GEROLZHOFEN

Vom Wahnsinn der Gerolzhöfer

Triumphus Franconiae: Eine Lobschrift von Echters Weihbischof Eucharius Sang beleuchtet die Eskalationsstufen bei der Gegenreformation des Fürstbischofs.
Die Regierungszeit des Fürstbischofs Julius Echter, der vor 400 Jahren gestorben ist, ist geprägt von zahlreichen gegenr... Foto: Klaus Vogt

Im Jahr 1617 verfasste der Würzburger Weihbischof Eucharius Sang eine in Latein abgefasste Lobschrift auf Bischof Julius Echter: den „Triumphus Franconiae“. Genau hundert Jahre, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht und damit der Reformation den Weg bereitet hatte, sollte Sangs Lobschrift eine direkte Antwort sein auf die zahlreichen reformatorischen Säkularfeiern, die damals aus Anlass der 100-jährigen Wiederkehr des Thesenanschlags stattfanden.

Roland Sauer hat diese lateinische Lobschrift im eben erschienenen 79. Band der „Würzburger Diözesangeschichtsblätter“ (ISSN: 0342-3093) in einer deutschen Übersetzung und Kommentierung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eucharius Sang, einer von Echters engsten geistlichen Mitarbeitern, bedient sich einer kräftigen Polemik gegen die Reformation und spart naturgemäß nicht mit heftigem Lob für die Erfolge des Gegenreformators Echter. In dem von Sang bescheiden als „opella“ (Werklein) bezeichneten Text lassen sich gut die verschiedenen Stufen der Gegenreformation herauslesen, die dann letztlich im Verjagen der Protestanten aus Gerolzhofen gipfeln.

Zu Beginn seines Aufsatzes schildert der Weihbischof die Ausgangslage, die Julius Echter bei seiner Wahl zum Würzburger Oberhirten vorfand. „Manche billigten die Dogmen Calvins. (...) Mehr Leuten gefiel die Lehre des einstigen Mönchs Martin aus Eisleben, den Sinnen des Leibes sehr angenehm.“ Sang spielt damit auf Luthers Ablehnung der Werkgerechtigkeit an, die eine Distanzierung von Fasten und Abstinenz zur Folge hatte. Hinzu kam die Abkehr vom mönchischen Leben und vom Zölibat. Sang fasst die Lage bildlich so zusammen: „Auf dem Wagen schien der Heilige Kilian zu sitzen, aber am Lenkzügel war Martin aus Eisleben.“

„Mit Nächstenliebe zu Hilfe kommen“

Julius Echter habe in dieser ernsten Situation zu Beginn seiner Regentschaft sich erst einmal den Rat und die Meinung von Personen seines Umfelds eingeholt. Doch die Ratgeber urteilten, „das Ausmaß der Krankheit (...) sei so groß, dass sie keinen Heilmitteln weiche und keine heilende Hand zulasse.

Die unseligen Unkräuter seien im fränkischen Acker so stark geworden und hätten so tiefe Wurzeln geschlagen, dass Angst bestehe, wenn sie ausgerissen würden, werde auch mehr als sicher der Weizen ausgerissen und was es sonst noch an nützlicher und willkommener Feldfrucht gebe.“

Da Echter also, so Weihbischof Sang, von jeder menschlichen Unterstützung entblößt gewesen sei, sei ihm vom Himmel eingegeben worden, „bei der Behandlung der Krankheit seiner Untertanen müsse man sich (...) jeglicher Strenge enthalten und mit Nächstenliebe zu Hilfe kommen“.

Schritt eins von Echters Strategie war die Gründung zweier Kollegien zur Ausbildung neuer Priester. Ziel sei es laut Sang gewesen, „durch Disputation mit den Sektierern zu streiten, damit die, die nicht das Eisen bezähme noch das Schwert besiege, ein weiser und frommer Priester niederkämpfe“. Für die neu ausgebildeten Priester mussten etwa 100 bis 120 lutherische Prediger den weltlichen Herrschaftsbereich Echters verlassen. Allerdings hatte diese Aktion nicht den durchschlagenden Erfolg, den sich der Fürstbischof vielleicht erhofft hatte.

Ein Blick auf die damalige Situation in Gerolzhofen zeigt dies deutlich: Zu Beginn von Echters Regierungszeit wirkte Pfarrer Konrad Moltner in Gerolzhofen. Bei seiner Amtsführung scheint es bereits eine Art Misch-Konfession gegeben zu haben. Moltner bietet den Gläubigen – bis der Bischof dies verbietet – zunächst den Kommunionempfang unter beiderlei Gestalten, genau wie es die Protestanten wünschen. Andererseits sorgt Moltner aber auch dafür, dass der Lehrer der Latein-Schule entlassen wird, weil er der „widerwärtigen Religion“ angehört. Und er verweigert, wie von Würzburg gewünscht, den Protestanten bei Beerdigungen die kirchlichen Handlungen.

Schillernde Persönlichkeit

Moltners Nachfolger Andreas Kiesling verhält sich ähnlich ambivalent. Einerseits beschwert er sich in Würzburg, dass sonntags viele Gerolzhöfer nicht zu ihm in den Gottesdienst kommen, sondern in benachbarte Orte zu protestantischen Predigern „auslaufen“ und ihm selbst sogar Prügel androhen, wenn er dies zu verhindert sucht. Er regt an, dass junge Männer vor ihrer Bürgerannahme durch die Stadt erst bei ihm beichten und die Kommunion empfangen sollten.

Andererseits ist er aber verheiratet und flüchtet im Dezember 1575 aus Würzburg, wo er wegen Geldschulden inhaftiert worden war, nach Ansbach, um sich dort als protestantischer Pfarrer anzudienen, während ersatzweise seine Ehefrau in Ketten gelegt wird.

Nach einer Zeit der Vakanz, bei der es wegen der „Fahrlässigkeit“ der Kapläne in den Matrikelbüchern drunter und drüber geht, wird schließlich am 8. Juli 1578 Caspar Dieterich von Julius Echter als Pfarrer nach Gerolzhofen geschickt. Wird er zunächst als „ehrenwerter Mann“ beschrieben, stellt sich schon 1579 heraus, dass auch er gegen den Zölibat verstößt. Schnell nimmt auch von Seiten der Gläubigen die Kritik zu, gerade im angegliederten Frankenwinheim würde man den Pfarrer viel zu selten sehen. Erneute Schlampereien beim Führen der Matrikelbücher werden auf Dieterichs Gebrechlichkeit zurückgeführt. Anfang 1583 verunglückt der Pfarrer bei einem Unfall zwischen Schallfeld und Gerolzhofen tödlich, als der Karren mit Weinfässern, auf dem er mitfährt, umstürzt.

Ab dem 30. Januar 1583 schickt Echter dann den aus Regensburg stammenden Magister Daniel Stauber in die Steigerwaldstadt, ehemals Hofkaplan und Chorherr im Stift Neuenmünster. Er gilt in der Fachliteratur allgemein als „harter Hund“, als „Speerspitze der Gegenreformation“. Ob er das tatsächlich auch war? Er lebt im Pfarrhof hinter der Kirche zusammen mit seiner Mutter als Pfarrköchin, einer Viehmagd und zwei Knaben, die laut Visitationsbericht die Söhne seiner Schwester und seines Bruders sein sollen. Ob sich hinter dieser „Magd“ und den beiden „Neffen“ vielleicht seine Konkubine und seine eigenen Kinder verbergen? Es gibt aber keine konkreten Hinweise darauf. Allerdings wird bei einer Visitation 1589 festgestellt, dass drei Gerolzhöfer Priester – vermutlich Vikare oder Kapläne – trotz Staubers Anwesenheit weiterhin verheiratet sind.

Und am 1. August 1589 beschwert sich die Priesterschaft des Dekanats in einem Brief an Fürstbischof Julius Echter dann ganz offiziell über Daniel Stauber. Denn obwohl dieser der Dekan des Landkapitels Gerolzhofen sei, bleibe er der Kapitelversammlung fern. Außerdem wird seine mangelhafte Rechnungsführung kritisiert. Das hatte sich Echter sicher anders vorgestellt. . .

1590 wird der aus Haßfurt stammende Magister Johannes Knopf der neue Gerolzhöfer Pfarrer. In seiner Amtszeit lässt Echter die Pfarrkirche von Grund auf renovieren und umbauen. 1598 weist Echter Knopf an, er solle doch dafür sorgen, dass die Stadträte öfter in den Gottesdienst gehen. Doch gerade bei der Seelsorge scheint Knopf kein glückliches Händchen gehabt zu haben: 1610 wird nach Würzburg gemeldet, dass die Kirchenbesucher lauthals im Gottesdienst lachen. Übrigens: Auch bei Knopf gibt es Kinder im Pfarrhaus. Es soll sich dabei aber um die Kinder einer Schwester gehandelt haben, ist im Gerolzhöfer Stadtarchiv nachzulesen.

Zurück zum „Triumphus Franconiae“. Schritt zwei bei Echters Gegenreformation galt den Schulen, berichtet Eucharius Sang. „Auch in die Schulen war Martin aus Eisleben hineingekrochen und hatte durch die Schulleiter sein Gift in die zarten Knabenseelen hineingespritzt. (...) Deshalb wurden von überall her Lenker des Knaben- und Jugendalters gesucht. (...) Und diese wurden unverzüglich in die schulischen Ämter übernommen, nachdem die Verderben bringenden Schulmeisterlein ausgeschlossen waren.“ In Gerolzhofen musste Echter bei der Lehrerschaft nicht mehr eingreifen. Dies war bereits unter seinem Vorgänger Friedrich von Wirsberg geschehen. 1570 hatte Pfarrer Konrad Moltner die Entlassung des Gerolzhöfer Latein-Schulmeisters Melchior Silber in die Wege geleitet. Außer dass dieser der „widerwärtigen Religion“ angehöre, führe sich der Lehrer zudem ungebührlich gegenüber dem Pfarrherrn auf. Ein Protestschreiben des Stadtrates gegen die geplante Entlassung Silbers verpufft. Friedrich von Wirsberg entzieht dem Melchior Silber seine Dienstbezüge und setzt ab dem 27. September 1570 den aus Miltenberg stammenden und offenbar der alten Religion angehörenden Magister Andreas Leonhard Agricola als lateinischen Schulmeister ein.

Agricola bleibt über 30 Jahre lang in Gerolzhofen im Dienst, auch Julius Echter hat offenbar nichts an dem Mann auszusetzen, insbesondere wenn es um seine religiöse Ausrichtung geht. Bei den Nachfolgern Agricolas hat man später dann wieder weniger Glück. In den Visitationsberichten wird berichtet, dass die Lehrer jung seien und den Mädchen nachlaufen würden, später werden die Schulmeister auch als „unfleissig“ und als versoffene Existenz bezeichnet. Aber sie schien wenigstens den „richtigen“ Glauben zu besitzen.

Keine kirchliche Riten bei Beerdigungen

Stufe drei bei Echters Vorgehen galt den Ratsherren. Echter wies an, protestantische Stadträte „nicht schmachvoll, wie er es verdient hatte, sondern ehrenvoll zu entlassen. (...) Wenn in den Dörfern und in den Städten ein Ratsherr, der Anhänger des Eislebeners gewesen war und den Papst gehasst hatte, durch Tod abgegangen war, wurden geeignete Männer zum Übernehmen derartiger Ämter eingesetzt.“ Doch Echters Idee ging nicht auf. „Aber weil es immer wieder geschah, dass einige Jahre lang kaum der eine oder andere der Räte und Bürgermeister von der Eislebener Lehre starb, hielt man daraufhin diese Methode der Verbreitung der Religion für allzu langdauernd.

Der Fürstbischof eskalierte nun allmählich sein Vorgehen. Er wies an, dass Protestanten nicht mehr kirchlich beerdigt werden sollten. „Bei der Bestattung würde man keine Glocke hören, kein Licht, kein Kreuz würde vorangetragen werden, kein Gesang, kein kirchliches Zeremoniell würde Verwendung finden, auch der in liturgische Gewänder gekleidete Priester würde fehlen.“ Doch der Erfolg dieser Anweisung war wieder nur überschaubar, gesteht Eucharius Sang: „Jene Härte und Strenge bewegte und beugte einige, aber weit weniger, als erhofft worden war.“

Julius Echters nächste Idee: Er schickte ausgesuchte Magister und Doktoren der Theologie, unter ihnen Jesuiten, als Prediger zur Bekämpfung der Irrlehre durch die Ämter und Herrschaftsgebiete. „Aber der Erfolg für die aufgewendeten Mühen blieb aus, und das einmal begonnene Werk wurde nicht zum erwünschten Ziel geführt.“

Der Fürstbischof zog in die Schlacht

Dann war es im Jahr 1586 so weit: Echter selbst reiste in seine Amtsstädte. „Aus seinem fürstlichen Palast stieg er wie ein furchtloser Führer und Feldherr im Krieg in seine Diözese herab wie auf ein sich sehr weit erstreckendes Schlachtfeld, um die Kämpfe für den Herrn auszufechten.“ Auch auf den Besuch Echters mit seinem adeligen Gefolge in Gerolzhofen geht Eucharius Sang ein. „Die Gerolzhöfer waren so weit im Wahnsinn, so weit in der Unbedachtheit und Verwegenheit abgeirrt, dass sie zu beraten begannen, ob sie den Bischof in die Stadt aufnehmen sollten, falls er nicht als Fürst, sondern als Bischof komme und ihnen eine andere Religion befehle, als sie sich schon angeeignet hätten und zu behalten gedächten, auch bei Verlust ihres Lebens und ihrer Güter. Aber nachdem sie diesen überaus verderblichen Plan hatten fallen lassen, trafen sie vernünftigere Beschlüsse, da sie dem Ankommenden nicht nur die Stadttore öffneten, sondern ihn sogar mit einem festlichen Abschießen der Musketen empfingen.“ Die „Küken Calvins und Martins aus Eisleben“ hätten mit den Zähnen geknirscht und Schmähungen, inhaltslose Lügen, unaussprechliche Beleidigungen und Verleumdungen gegen Julius und die adeligen Kanoniker der Domkirche ausgespieen.

Weil sie sich weigerten, die heilenden Hand ihres Bischofs anzunehmen, sei Echter gezwungen gewesen, „gewissermaßen seinem eigenen Fleisch und Blut Gewalt zuzufügen“. Die Protestanten mussten Würzburger Gebiet verlassen.

„Triumphus Franconiae“

Verfasser des lateinischen Textes „Triumphus Franconiae“ ist Eucharius Sang. Er wurde 1555 in Mellrichstadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) geboren. Er studierte zunächst in Erfurt, ehe er 1574 in das geistliche Seminar in Würzburg eintrat. Fürstbischof Julius Echter schickte den jungen Eucharius von 1579 bis 1584 nach Rom zur weiteren Ausbildung an das Collegium Germanicum. Danach wurde Sang in Würzburg der Hofkaplan Echters und Mitglied im Geistlichen Rat. In dieser Eigenschaft begleitete er Julius Echter 1586 mutmaßlich auch nach Gerolzhofen, als der Fürstbischof die Protestanten aus der Stadt jagte.

1591 promovierte Sang zum Doktor der Theologie, 1595 wurde er Regens des Priesterseminars, ab 1597 Professor für Moraltheologie an der Universität Würzburg. Im gleichen Jahr wurde er zum Titularbischof des untergegangenen Bistums Augustopolis in Phrygien in der heutigen Türkei ernannt und Würzburger Weihbischof. Eucharius Sang war einer von Echters wichtigsten Mitarbeiter in der Gegenreformation. Er starb am 11. März 1620 und wurde in Würzburg (im inzwischen abgerissenen) alten Stift Haug beigesetzt. kv

Schlagworte

  • Gerolzhofen
  • Klaus Vogt
  • Beerdigungen
  • Bischöfe
  • Fürstbischöfe
  • Gegenreformation
  • Geistliche und Priester
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Magister
  • Martin Luther
  • Pfarrer und Pastoren
  • Protestanten
  • Roland Sauer
  • Weihbischöfe
  • Zölibat
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!