GEROLZHOFEN

Viele höher gruppierte Beamte zogen weg

Einst Bürgermeister einer „entamteten“ Stadt: Hartmut Bräuer an der von ihm gestifteten Stele mit den Partnerstädten Gerolzhofens.

An der Wand des behaglich eingerichteten Arbeitszimmers hängt eine überdimensionale Urkunde, die ihn als Altbürgermeister der Stadt Gerolzhofen ausweist. Gleich daneben ein kleines Bild von Willy Brandt, das der Altbundeskanzler persönlich signiert hat. Damit ist schon viel gesagt über den Mann, der die politischen Geschicke von Gerolzhofen exakt seit dem Jahr mitbestimmt hat, seit dem Gerolzhofen keine Kreisstadt mehr ist.

1972 trat Hartmut Bräuer erstmals als Stadtratskandidat der SPD an. Mit 666 Stimmen reichte es auf Anhieb zwar „nur“ für den zweiten Nachrückerplatz bei den Sozialdemokraten. Doch bald wurde der junge Rechtspfleger, der am Amtsgericht Gerolzhofen beschäftigt war, gebraucht. Leopold Holzer und Gunter Oppelt schieden aus, Bräuer saß im Stadtrat.

Da war Gerolzhofen schon keine Kreisstadt mehr. Aber Bräuer gehört zu den wenigen Kommunalpolitikern, die die unmittelbaren Auswirkungen der Gebietsreform aus kürzestem Abstand erlebten.

„Gerolzhofen ist nach der Gebietsreform eine entamtete Stadt.“ Diesen Satz des damaligen Bürgermeisters Franz Kreppel hat Hartmut Bräuer noch gut im Ohr. „Das hat den Nagel auf den Kopf getroffen“, sagt er heute.

Auch an seinem Arbeitsplatz hat er die Folgen der Gebietsreform rasch zu spüren bekommen. Das Amtsgericht Gerolzhofen war seit dem 1. Juli 1973 nur noch eine Zweigstelle des Amtsgerichts Schweinfurt und befasste sich auch nur noch mit Fällen aus den Gemeinden des Altlandkreises, die dem Landkreis Schweinfurt zugeschlagen worden waren. Das Landratsamt war sofort weg, mit ihm die angegliederten Ämter wie Veterinäramt, Schulamt, Gesundheitsamt und Landwirtschaftsamt. Das Finanzamt folgte zum 1. Oktober 1975.

250 bis 300 Menschen – so Bräuers Schätzung – arbeiteten als Ausfluss der Reform nicht mehr in Gerolzhofen, darunter viele höher gruppierte Beamte mit ihren gut situierten Familien. Die zogen größtenteils weg – ein enormer Kaufkraftverlust für die Stadt.

17 Jahre nach der Reform war Hartmut Bräuer Bürgermeister von Gerolzhofen. Im Regionalplan war die Stadt inzwischen zu einem Mittelzentrum aufgestiegen, das bevorzugt zu entwickeln sei. „Darauf bin ich immer herumgeritten“, sagt Bräuer zu seiner Strategie.

Dass Gerolzhofen einen gewissen Ausgleich für den Zentralitätsverlust bekam, räumt Bräuer ein. An erster Stelle ist hier das Gymnasium zu nennen, auch wenn es bis zum heutigen Tag nur bis zur zehnten Klasse führt. Bis zum Stichtag 30. Juni 1972 war Gerolzhofen übrigens die einzige Kreisstadt in Unterfranken, die kein Gymnasium hatte. Bis 1968, als die Kreisreform noch in den Sternen stand, gab es allerdings Pläne, in Gerolzhofen zum Schuljahr 1971/72 ein Gymnasium zu eröffnen, das dann voll ausgebaut gewesen wäre. Insofern brachte die Reform auch in diesem Punkt Gerolzhofen eher einen Nachteil.

Wie den Verlust des Kreissitzes kompensieren? Ein gemeinsamer Fehler von CSU und SPD im Stadtrat sei es gewesen, Bürgermeister Franz Kreppel nicht gleich nach der Reform bei der Aufnahme ins Städtebauförderungsprogramm zu unterstützen. Erst 1978 unter Franz Stephan kam es dazu. Entscheidende Jahre waren in den Augen Bräuers verloren.

Eine weitere Möglichkeit, die Zentralität der Stadt zu fördern, war für Bräuer der Ausbau als Schulstadt, unbedingt auch mit einer starken Volkshochschule. Und Gerolzhofen sollte ein kulturelles Angebot mit einer großen Bandbreite vorhalten, das auch Auswärtige anzieht, listet der Altbürgermeister weiter auf.

„Wenn Gerolzhofen schon keine Kreisstadt mehr ist, dann war Schweinfurt doch die beste Option im Vergleich zu dem, was an Alternativen möglich gewesen wäre, zum Beispiel dem Kreis Haßberge oder Kitzingen zugeschlagen zu werden“, sagt Hartmut Bräuer. Unbestritten habe der Kreis Schweinfurt viel nach Gerolzhofen investiert.

Im Kreistag, so sieht es der Altbürgermeister, hat der südliche Landkreis und besonders die Stadt Gerolzhofen viel verloren. Während in den ersten beiden Jahrzehnten die Fraktionschefs fast aller politischen Gruppierungen im Kreistag aus Gerolzhofen kamen, ist das heute nicht mehr der Fall. Schlimmer noch: „Im Gegensatz zu früher spricht Gerolzhofen auch nicht mehr mit einer Stimme, sondern seine Kreistagsvertreter ordnen sich Fraktionszwängen unter."

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