SCHWEINFURT

Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge

Dirigent Armin Stawitzki gibt den Takt vor.
Dirigent Armin Stawitzki gibt den Takt vor. Foto: Anand Anders

Beckenbauer, Beckenbauer, Beckenbauer. Wenn Nils diesen Namen hört, weiß er genau, wie er zu spielen hat. Nils hat aber keinen Ball am Fuß, sondern eine Posaune in der Hand. Und wenn sein „Trainer“ immer wieder „Beckenbauer“ ruft, dann will er nicht die Dribblings des Fußballkaisers sehen, sondern korrekt gespielte Sechszehntelnoten hören. Denn genau so wie man die vier Silben bei „Be-cken-bau-er“ spricht, so müssen die vier Sechszehntelnoten klingen.

Nils ist zehn Jahre alt und lernt seit drei Jahren Posaune bei Armin Stawitzki. Der Diplom-Musiklehrer unterrichtet die Blechbläser an der Musikschule Volkach. 38 Schüler sind es aktuell. Auch das Nachwuchsorchester der Musikschule und das 52-köpfige Jugendblasorchester leitet der Kolitzheimer. Selbst spielt er Bass-Posaune in der Big-Band „Blue Moon Orchestra“. Auch Ehefrau Sabine ist Musikerin. Sie hat Fagott an der Musikhochschule in Würzburg studiert und dort ihren Ehemann kennengelernt. Sie unterrichtet ebenfalls an der Volkacher Musikschule. Selbstverständlich machen auch alle drei Kinder des Musiker-Ehepaares Musik. Im Hause Stawitzki dreht sich somit alles um die Musik.

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Reporter in Betrieb

Das brachte Andreas Plempel auf die Idee, seinen ehemaligen Musiklehrer für unsere Serie „Reporter in Betrieb“ zu empfehlen, bei der Redakteure in anderen Berufsfeldern mitarbeiten und darüber berichten. Sein Vorschlag: Wir sollen mal einen Tag mit Armin Stawitzki an der Musikschule unterrichten. Okay, so etwas Spezielles hatten wir noch nicht. Doch wie gut, dass es in unserem Redaktionsteam jemanden mit musikalischen Kenntnissen gibt. Folglich war sofort klar, dass ich diesen Reporter-in-Betrieb-Job übernehmen darf.

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Musikschuleinsatz

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Ob Armin Stawitzki auch gleich begeistert war von dieser Idee, das wissen wir nicht. Er war aber sofort bereit, das Experiment zu wagen. Vorab musste noch das Einverständnis von Musikschule und Eltern eingeholt werden, denn die Reporterin sollte ja aktiv den Unterricht mitgestalten. Und nicht nur das: Armin Stawitzki ließ das volle Programm durchlaufen, mit fünfeinhalb Stunden Einzelunterricht und anschließender Jugendorchesterprobe.

Aufregung vor der ersten Unterrichtsstunde

Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, als ich mit meinem Baritonsaxofon und meiner Klarinette am Dienstagmittag vor der Musikschule in Volkach stehe. Von einem Musikerkollegen – hobbymäßig spiele ich in einer Big Band in Bad Kissingen – habe ich mir kurz zuvor noch ein paar Tipps geben lassen, denn als Holzbläserin habe ich vom „Blech“ null Ahnung.

Valentin ist der erste Schüler. Der 13-Jährige kommt direkt von der Schule, hatte also keine Zeit, sich vorher auf seiner Trompete einzuspielen. Armin Stawitzki beginnt mit ein paar Atemübungen. Die richtige Atmung ist für Holz- und Blechbläser gleichsam wichtig. Von ihr sind Tonqualität, Intonation und Ausdauer abhängig. Bläser nutzen die Bauchatmung. Mein Klarinettenlehrer hat mir das immer so erklärt: „Stell' dir vor, in deinem Bauch ist ein Luftballon, den du beim Einatmen aufbläst und beim Ausatmen wieder ausquetscht.“ Armin Stawitzki macht's vor: Hand auf den Bauch legen, auf die Nabelhöhe konzentrieren und bewusst gegen die Hand ein- und ausatmen. Beim Einatmen wird der Bauch dick, beim Ausatmen zieht er sich wieder zurück. Im Trockenzustand ist das einfach, doch wenn man dabei „Die Moldau“ spielen muss, wird's schon schwieriger.

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Reporter in Betrieb

Hannes darf die Sirene machen

Hannes und Johannes, die nächsten Schüler, warten bereits mit ihrem Euphonium vor dem Unterrichtsraum. Die beiden Siebenjährigen wollen gleich loslegen. Doch zuerst stehen Lippenübungen mit dem Mundstück auf dem Programm. „Wir machen mal das Motorrad“, sagt Armin Stawitzki und wie auf Kommando dröhnt und röhrt es, so als würde ein Motorradfahrer an der Ampel Gas geben. Hannes darf noch die Sirene vormachen. Johannes hat vor dem Unterricht schon geübt und spielt stolz „Hänsel und Gretel“ vor. Weil's so gut klappt, spielt der Lehrer die zweite Stimme mit. Eine gelungene Premiere, meine ich. Der kleine Johannes ist da anderer Ansicht: „Du hast ja völlig falsch gespielt“, rügt er den Lehrer ob der ungewohnten Töne.

Im halbstündigen Rhythmus wechseln die Schüler. Jetzt ist Jonathan dran, und jetzt darf auch ich miteingreifen. Der Zehnjährige spielt schon im Nachwuchsorchester und hat die „Turmfanfare“, ein Stück für drei Trompeten, geübt. Die dritte Trompete ist diesmal meine Klarinette, und es klingt gar nicht schlecht. Auch Jonathans ein Jahr ältere Schwester Emma spielt Trompete. Zuhause machen die beiden aber nicht gemeinsam Musik.

„Das funktioniert nicht.“ Umso besser klappt anscheinend das Proben mit anderen Musikschülern. Denn das Blechbläser-Quintett, in dem Emma mitspielt, ist beim Kammermusikwettbewerb des Nordbayerischen Musikbundes kürzlich Verbandssieger geworden und darf demnächst beim Landesentscheid antreten.

„Für Elise“ auf dem Euphonium

Auch Felix war erfolgreich. Der Zwölfjährige hat vor zwei Wochen das Leistungsabzeichen in Bronze abgelegt. Doch Ausruhen ist nicht, im Unterricht geht es weiter zur Sache. Armin Stawitzki lässt mir freie Hand, ich darf mit Felix ein Duett einüben, das wir dann gemeinsam vorspielen. Bei Philipp setzt sich Armin Stawitzki sogar auf die Schülerbank und spielt mit dem 15-Jährigen auf dem Euphonium Beethovens „Für Elise“ vor.

Der 19-jährige Kilian ist einer der ältesten Schüler von Armin Stawitzki. Er spielt seit elf Jahren Trompete und ist bereits ins Sinfonische Blasorchester aufgerückt. Dort liegt die Messlatte schon ziemlich hoch, wie die Concert Etude von Alexander Goedicke zeigt, die der 19-Jährige gerade einstudiert. Viele schwarze Noten stehen auf dem Blatt, die schnell gespielt werden müssen.

Armin Stawitzki gibt ihm den Tipp, die Sechszehntel mit Doppelzunge zu spielen, also abwechselnd mit Zunge und Gaumen stoßen. Das hört sich dann so an: „Te-ke, te-ke, te-ke ...“ Bei uns Holzbläsern funktioniert diese Technik nicht, wir müssen den „Beckenbauer“ machen.

Auf fünfeinhalb Stunden Unterricht folgt Orchesterprobe

Zur Abwechslung darf ich die nächste Stunde beim Fagottunterricht von Ehefrau Sabine mithelfen. Als Holzbläserein kenne ich mich da aus. Zuerst braucht man ein passendes Rohr. Rote, gelbe, blaue, grüne Rohre hat Sabine Stawitzki bereitgelegt, aber Maria will das schwarze. Die Zehnjährige hat mit sieben Jahren angefangen, als sie endlich groß genug war für das große Fagott. Seitdem übt sie fleißig und wurde dafür jetzt belohnt. Im Trio mit zwei Oboe-Spielern gab es den ersten Preis beim Kammermusikwettbewerb auf Verbandsebene.

Mit Noah gibt es noch einen zweiten Fagott-Nachwuchsspieler. Der 14-Jährige spielt bereits im Jugendblasorchester und hat gerade das silberne Leistungsabzeichen abgelegt. Das beflügelt. Zum Tag der offenen Tür im Mai will er in einem Fagott-Quintett mitspielen. Das Stück ist rhythmisch gar nicht so einfach, weshalb ich zur Unterstützung den Takt mitklatsche.

Nach sechs Stunden Unterricht wird's nun ernst. Jetzt probt das Jugendorchester und ich soll/darf mitspielen. 52 Jugendliche – könnten vom Alter her alle meine Töchter oder Söhne sein – sitzen erwartungsvoll im großen Saal. Ich übernehme einen Teil der Einspielübungen. Tonleiter klingend C, lange Töne an- und abschwellen, dann in Viertel, Achtel und Sechszehntel – den Beckenbauer sozusagen – und zum Schluss noch dreistimmig auf Grundton, Terz und Quinte. Buh, danach bin ich froh, mich ins Orchester setzen zu dürfen, auch wenn ich hier mit meinem Baritonsaxofon eine Solistenrolle übernehme.

Der Dirigent zückt auch mal die gelbe Karte

Julian, mein Pultnachbar, hat die Noten schon bereitgelegt. Mit Musica Gloriosa geht es los, dann folgt das Konzertwerk Riflessi und vor der Pause die „Kleine Ungarische Rhapsodie“. Ziemlich ungewohnt, die Blasmusik, wenn man normalerweise nur Big-Band-Jazz spielt. Nach der Pause wird's modern mit den Filmmelodien von „Winnetou & Old Shatterhand“. Das macht den Jugendlichen richtig Spaß. Armin Stawitzki hat seine Musiker gut im Griff. Wenn's zu unruhig wird, zeigt er auch mal die gelbe oder gar rote Karte. Dann geht es Schlag auf Schlag: Nummer 3231, You raise me up, danach 4061, Friends for Life, und zum Abschluss „We are the world“ aus der Feder von Michael Jackson und Lionel Richie.

Kaum ist der letzte Ton verklungen, werden eiligst Stühle, Pulte und Noten aufgeräumt. Für Armin Stawitzki endet ein langer Arbeitstag, und bei mir schwirrt immer noch der „Beckenbauer“ im Kopf herum.

Tagblatt-Serie

Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir über den Tellerrand schauen und erfahren, wie es in anderen Berufsfeldern zugeht. Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de

ONLINE-TIPP

Die bisher erschienenen Reportagen zu „Reporter in Betrieb“ und eine Bilderserie finden Sie unter www.mainpost.de

Auch ein Glockenspiel kommt beim Jugendblasorchester zum Einsatz.
Auch ein Glockenspiel kommt beim Jugendblasorchester zum Einsatz. Foto: Anand Anders
Lehrerin Sabine Stawitzki mit ihrem Fagottschüler Noah.
Lehrerin Sabine Stawitzki mit ihrem Fagottschüler Noah. Foto: Anand Anders
Mittendrin: Mit meinem Baritonsaxofon darf ich in der Probe mitspielen.
Mittendrin: Mit meinem Baritonsaxofon darf ich in der Probe mitspielen. Foto: Anand Anders
Premiere: Reporterin Irene Spiegel darf bei der Jugendorchesterprobe die Einspielübungen übernehmen.
Premiere: Reporterin Irene Spiegel darf bei der Jugendorchesterprobe die Einspielübungen übernehmen. Foto: Anand Anders
Gespiegelt: Der Tubist im Jugendblasorchester.
Gespiegelt: Der Tubist im Jugendblasorchester. Foto: Anand Anders
Akkurat: der Posaunensatz des Jugendblasorchesters.
Akkurat: der Posaunensatz des Jugendblasorchesters. Foto: Anand Anders
Dirigent Armin Stawitzki gibt den Einsatz.
Dirigent Armin Stawitzki gibt den Einsatz. Foto: Anand Anders
Armin Stawitzki kann die Musiker begeistern.
Armin Stawitzki kann die Musiker begeistern. Foto: Anand Anders

Rückblick

  1. Tag im Grünen: Arbeitseinsatz bei der Solidarischen Landwirtschaft
  2. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  3. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  4. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  6. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  8. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  11. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  12. Ein Knochenjob
  13. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  14. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  16. Zwischen Stall und Teller
  17. Brotzeit mit Herz
  18. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  19. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  20. Adlerauge für den Datenhighway
  21. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  22. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  23. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  24. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  25. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  26. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  27. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  28. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
  29. Serie „Reporter in Betrieb“: Die Arbeit mit der Kunst
  30. Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld
  31. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
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