HANDTHAL

Vom Hunger der Nachkriegszeit bis zum Butterberg

Gemeinsam: Der Schweinfurter BBV-Obmann Konrad Klein, Kreisbäuerin Sieglinde Fackelmann sowie die Haßfurter Kreisbäuerin Cäcilie Werner und Obmann Klaus Merkel (von links) schneiden die Geburtstagstorte an. Foto: Finster

Der Bayerische Bauernverband ist älter als die Bundesrepublik und ihr Grundgesetz. Nur wenige Monate nach Kriegsende, genau am 7. September 1945, wurde er gründet.

Das war in einer Zeit, als auf den Bauernhöfen viele Bauern und ihre Söhne fehlten, weil sie in Kriegsgefangenschaft oder gefallen waren. Dazu fehlte es an den einfachsten Betriebsmitteln wie Saatgut, Dünge- und Futtermittel.

An diese Anfangszeit erinnerte Kreisbäuerin in den Haßbergen, Cäcilie Werner (Wonfurt) bei der gemeinsamen Jubiläumsveranstaltung zum 70-jährigen Bestehen des Bayerischen Bauernverbands (BBV) der Kreise Schweinfurt und Haßberge im Steigerwaldzentrum bei Handthal. Zusammen mit dem Schweinfurter Obmann Konrad Klein (Schraudenbach) beleuchtete sie die Geschichte der beiden Kreisverbände, die seit vier Jahren durch eine gemeinsame Geschäftsstelle verbunden sind. Anfangszeit und Gegenwart ähneln sich dabei durch die großen Flüchtlingsströme. Die Leitung von damals schätzte Werner allerdings viel höher ein als die heutige, weil sie im Szenario eines verwüsteten Lands stattfand und eine katastrophale Ernährungssituation herrschte.

Damit hängt auch die Gründung des BBV so bald nach Kriegsende zusammen. Für die Militärregierung war es wichtig, eine Organisation zu haben, über die die Bauern zu erreichen waren.

In Bayern gebe es die Besonderheit, dass mit der Gründung des BBV auch die Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts einhergingen. Damit wurden dem Bauernverband Aufgaben übertragen, die andernorts eigene Landwirtschaftskammern erledigten.

Nachdem es die Körperschaftsrechte 1960 offiziell auch vom Freistaat bekam, war die bis heute praktizierte Dreifachfunktion des BBV besiegelt – Interessenvertretung, Beratung und Dienstleistung sowie Erledigung der vom Staat vertragenen Aufgaben.

Kreisobmann Konrad Klein berichtete in seinem Part, dass bereits 1951 die Bauern- und Bäuerinnenschule in Herrsching am Ammersee gegründet wurde und sich die Landjugendbewegung und Jungbauernschaft organisierten.

Anfang der 50er Jahre hat ein Bauer gerade mal 15 Personen mit Lebensmitteln versorgt, heute sind es 144. Ab 1957 mit dem Abschluss der Römischen Verträge kam auch Europa ins Spiel. In den 60ern türmten sich die ersten Butterberge auf. Der Ursprungsauftrag der Landwirtschaft, die Ernährung sicherzustellen, führte durch gute Umsetzung und den Fleiß der Landwirte plötzlich zu Überschüssen.

Aus dem BBV-Kreisverband Gerolzhofen, der im Zuge der Gebietsreform 1972 mit den Schweinfurter Kollegen fusioniert wurde, kam die Lindacherin Maria Wiederer, die es bis zur Landesbäuerin brachte. Klein streifte weitere wichtige Stationen für die Landwirtschaft: Den Ausbruch der Rinderkrankheit BSE 2001 auch in Deutschland, den Absturz der Getreidepreise 2008 und in den zurückliegenden Jahren die Diskussion um die Massentierhaltung, die Umweltverträglichkeit der Landwirtschaft und das Lebensmitteldumping bei den Discountern. Einfluss auf die Landwirtschaft nahmen zuletzt auch immer häufiger werdende Wetterextreme von der Flutkatastrophe 2013 bis zum Dürrejahr 2015.

Stark geschrumpft ist nicht nur die Zahl der Berufskollegen, sondern auch der bewirtschafteten Fläche. In den Kreisen Schweinfurt und Gerolzhofen gab es anfang der 50er noch 8650 Betriebe, zehn Jahre später waren es schon 2000 weniger.

Nicht ganz zu vergleichen sind die Zahlen nach dem Aufgehen des BBV-Kreisverbands Gerolzhofen in den Schweinfurter, weil Teile aus Gerolzhofen auch an Kitzingen oder die Haßberge gingen. Dennoch bedeutet die Zahl von 1165 in 2015 Betrieben im Kreis einen drastischen Rückgang. Dafür stieg die Betriebsgröße von durchschnittlich 7,4 Hektar Anfang der 50er bis auf heute 28, Hektar. Auf der anderen Seite hat sich eine hohe Produktivitätssteigerung ergeben. 1950 brachte beim Weizen ein Hektar einen Ertrag von 22,2 Doppeltonnen, heute sind es 75,2.

Vorangegangen war dem Festakt ein ökumenischer Gottesdienst, den Wortgottesdienstleiter Hermann Hotz (Geusfeld) für die katholische und Elisabeth Beck (Füttersee) für die evangelische Seite hielten.

Die Schweinfurter Kreisbäuerin Sieglinde Fackelmann und der Haßberge-Obmann Klaus Merkel erinnerten in ihren einführenden Worten daran, dass es seit vier Jahren eine gemeinsame Verbandsgeschäftsstelle Schweinfurt-Hofheim gebe. Merkel sprach sich für die Fortführung der bisherigen Waldwirtschaft, also gegen einen Nationalpark Steigerwald aus. Der BBV habe ein breites Spektrum an Erzeugern vom Milchviehhalter bis zum Winzer unter seinem Dach.

„Die fidelen Alten“ unter Bernhard Strahl umrahmten Gut besucht war das Nachmittagsprogramm mit Führungen durchs Zentrum, einem Auftritt des Landfrauenchors, Kinderprogramm und einer Demonstration der Bodenbearbeitung.


 

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