SCHWEINFURT

Vom Kriegstaumel ins Lazarett

Frauen in der Kriegsproduktion: In welchem Metallbetrieb diese Aufnahme während des Ersten Weltkriegs entstand, ist unbe... Foto: ReproAnand Anders

Vor 100 Jahren, Anfang August 1914, hat der deutsche Kaiser Russland und Frankreich den Krieg erklärt. Es folgte statt eines glorreichen Sieges in wenigen Wochen das bis dato schlimmste Gemetzel der Weltgeschichte mit Massenvernichtungswaffen wie Giftgas und Maschinengewehren. Welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf Schweinfurt und sein Umland hatte, zeigt eine sehenswerte Ausstellung im DGB-Gewerkschaftszentrum am Zeughaus, erstellt von IG-Metall-Betriebsräten und Vertrauensleuten der Firma Schaeffler.

„Die Spannung während des gestrigen Nachmittags war in Erwartung des Mobilmachungsbefehls ungeheuer. Überall bildeten sich Gruppen, die in banger Erwartung Hoffnungen oder Befürchtungen austauschten. Als aber die amtliche Kundgebung des erfolgten Befehls zur Mobilisierung am Rathaus angeschlagen wurde, brach allgemeine Begeisterung durch.“ (Schweinfurter Tagblatt, 2. August 1914).

Da hat sie sich auch in Schweinfurt Bahn gebrochen, die Kriegseuphorie, der Siegestaumel, der irrationale Glaube, Russland und Frankreich in wenigen Wochen militärisch besiegen zu können und Weihnachten wieder daheim zu sein. Kaum war des Kaisers Thronrede „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ gehalten, gab es die ersten Spar-Appelle an die Bevölkerung, sagt Aribert Elpelt, Schaeffler-Betriebsrat, der die Ausstellung mit weiteren Kollegen maßgeblich erstellt, Bild- und Text-Dokumente zusammengetragen hat. „Spare Seife“ fordert etwa ein Plakat, gezeichnet vom „Kriegsausschuß für Oele und Fette“.

Als Soldaten auf ihrem Weg zur Front am Schweinfurter Bahnhof eintrafen, wurden sie noch von Krankenschwestern mit „Freundschaftsgaben“ bedacht. Den Frauen sollten bald schon ganz andere Arbeiten und Strapazen bevorstehen, als Freundschaftsgaben an Männer zu verteilen. Nachdem aus dem erhofften Blitzkrieg eine lang andauernde verlustreiche Materialschlacht wurde, mussten sie bald die Männer in den Schweinfurter Metallbetrieben ersetzen. Ein Foto aus dem ersten Kriegsjahr zeigt sie in Kleidern und Schürzen, wie gerade aus der Küche weg in die Fabrik geholt. Erst später trugen sie Arbeiterkleidung – Jacken, Hosen Mützen.

Der „Kufi“, so Elpelt, „bekam einen Großauftrag für Schrapnellgranaten und Kugeln, die aber nicht ganz rund sein durften“, damit sie zu schlimmeren Verletzungen führen konnten. Doch nicht nur in den Fabriken waren Frauen plötzlich als Arbeitskräfte gefragt, sondern überall, wo der Marschbefehl zur Front Lücken gerissen hatte. Frauen wurden zu Schaffnerinnen, Milch- und Zeitungsverkäuferinnen – und in Schweinfurt bei härtesten Band- und Schichtarbeiten in der Kriegsproduktion eingesetzt. Ein Bild zeigt Frauen, von denen eine einen Teddybär in der Hand hält. „Die haben in den Fabriken auf die Kinder der Arbeiterinnen aufgepasst“, so Elpelt, „damals hatten viele Familien fünf Kinder oder mehr, die konnte man ja nicht alleine lassen.“ So hat der 1. Weltkrieg in Schweinfurt kurz mal zu Betriebskindergärten geführt.

Im August 1917 berichtete das Schweinfurter Tagblatt: „Erst die harte Not des Weltkrieges musste kommen, um mit dem tief-eingewurzelten Vorurteil aufzuräumen, daß die Frau in den verschiedenen Berufen den Mann zu ersetzen nicht fähig sei. Heute gibt es fast kein Arbeitsgebiet mehr, auf dem ihrer Tätigkeit nicht volle Anerkennung gezollt werden muß.“ Je länger der Krieg dauerte, um so mehr Arbeit hatten die Frauen auch in Lazaretten. In der Turnhalle war ein „Vereinslazarett“ eingerichtet, in der Turngemeinde auch, im Oberndorfer Schulhaus, in Gochsheim, im Schloss Mainberg. Sie sind in Fotos dokumentiert.

So führt die Ausstellung im DGB-Gewerkschaftszentrum in Wort und Bild vom Kriegstaumel der Mobilmachung über Sparappelle und Durchhalteparolen am Ende in die Lazarette. Dass Gewerkschafter diese Ausstellung erstellt haben, liegt nicht sehr fern, sie sind traditionell pazifistisch eingestellt. Kriege würden wegen Rohstoffen, um Gebiete und aus religiösen Gründen geführt, so DGB-Chef Frank Firsching. Arbeitnehmer hätten kein Interesse daran. „Eigentlich will doch jeder nur in Ruhe leben und arbeiten.“

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