollen nicht an Flüchtlinge vermieten

Viele Wohnungsinhaber sind schlichtweg nicht bereit, an Flüchtlinge zu vermieten, schildert und bedauert Wachter. Ein Hindernis ist die Anzahl der Personen in einer Familie, die mitunter vier, fünf und mehr Köpfe zählt.

Auf dem Land haben die Wohnungssucher der Diakonie bessere Erfahrungen gemacht. Aber: Besonders in weiterer Entfernung seien wiederum die Wohnungen weniger gefragt. Wachter zeigt dafür nur bedingt Verständnis. „Die Mobilität ist natürlich ein Problem, aber auch in Greßthal oder Forst gibt es einen Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten“, meint er.

Für viele Flüchtlinge ist der Bus oder das Fahrrad das einzige Fortbewegungsmittel, sie setzten deshalb auf eine Wohnung in Stadtnähe. Und das sei nicht einfach, weil das auch für andere Gruppen gilt.

Wachter hat auch schon die bedauerliche Erfahrung gemacht, dass Vermieter den Flüchtlingen Verträge vorlegen, in denen „vieles drinsteht, was einfach nicht erlaubt ist“. Er spricht von Knebelverträgen.

Vereinzelt würden auch Wohnungen in einem undiskutablen Zustand angeboten. „Da lernt man die Gesellschaft kennen“, sagt Wachter kopfschüttelnd.

Der ehrenamtliche Helfer redet während des Gesprächs mit dem Reporter ohnehin nie um den heißen Brei herum. Er zeigt ganz offen kein Verständnis dafür, dass Afghanistan als sicheres Land bezeichnet wird und Menschen, die von dort unter Lebensgefahr geflohen sind, wieder dorthin abgeschoben werden.

Er weiß, dass es auch unter den Flüchtlingen schwarze Schafe gibt. Wer einen solchen Mieter erwische, hat Pech gehabt. Aber das „kann einem auch mit einem deutschen Mieter passieren“.

Andererseits hat Wachter größtes Verständnis, dass die Flüchtlingsfamilien aus den oft beengten Wohnverhältnissen einer Asylunterkunft rauswollen.

Zehn neue Suchende an einem Tag

An diesem Montag im Beisein der Redaktion werden zehn neue Wohnungssuchende registriert. Etwa diese syrische Familie: Vater Ahmaad Youssef, seine Frau Mortazowi Nasrin und die Kinder Mohammed (4) und Sina (2) sind vor anderthalb Jahren geflüchtet. Zwei Zimmer würden genügen. Wachter notiert alles, man verständigt sich in Englisch, oft sind auch hilfreiche Dolmetscher dabei.

Die Diakonie sucht für ihr neues Projekt „Wohn-Integrations-Patenschaften“ aktuell engagierte Menschen. Schon zwei Stunden Engagement pro Woche genügten, um Flüchtlinge in und um Schweinfurt bei ihren ersten wichtigen Schritten der Integration zu begleiten. Zum Beispiel die Formalitäten beim Umzug, richtiges Heizen und Lüften oder die Mülltrennung erklären.

Wer mithelfen will und Fragen hat: Tel. (0 97 21) 2087-102 oder 01 51/ 27 16 90 74 oder Email: ea@diakonie-schweinfurt.de

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